Die erste Dosis Mid-Size-Rock’n’Roll

Die Samsung Hall in Stettbach feierte am Freitag Eröffnung. Tagesanzeiger.ch/Newsnet war dabei.

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Stettbach ist nicht unbedingt als «the place to be» bekannt. Zumindest bisher nicht. An diesem Freitagabend aber müssen die Sicherheitsleute dort sogar den Fussverkehr auf dem Trottoir regeln. Ziel des Menschenstroms ist die Samsung Hall, ein Event-Quader aus Beton und Stahl, der sich bestens ins Setting der umliegenden Industriebauten eingliedert.

Mit lila Beleuchtung zieht der Bau die Gäste an wie Insekten, die aus der Dunkelheit anschwärmen. Schon um 18 Uhr stehen die Besucher vor dem Eingang Schlange. Es ist «Grand Opening Night» der Konzerthalle. Bligg und Gölä treten auf sowie sechs weitere Schweizer Bands. Es sei eine Art Swiss Indoors, sagt Moderatorin Judith Wernli später beim Eröffnungsakt. «Das Beste kommt eben aus der Region.»

«Es ist so schön mit diesen vielen Glühbirnen»

Noch ist es aber nicht so weit. Die zahlenden Fans verkürzen sich die Wartezeit bis zum Konzertbeginn mit Biertrinken und Flammkuchenessen. Die VIPs versammeln sich derweil in der Loft im Obergeschoss der Hall zum Apéro riche.

580 Personen haben in diesem Veranstaltungsraum Platz. An diesem Abend ist er allerdings zur Hälfte mit Stehtischen und Dekopflanzen gefüllt. Dazwischen wandeln Herren in Anzügen und Damen in Cocktailkleidern. SVP-Nationalrat Roger Köppel ist zu sehen, Gastronom Rolf Hiltl, Konzertveranstalter André Béchir. Komiker René Rindlisbacher ist mit Fussballer Philipp Degen angereist – oder ist es Zwillingsbruder David?

Lautes Geplauder füllt den Raum. Der Lärm brandet von den nackten Betonwänden herab. Unverdrossen singt auf einer Bühne ein Musiker mit seiner Gitarre dagegen an. «Das Tartar ist köstlich. Das musst du unbedingt probieren», ruft eine Frau ihrer Begleiterin zu und nimmt einen tüchtigen Schluck aus ihrem Champagner-Flûte.

Rock’n’Roll will nicht so recht aufkommen. Selbst dann nicht, als nach 20 Uhr die Bands mit E-Gitarren und Schlagzeug in der Loft auffahren. Es ist zu hell und der Duft von asiatischem Essen, der noch in der Luft hängt, passt irgendwie auch nicht zum Sound. Bei den Gästen kommt der Raum trotzdem gut an – wenn auch nicht unbedingt als Konzertsaal. «Es ist so schön mit diesen vielen Glühbirnen an der Decke. Es wäre sicher toll, hier drin einen Geburtstag zu feien. Oder eine Hochzeit», sagt die 20-jährige Celine.

Tischbombe und Konfettiregen

Die meisten VIPs haben sich inzwischen einen Platz auf der Tribüne der Haupthalle gesichert, um den Eröffnungsakt nicht zu verpassen. Der Stehplatzbereich ist bereits zum Bersten voll. Hans-Ulrich Lehmann, der die Eventhalle mitfinanzierte und nun betreiben wird, lässt zum Zeichen des offiziellen Starts in der Mitte der Bühne eine Tischbombe platzen. Eine kleine Wolke aus Goldglimmer poppt heraus. Verblüffung im Saal: Ist das alles? Sekunden später ergiesst sich mit einem lauten Knall goldener Konfettiregen über den Zuschauerbereich. Das Publikum ist begeistert von Lehmanns kleinem Spässchen.

Richtig euphorisch werden die rund 5000 Leute, als Bligg sein Konzert startet. Bildersalven flackern über die 120 Quadratmeter grosse LED-Wand auf der Bühne, Scheinwerferlicht durchsticht die Halle. Es ist unsagbar laut – sogar ganz hinten im Saal. Der Bass lässt die Haare auf dem Kopf tanzen und massiert die Magengrube. Schon nach den ersten Akkorden wippen die Hände der Konzertbesucher in der Luft. Liegt es an Bliggs Musik oder an der schieren Lautstärke? Egal. Es funktioniert.

Bibbern an der Eisbar

Ein paar Leute sind vor den Dezibel in den Barbereich hinter der Tribüne geflüchtet. Auch dort gibts Häppchen für die geladenen Gäste. Und Zigarren à la minute, welche eine Dame mit flinken Händen rollt. Die Kehrseite des Angebots: Auf den Terrassen schlottern die Zigarettenraucher, weil sie vor dem Qualm der Zigarren im Fumoir flüchten müssen.

Dummerweise ist es an diesem Abend auch im Innern der Samsung Hall nicht besonders warm. «Eine Stunde vor Beginn der Feier waren hier noch alle Türen und Fenster offen, weil Bauarbeiter letzte Handgriffe erledigen mussten», sagt eine Mitarbeiterin an der Garderobe. Sie weise alle Gäste darauf hin, dass sie ihre Jacken vielleicht noch brauchen könnten. «Ein so grosses Gebäude wärmt sich nicht so schnell auf.»

Immerhin hat die Bar aus Eis, die gleich neben der Garderobe steht, langsam warm – was sich negativ auf das Inventar auswirkt. Etliche Gläser gleiten vom dahinschmelzenden Tresen herab. Eine Frau mit Wischmop bei Fuss ist ausschliesslich damit beschäftigt, den Boden trocken zu halten und die Scherben wegzuwischen.

Gesittetes Publikum

Auf der Hauptbühne steht inzwischen Gölä am Mikrofon. «Du hesch äs Lache, wi nis no nie ha gseh ...» röhrt er, und der ganze Saal singt mit. Schön gesittet geht es zu und her. Das Schweizer Publikum lässt es auf dezente Art krachen an diesem ersten Abend in der Samsung Hall.

Auch im Club im Untergeschoss, wo kurz nach Gölä die Band Yokko ihr Konzert startet, geht das Publikum nur verhalten ab – obwohl sich die Jungs auf der Bühne redlich bemühen und der 500 Quadratmeter grosse, dunkle Raum weitaus besser als Konzertsaal funktioniert als die Loft. Der Duft von viel frischer Farbe und ein Hauch von Underground liegt in der Luft. Alles wirkt komprimiert und nah. Das hilft bei Auftritten von Künstlern, die noch keine besonders grosse Fangemeinde haben.

Mid-Size-Events nennen die Veranstalter die Anlässe, die sie in der Samsung Hall programmieren wollen. Konzerte von Künstlern, die ein Hallenstadion (noch) nicht füllen, für die andere Locations in Zürich aber zu klein sind. Es muss sich noch weisen, für welche Bands die Leute bereit sind, nach Stettbach zu pilgern. Zumindest an diesem Premierenabend hat das Konzept auf der Hauptbühne funktioniert.

Vor der Eröffnung: Warum die neue Zürcher Eventhalle ein Erfolg wird, sagt Unternehmer Hans-Ulrich Lehmann im Video. (Video: Lea Blum) (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.01.2017, 13:46 Uhr)

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