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«Die Europaallee hat die Situation verschärft»

Rolf Vieli hatte einst den Job, die Zürcher Langstrasse aufzuwerten. Inzwischen fallen ihm dort aber auch fragwürdige Entwicklungen auf.

Wie entwickelt sich das Langstrassenquartier? Der ehemalige «Mister Langstrasse» Rolf Vieli lotst am Wochenende durch die Kreise 4 und 5.
Wie entwickelt sich das Langstrassenquartier? Der ehemalige «Mister Langstrasse» Rolf Vieli lotst am Wochenende durch die Kreise 4 und 5.
Reto Oeschger

Eine besondere Attraktion der Zürcher Veranstaltung Kreislauf vom kommenden Wochenende sind die Lotsen und Lotsinnen, die Besucher durch Aussersihl führen. Einer von ihnen ist Rolf Vieli. Bis 2011 war er den Stadtzürcherinnen und -zürchern als «Mister Langstrasse Plus» bekannt.

Von der damaligen Stadträtin Esther Maurer (SP) erhielten Sie 2001 den Auftrag, das Sex- und Drogenmilieu im Quartier einzudämmen und für mehr Lebensqualität zu sorgen. Welchen Bezug haben Sie heute zum Quartier?

Inzwischen bin ich pensioniert und wohne nicht mehr im Kreis 5, sondern in Affoltern. Dort gibt es mehr Natur. Ich bin aber jede Woche ein- bis zweimal in Aussersihl. Hier habe ich den grössten Teil meines Lebens verbracht, und hier befindet sich auch mein Lieblingscafé, das Casablanca.

Das Casablanca gibt es noch in alter Pracht – aber sonst verändert sich rund um die Langstrasse alles rasend schnell. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Die Frage ist schwierig zu beantworten. Einerseits wird das Angebot vielfältiger und lebendiger. Dagegen kann man nichts haben. Doch gleichzeitig wird das alteingesessene Gewerbe verdrängt. Um seinen Charakter zu behalten, braucht das Quartier dieses Gewerbe.

«Um seinen Charakter zu behalten, braucht das Quartier das alteingesessene Gewerbe.»

Sie hätten massgeblich dazu beigetragen, dass es zur Gentrifizierung der Langstrasse gekommen sei, wurde Ihnen vorgeworfen. Beispielsweise vom abtretenden AL-Gemeinderat Niklaus Scherr.

Ich staune, dass ein Mann, der meine Laufbahn politisch mitverfolgt hat, so undifferenziert urteilt. Gentrifizierung bedeutet, dass zum Beispiel Liegenschaftenbesitzer und Spekulanten nur aus Gier und ohne Rücksicht auf die Menschen und die gewachsenen Strukturen handeln. Das ist leider auch im Langstrassenquartier vorgekommen. Doch gleichzeitig haben die Stadt und die Stiftung für Preiswertes Wohnen (PWG) Liegenschaften gekauft, um zu verhindern, dass die Mieten nur noch steigen.

Trotzdem steigen die Mieten weiter. Weshalb?

Die Umgestaltung der Europaallee hat die Situation verschärft. Entstanden ist so ein Hochpreisgebiet. Ich verstehe nicht, weshalb gerade die SBB keinen Quartierbezug wollten. Wenn die Hausbesitzer weiterhin die Mieten hochfahren, dann sieht es für die Bewohnerinnen und Bewohner düster aus.

«Ich verstehe nicht, weshalb gerade die SBB keinen Quartierbezug wollten.»

Sie werden sich dieses Wochende am Stadtrundgang beteiligen. Musste man Sie dazu überreden?

Überhaupt nicht. Die Läden, die mitmachen, brennen für das Quartier. Da steckt Liebe drin, die man unterstützen muss.

Wie sieht Ihre Route aus?

Ich beginne beim Hotel Greulich. Dort erfahren die Teilnehmenden, wer Hermann Greulich (1842 bis 1925) war und was er mit der Arbeiter- und Frauenbewegung zu tun hatte. Ich erzähle Geschichten. Das finden die Leute toll und sehen am Schluss einer Führung das Gebiet mit ganz anderen Augen.

Was gibt es an der Langstrasse oder in Aussersihl, was es sonst in der Stadt nicht gibt?

Die Stimmung in der Bäckeranlage. Das ist für mich der Beweis, dass verschiedene Menschen, verschiedene Ethnien und die verschiedensten Interessen zusammen kommen können und gemeinsam zu einer guten Atmosphäre beitragen.

Welches sind Ihre Lieblingsorte im Aussersihl?

Die Buchhandlungen sind mir wichtig, ebenso der Plattenladen RecRec, das Xenix, das Architektur-Forum, die vielen Galerien und das Theater. Das brauche ich für mein Wohlbefinden.

Mehr Informationen: www.kreislauf4und5.ch

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