Interview

«Die Fans kennen die Regeln»

Polizeivorsteher Richard Wolff (AL) sagt, dass die Einkesselung der FCZ-Fans nicht geplant gewesen sei.

«Die Einkesselung hat sich aus der Situation ergeben»: Richard Wolff, Vorsteher des Polizeidepartements. Foto: Reto Oeschger

«Die Einkesselung hat sich aus der Situation ergeben»: Richard Wolff, Vorsteher des Polizeidepartements. Foto: Reto Oeschger

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Nach den Ausschreitungen an der Europaallee meldeten Sie sich 36 Stunden später zu Wort. Jetzt dauerte es 84 Stunden. Die Einkesselung von 800 Menschen scheint Ihnen nicht der Rede wert zu sein.
Dieser Eindruck ist absolut falsch. Es dauerte so lange, weil ich mir ein genaueres Bild von den Ereignissen am Samstag verschaffen wollte. Ich habe eine ganze Reihe von internen Gesprächen geführt.

Beobachter vermuten, dass die Einkesselung im Vorfeld beschlossen wurde. Es sei gar nicht möglich, die Infrastruktur für eine solche Aktion in so kurzer Zeit bereitzustellen.
Das Derby gilt als Hochrisikospiel. Bei solchen Begegnungen ist die Stadtpolizei mit einem bestimmten Dispositiv vor Ort. Das war auch am letzten Samstag der Fall. Wir haben die Einkesselung nicht vorbereitet oder geplant. Sie hat sich aus der Situation ergeben, ange­ordnet hat sie der verantwortliche Einsatzleiter.

Geben Sie vor einem Hochrisikospiel eine Direktive durch?
Nein. Für Hochrisikospiele gelten gewisse Richtlinien, dazu wird die aktuelle Lage vom Einsatzleiter eingeschätzt. Das ist ein Courant normal.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Chaos-Umzug bei der Europaallee im vergangenen Dezember und der Einkesselung vom Samstag?
Ich sehe da keinen Zusammenhang. Beides waren Grosseinsätze für die Stadtpolizei.

Ein möglicher Zusammenhang wäre, dass bei beiden Ereignissen Akteure aus der Ultraszene des FCZ beteiligt gewesen sein sollen.
Das sind Mutmassungen. Vielmehr hat am Samstag die übermässige Zahl von Böllern und Pyros die Polizei zum Handeln gezwungen. Fanmärsche werden toleriert, solange die öffentliche Sicherheit und Dritte nicht gefährdet sind. Am Samstag ist dieser Rahmen deutlich überschritten worden.

Pyros und Böller wurden in den letzten Jahren immer wieder auf Fanmärschen gezündet, trotzdem schritt die Polizei nicht ein.
Die geltende Praxis ist, dass Fanmärsche toleriert werden, solange nicht massiv Pyros gezündet werden oder Menschen zu Schaden kommen. Sie hat sich in den letzten zwei Jahren bewährt. Die Regeln sind den Fans bekannt.

Ist solches pyrotechnisches Material für Sie Teil der Fankultur?
Aus der Sicht der Fans gehört es dazu. Aus meiner Sicht sind Böller und Pyros nicht zwingend.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum diese offenbar bewährte Praxis am Samstag versagte?
Diese Frage müssten Sie den Fans stellen. Die Antwort interessiert uns natürlich auch. Deshalb werden wir die Fragen im Rahmen unserer regelmässigen Treffen den Fanvertretern in nächster Zeit stellen.

Sind Änderungen geplant?
Wir halten an unser Praxis fest. Es gibt keine Verschärfung und keine Änderung der Politik. Die nächsten Spiele laufen wie in der Vergangenheit ab, hoffentlich ohne massives Abfackeln von Pyros und Zünden von Böllern.

Es ist bei Demos am 1. Mai üblich gewesen, Mitläufern vor dem Zugriff Gelegenheit zu geben, sich aus dem Pulk zu entfernen. Warum wurde das am Samstag nicht gemacht?
Dies betrifft den eigentlichen Einsatz, mit dem Operativen habe ich nichts zu tun. Aber ich weiss, dass man im Speziellen Familien aus dem Kessel hinausschleusen wollte, die Einsatzkräfte sind aber von Fans daran gehindert worden.

Im Jahr 2013 wurden auf einem Marsch von FCZ-Fans ebenfalls Böller und Pyros gezündet. Damals verzichtete die Polizei nach Gesprächen mit den Fans auf Kontrollen, weil diese sich bereit erklärten, keine Pyros und Böller mehr zu zünden. Gab es am Samstag auch solche Verhandlungsversuche?
Es gab Kontakte, wie diese verlaufen sind, weiss ich nicht. Wir werden den Einsatz vom Samstag analysieren und auf Verbesserungspotenzial prüfen.

Gibt es schon Erkenntnisse darüber, was allenfalls falsch gelaufen ist?
Dafür ist es noch zu früh. Ich werde den Eindruck nicht los, dass Sie den Fehler ausschliesslich bei der Polizei suchen. Sicher ist, dass zu viele Pyros gezündet wurden.

Rund 800 Personen, die meisten unbescholten, sind im Polizeisystem Polis erfasst worden. Befürworten Sie solche Fichierungsaktionen?
Die Polis-Daten werden nach fünf Jahren gelöscht. Mich interessiert aber, wer genau Zugriff auf diese Daten hat. Das will ich noch im Detail abklären.

Halten Sie das stundenlange Festhalten von 800 Personen angesichts der Umstände vom Samstag für verhältnismässig?
Das wäre viel schneller gegangen, wenn die Arbeit der Polizei nicht noch von Fans behindert worden wäre. Die Einsatzkräfte wurde immer wieder angegriffen.

Bereits in wenigen Tagen findet das nächste Zürcher Fussballderby statt. Bereitet Ihnen das Spiel heute schon Bauchweh?
Klar. Angesichts der gleichen Paarung und den Erfahrungen vom Samstag verursacht das anstehende Spiel bei mir schon Bauchweh. Ich hoffe aber, dass sich die Situation bis dahin wieder beruhigt und die Aufregung legt.

Erstellt: 25.02.2015, 20:18 Uhr

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