Die blassgrüne Kämpferin

Seit über 20 Jahren politisiert Karin Rykart. Unauffällig, aber fleissig. Nun will sie für die Grünen den zweiten Stadtratssitz zurückerobern.

Authentizität ist ihr wichtig: Karin Rykart. Foto: Doris Fanconi

Authentizität ist ihr wichtig: Karin Rykart. Foto: Doris Fanconi

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Sie hinterlässt kein bleibendes Bild. Ihre Aussagen sind selten reisserisch. Ihren Auftritten haftet wenig Glamouröses an. Ihre Erscheinung prägt sich einem nicht ein. Selbst ihr Name bleibt kaum hängen. Karin Rykart.

«Blassgrün, brav, banal». So charakterisieren die Gegner jene Gemeinderätin, die für die Grünen den zweiten Sitz im Stadtrat zurückerobern will. Beim Abgang von Ruth Genner vor vier Jahren hat ihn die Partei an die FDP verloren; Finanzvorsteher Daniel Leupi ist derzeit der einzige Parteivertreter im Gremium.

Doch in Karin Rykart steckt mehr, als ihr Bild vermittelt. Das hat sie just auf dem Weg zu ihrer Kandidatur bewiesen. In der internen Ausmarchung der Stadtpartei stach sie Nationalrat und Medienstar Bastien Girod aus – und überraschte viele. Bloss ihre Weggefährten waren über diesen Coup nicht erstaunt.

Männerrunden besänftigen

Ein Flair für Politik attestieren Karin Rykart alle. Auch ihre Gegner. In ihren zwölf Jahren als Gemeinderätin habe sie «Kompetenz», «Fleiss» und «breites Wissen» bewiesen. In der Rechnungsprüfungskommission hat sie sich zudem Respekt erarbeitet. Ein FDPler aber zweifelt noch heute daran, dass ihr die Sache viel Spass machte.

Rykart ist die stille Schafferin. Sich zu profilieren, andere verbal zu blenden, beide Verhaltensmuster entsprechen nicht ihrem Naturell. Authentizität ist ihr wichtig. Sie ist auch keine Vielrednerin. Selbst in den vier Jahren, während denen sie die Fraktion führte, war sie keine der Sorte, die zu allem etwas beifügt. Ergreift sie das Wort, argumentiert sie sachlich und meinungsstark. Dann vermag sie selbst hitzige Männergemüter zu besänftigen.

Video: Der Zürcher Schandfleck von Karin Rykart

Bei ihrem Unort, der Langstrassenunterführung, zeigt die Grüne Stadtratskandidatin, was sie bei einer Wahl in Zürich ändern würde. Video: Lea Blum

Rykart pflegt bewusst den Kontakt über die Parteigrenzen hinweg. Sie hört den Gegnern zu und lässt sich auf Diskussionen ein. Sie schlägt sich auch einmal auf die Seite einer bürgerlichen Frau, wird diese ungerecht behandelt. Fairness und Anstand sind ihr wichtig. Ein SVPler attestiert Rykart, dass «sie aber durchaus auch humorvoll sein kann». Bloss, das allein genügt ihren Widersachern nicht. Sich über Hintergrundarbeit zu definieren, sei noch kein Fachausweis für eine Stadträtin, sagen sie. In ihren Augen zählen grosse politische Erfolge, starke Positionen, ein klarer Führungsanspruch und Visionen. All das lasse Rykart vermissen.

Einen ersten Erfolg hatte die 46-Jährige in ihren Anfangsjahren im Rat. Sie erwirkte 2009, dass das städtische Personal zwei statt einer Woche Vaterschaftsurlaub erhält. Danach war sie massgebend an der Initiative für «bezahlbares und ökologisches Wohnen» beteiligt, aus der die Stiftung «Einfach Wohnen» hervorgegangen ist. Sie reichte Vorstösse zugunsten des städtischen Personals ein, zur Gleichstellung von Frauen oder zum Verkehr. Mit einem Vorstoss zu Auspuffklappen katapultierte sich Rykart ins mediale Rampenlicht. Sie, die in der Stadt nur auf dem Velo unterwegs ist, wollte die Klappen bei PS-starken Autos verbieten.

Rykart sieht sich immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, sie sei im Grunde eher eine grüne Sozialpolitikerin als eine Umweltpolitikerin. Ihre Fürsprecher sehen darin eine Stärke. Sie mache sie für eine breite Masse wählbar und qualifiziere sie für jedes Departement.

Zaudern beim Stadion

Bei Grossprojekten hat sich Rykart als Verhinderin einen Namen gemacht. In der Causa Hardturmstadion erschien sie als Taktiererin. Ausgerechnet bei jenem Projekt vor ihrer Haustür. Gegen den ersten Entwurf, das für die Fussball-Europameisterschaften 2008 geplante «Pentagon», wehrte sie sich. Das zweite Projekt befürwortete sie. Es wurde aber an der Urne abgelehnt. Beim neusten Vorschlag der privaten Investoren hat sie sich erst nicht klar positioniert. Nun lehnt sie ihn ab.

Dass auf dem Carparkplatz ein Kongresszentrum entsteht, will Rykart ebenfalls nicht. Sie bevorzugt auf dem Areal beim Hauptbahnhof genossenschaftliche Wohnungen.

Rykarts Art des Politisierens hat viel mit ihrer Herkunft zu tun. Das aargauische Neuenhof, der Ort ihrer Kindheit, hat sie geprägt. Die Autobahn und der hohe Ausländeranteil schärften ihr Bewusstsein für Umwelt und Gesellschaft. Von der dänischen Mutter lernte sie, dass es normal ist, wenn beide Elternteile arbeiten. Vater und Grossvater brachten sie zur Politik – beide waren aktive SP-Mitglieder. Mit 21 Jahren war sie Einwohnerrätin in Neuenhof. 1993 wurde Christiane Brunner nicht in den Bundesrat gewählt. Rykarts Feuer für politisches Engagement war entfacht.

Keine Marktschreierin

Seither setzt sie sich für mehr Frauen in der Politik ein. Ihre Kandidatur soll dazu beitragen. Mit dem Begriff Quotenfrau kann sie leben, denn sie bringt die nötigen Voraussetzungen für das Amt mit: Ausbildung, Erfahrung und viel Leidenschaft. Politik ist neben Familie und Beruf Rykarts dritter Lebensinhalt. Er nimmt viel Platz ein. Dafür hält ihr der Ehemann den Rücken frei und kümmert sich um die drei Teenager-Kinder.

Vor vier Jahren stellte sie sich bereits einmal als Kandidatin zur Verfügung, scheiterte aber parteiintern an Markus Knauss. Ausgerechnet. Dass die beiden keine Freunde sind, ist bekannt. 2015 kam es zum Zerwürfnis in der Kreispartei 4 und 5. Seither politisiert Rykart für den Wahlkreis 7 und 8. Nun soll also die Politik definitiv mehr Platz einnehmen.

Und die Führungsqualitäten, welche die Gegner Rykart nicht zutrauen? Immerhin führt sie in Co-Leitung ein KMU. Sie gilt zudem als durchaus forsch, zeigt es aber kaum. Nur weil jemand nicht wie eine Marktschreierin auftrete, heisse das noch lange nicht, dass sie der Position nicht gewachsen sei, sagen Linke. Der unüblich ruhige Auftritt zwinge gerade Gegner dazu, ihr zuzuhören. Dann würden sie merken, dass Rykart durchaus etwas zu sagen habe. Zudem hätten die wenigsten Exekutivpolitiker vor der Wahl Führungserfahrung gehabt. Alle seien in das Amt hineingewachsen.

Karin Rykart wäre das zuzutrauen. Selbst ihren Widersachern ist nicht entgangen, dass sie seit der Nominierung selbstsicherer auftritt. Sie lacht oft, zeigt Stärke und versprüht Lust auf den Neuanfang. Gemäss Umfragen hat sie reelle Chancen, gewählt zu werden.


«Ich politisiere aus Neugierde» Zum Interview mit der Stadtratskandidatin der Grünen.


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2018, 11:48 Uhr

«Ich politisiere aus Neugierde»

Sie gelten als politisch unverdächtig, als Leichtgewicht.
Diesen Vorwurf kenne ich.

Entkräften Sie ihn.
Ich habe viel gemacht, mich immer positioniert. Die Initiative «Bezahlbar und ökologisch wohnen» stammt von mir, ich habe zwei Wochen Vaterschaftsurlaub erkämpft. Wer mich auf den Auspuffklappen-Vorstoss reduziert, wird mir nicht gerecht. Auch wer sagt, meine Art passe nicht zu einer, die Stadträtin werden will.

Sie wirken ruhig, zurückhaltend.
Das bin ich. Das heisst aber nicht, dass man mich politisch nicht richtig einordnen kann. Ich habe ein klares Profil.

Eine SPlerin im grünen Kleid.
Ich stehe voll und ganz hinter dem grünen Parteiprogramm. Die Umwelt liegt mir am Herzen. Wohnen, die Stellung der Frauen oder Familienthemen sind mir aber auch wichtig.

Für die überparteiliche Zusammenarbeit loben Sie alle.
Ich bin politisch nicht harmoniebedürftig, aber ich politisiere aus Neugierde und weil ich mich gern mit Gegnern austausche. Meine Meinung habe ich deswegen aber nie zurückgehalten. Die Vorwürfe scheinen aber auch damit zu tun zu haben, dass ich eine Frau bin.

Das scheint Sie zu nerven.
Einer Frau wird weniger zugehört. Das hat auch damit zu tun, dass Frauen in der Politik immer noch in der Minderheit sind. Sagt ein Mann dasselbe, applaudieren ihm alle. Weist die Frau darauf hin, wird sie als penetrant beschimpft. Da gibt es Grenzen. Gerechtigkeitsempfinden und Anstand sind mir wichtig.

Dann fahren Sie aus der Haut?
Ich wehre mich und ziehe auch mal Konsequenzen daraus.

Das taten Sie, als Sie mit der Listenbildung Ihrer Kreispartei nicht einverstanden waren und in eine andere Kreispartei wechselten.
An diesem Anlass wurden Grenzen überschritten, ich sah keine Chance für eine weitere Zusammenarbeit. Heute ist die Sache für beide Seiten gegessen.

Das spricht nicht für Ihr Teamplay.
Das war mein einziger Knatsch.

Sie gelten auch nicht als ausgewiesene Führungsfigur.
Ich bin Co-Geschäftsleiterin eines KMU mit 20 Angestellten. Zuvor war ich Fraktionspräsidentin und Co-Stadtparteipräsidentin der Grünen.

Wie setzen Sie sich durch?
Mit klaren und sachlichen Argumenten.

Sie haben den Ruf einer Neinsagerin, Stichwort Hardturm-Stadion. Zuerst waren Sie dafür, nun dagegen. War das Wahlkampftaktik?
Das war eine Mediensache. Ich sagte nur, der Schattenwurf sei kein Thema, ergo galt ich als Befürworterin. Persönlich gefragt wurde ich damals nicht.

Warum haben Sie sich nicht von Anfang an klar positioniert?
Die Stadionfrage ist emotional. Manche äussern sich aus Angst vor Anfeindungen nicht mehr öffentlich dagegen. Wir haben für das letzte Projekt gekämpft, nun sind wir müde. Als Nichtfussballfan bin ich aber nicht grundsätzlich gegen das Stadion.

Was stört Sie am neuen Projekt?
Die zwei Hochhäuser sind mit 137 Metern zu wuchtig. Das Areal ist übervoll, ich vermisse Innovation. Auf dem Hardturm könnte man die verpatzte Stadtplanung in Zürich-West retten. Mit einer visionären Art von Wohnen, wie es das Kraftwerk 1 ist (Anm. der Red.: ihr Wohnort), statt mit hohen Renditen. Schade wäre es um die Stadionbrache und den Platz. Zürich braucht solche Freiräume.

Nein sagen Sie auch zum Kongresszentrum auf dem Carparkplatz. Sie fordern gemeinnützige Wohnungen.
Ich bin gegen ein Kongresszentrum, weil wir für viel Geld das Kongresshaus am See sanieren und beim Flughafen eine neue Kongressinfrastruktur entsteht. Vielleicht hätte ja die nächste Generation eine visionäre Idee für das Areal Carparkplatz.

Was wollen Sie der nächsten Generation sonst noch hinterlassen?
Es ist meine politische Motivation, ihr viel Gutes und Mutiges zu hinterlassen. Visionäre Wohnideen, in denen die Gemeinschaft mehr zählt als die Anonymität. Ein gutes Klima, denn es ist die Grundlage unseres Lebens. Kurzfristig muss sich in Sachen Velo etwas verbessern, zum Beispiel in der Unterführung an der Langstrasse.

Sie scheinen sicherer aufzutreten als zu Beginn des Wahlkampfes.
Die Routine nimmt natürlich zu, und man wächst in die neue Rolle hinein.


Die blassgrüne Kämpferin Zum Porträt der Stadtratskandidatin der Grünen.


(Tages-Anzeiger)

Steckbrief

Karin Rykart (Grüne)

Geboren
20. März 1971 in Baden

Ausbildung
KV; Soziologiestudium Uni Zürich. Lizenziat über Arbeit des Personals im geschlossenen Strafvollzug. CAS in Unternehmensführung.

Berufliche Stationen
Verwaltung (Gesundheitswesen und im Strafvollzug); Gewerkschaft Verkehrspersonal Zürich; seit 2014 Co-Leiterin Waldkrippe und -kindergarten Troll.

Politische Stationen
Gemeinderätin Grüne (seit 2006); Fraktionspräsidentin (2013 bis 2017); Präsidentin Kreispartei 4&5 (2004 –2010); Vorstandsmitglied Grüne Stadt Zürich (seit 2006), seit 2008 Geschäftsleitungsmitglied; Co-Präsidium Grüne Stadt Zürich (2010–2014)

Familie
Verheiratet; drei Kinder (16, 15 und 13 J.); lebt in der Genossenschaft Kraftwerk 1 in Zürich-West

Haustier
keines

Auto
keines

Vereinsmitgliedschaften
Frauenzentrale, VPOD, IG Hardturm

Mandate
Mieterverband Regionalgruppe Zürich, Stiftung Wohnungen für kinderreiche Familien

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