Anwohner überziehen Rote Fabrik mit Lärmklagen

In Zürich-Wollishofen tobt am See ein wüster Nachbarschaftsstreit.

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Wellen plätschern, Kinder lachen, Enten schnattern. Doch die Idylle am Wollishofer Seeufer trügt. Im Abschnitt von der Roten Fabrik bis zur Badi Wollishofen gärt ein alter Konflikt zwischen Anwohnern und öffentlichen Einrichtungen. Längst reden die Gegner nur noch vor Gericht miteinander. Die Frage lautet stets: Was zählt mehr? Der Freizeitspass vieler oder das Ruhebedürfnis weniger?

Den jüngsten Sieg haben die Nachbarn errungen. Der Ziegel oh Lac, das Restaurant der Roten Fabrik, darf nur noch 96 Aussensitzplätze aufstellen. Diese Zahl steht im Belegungsplan von 1984. Der Ziegel hatte aber schon lange seine Bestuhlung gewechselt – von normalen Tischen zu langen Festbänken. Dadurch fasste die Gartenwirtschaft rund 166 Menschen, ohne dass man sie räumlich vergrössert hätte.

Nun haben die Nachbarn die Einhaltung des ursprünglichen Belegungsplans durchgesetzt. Letzten Herbst stellte die Stadtpolizei dem Ziegel erstmals eine Busse wegen «Überwirtung» aus. Im Restaurant kommt das schlecht an. Durch die Verkleinerung um 70 Plätze verliere man wichtige Einnahmen, heisst es, an schönen Tagen müssten sich die Besucher auf den Boden setzen.

Rekurs gegen Renovation

Die Kläger bewohnen vier Villen in der Nachbarschaft. Einer von ihnen ist Anwalt, er führt die Prozesse. Und davon gibt es viele. Vor Jahren wehrten sich die Nachbarn gegen zwei neue grosse Sonnenschirme vor dem Ziegel oh Lac. Ihr Einwand: Die Schirme versperrten den Seeuferweg und lockten mehr Besucher an, was die Beiz lauter mache. Das Gericht wies die Beschwerde ab.

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Derzeit rekurrieren die Nachbarn gegen die Renovation von Räumen, die ein Brand vor fünf Jahren beschädigte. Diesmal geht es um den Denkmalschutz. Die von der Stadt (der die Rote Fabrik gehört) geplante neue Fassade verändere das kantonal geschützte Industriedenkmal zu stark. Die Stadt sagt das Gegenteil: Gerade der Umbau stelle den Originalzustand wieder her. Das Verfahren läuft, es kann noch Jahre dauern, bis eine Baubewilligung erfolgt.

Auch dieser Rekurs schränkt die Rote Fabrik ein. Sie hat weniger Ateliers zu vermieten, aus Sicherheitsgründen dürfen weniger Menschen die Konzerthalle besuchen. «So können wir keine grossen Bands mehr buchen. Das wirft uns zurück», sagt Katharina Prelicz-Huber, grüne Gemeinderätin und Vorstandsmitglied der IG Rote Fabrik.

Den Ärger des Anwalts bekam auch die Badi Wollishofen zu spüren. Vor Jahren beanstandete er das neue Beachvolleyballfeld. Der Aufprall der Bälle an Wände und Arme mache zu viel Lärm. Ein juristisches Hin und Her folgte, Richter prüften vor Ort lärmdämpfende Wandbeläge und ruhige Ballarten.

Das Bundesgericht gab dem Nachbarn recht. Das Sportamt baute einen Sandboden ein und spannte Metallnetze um das Feld. Zudem dürfen die Spieler nur noch weiche Bälle verwenden, die weniger laut klatschen. «Seither wird das Feld viel seltener genutzt. Volleyballspielen mit Softbällen macht nicht wirklich Spass», sagt Manuela Schläpfer, Sprecherin des Sportamts.

Zu viel Lärm auf dem Steg

Mit dem Restaurant der Badi liegen die Nachbarn ebenfalls im Streit. Wegen Lärmklägen fahre oft die Polizei vor, klagt einer der Pächter, dafür reiche schon ein wenig Applaus. Das Restaurant überziehe die bewilligten Öffnungszeiten oft, sagt der Anwalt. Die Polizei rufe man nur «in Notfällen, bei elektronisch verstärkten Darbietungen».

Lärm befürchteten die Anwohner auch vom Cassiopeiasteg, der von der Roten Fabrik fast 300 Meter lang über den See führt. In dieser Sache gingen sie zweimal vor Bundesgericht. Sie unterlagen, seit einem Jahr steht der Steg. Letzten Sommer sei es darauf oft zu Festen mit Geschrei und Feuerwerk gekommen, sagt der Anwalt. «Nach dieser Saison entscheiden wir, ob wir Massnahmen verlangen.»

Badi und Rote Fabrik fühlen sich schikaniert durch die klagefreudigen Nachbarn. «Es scheint, als handelten sie aus reinem Eigeninteresse. Sie behindern die Rote Fabrik, wo es nur geht; für uns sind sie ein Planungsrisiko», sagt Katharina Prelicz-Huber. Durch die Eröffnung des Cassiopeiastegs spazierten noch mehr Menschen am See entlang. «Dass die Gartenwirtschaft gerade jetzt Plätze verliert, ist besonders ärgerlich.»

Was viele im Quartier nicht verstehen: Die Häuser der Nachbarn liegen an der vielbefahrenen Seestrasse, die zu den lautesten Zürichs gehört. «Diesen Lärm akzeptiert man, aber wenn Menschen ihre Freizeit geniessen, wird geklagt», sagt Prelicz Huber. Sie vermutet, dass es den Nachbarn um mehr gehe. «Am See lassen sich Luxuswohnungen gut verkaufen, je ruhiger, desto teurer.»

Seinen Namen will der Anwalt nicht veröffentlicht sehen. Aus Angst. «Wir wurden alle schon bedroht.» Die Nachbarn fühlen sich missverstanden. Verhinderer seien sie nicht, mit einem «verhältnismässigen Betrieb» am See – so wie vor 20 Jahren – hätten sie kein Problem. Doch die Stadt fördere die «Übernutzung», die sie in ihrem Leitbild für das Seebecken selber bemängle.

Stadt «dehnt das Gesetz»

Auch der Einwand mit der Seestrasse gehe daneben, sagt der Anwalt. Diese sorge für ein konstantes Rauschen, das sich gut wegblenden lasse. Der Vergnügungslärm sei schärfer, kantiger, er verstärke sich ausgerechnet abends.

Und die Lage verschlimmere sich stetig. Heute veranstalte die Rote Fabrik an 20 bis 30 Sommernächten Open-Air-Konzerte oder zeige draussen Filme. Der Ziegel habe bis Mitternacht hinausgestuhlt, Partys dauerten bis am Morgen. Besoffene gröhlten, müllten, urinierten in der Umgebung. Die Rote Fabrik weigere sich, mit einem Ordnungsdienst für Ruhe zu sorgen, wozu andere Veranstalter verpflichtet seien. Der Lärm führe zu einer «virtuellen Enteignung».

Aus Sicht der vier Nachbarn dehnt die Stadt Zürich immer wieder das Gesetz. Jahrelang habe der Ziegel oh Lac viel zu viele Festbänke aufgestellt, sagt der Anwalt. «Fast 240 Leute hatten Platz, ich habe gezählt, dreimal mehr als erlaubt.» Jahrelang habe die Stadt bei Beschwerden nichts unternommen. «Der Ziegel wird offensichtlich bevorzugt.» Das Restaurant könne ein Gesuch für mehr Gartensitzplätze einreichen. «Dann prüft endlich ein Gericht die Gesamtsituation. Aber davor scheut sich die Stadt.»

In Wollishofen stehen die klagenden Anwohner ziemlich allein da. Der Quartierverein hat sich auf die Seite der Roten Fabrik gestellt. «Wir begrüssen es, wenn sich die Veranstaltungen am See konzentrieren. Wer dort wohnt, kann keine Ruhe wie auf dem Land erwarten», sagt Quartiervereinspräsident Martin Bürki. Auch die Stadt gibt nicht nach. «Wir wollen eine lebendige, vielfältige Rote Fabrik», sagt Nat Bächtold, Sprecher des Präsidialdepartements.

Erstellt: 25.04.2016, 22:42 Uhr

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