«Was, den Foto Ganz gibts nicht mehr?»

Mit der Schliessung der beiden Foto-Ganz-Geschäfte verschwindet der Name eines Fotopioniers.

Foto Ganz war das bekannteste Fotogeschäft von Zürich. Durch den Konkurs verlieren 85 Mitarbeiter in der Deutschschweiz ihre Stelle. Foto: Dominique Meienberg

Foto Ganz war das bekannteste Fotogeschäft von Zürich. Durch den Konkurs verlieren 85 Mitarbeiter in der Deutschschweiz ihre Stelle. Foto: Dominique Meienberg

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Trotz Weihnachtsrummel bleiben Passanten vor dem Laden­lokal Ecke Rennweg/Fortunagasse stehen. Im Schaufenster stehen verloren einige Objektive, die Ladenbeleuchtung brennt, aber die Tür ist von innen abgedeckt und von aussen versiegelt. «Was, den Foto Ganz gibts nicht mehr?», sagt eine ältere Frau zu ihrem Begleiter. Zwei Männer lesen das Schreiben, das an der Scheibe klebt. Absender: Konkursamt. Einer sagt: «Hät en meini glupft.»

Foto Ganz war das bekannteste Fotogeschäft in Zürich. Wer eine fachkundige Beratung, ein Occasionsobjektiv suchte oder ein Passfoto für ein Visum oder ein Konsulat brauchte, pilgerte jahrzehntelang in das einstige Familienunternehmen. Bis vor drei Wochen. Damals wurde bekannt, dass der Verbund Fotopro Group Insolvenz anmelden musste. 85 Mitarbeiter verloren ihre Stelle.

Betroffen sind in Zürich neben der Foto-Ganz-Filiale am Rennweg auch jene am Stauffacher sowie das Ladenlokal Bären an der Löwenstrasse. Dazu kommen acht weitere Filialen in der Deutschschweiz, eine davon in Winterthur und eine in Baden.

Das erste Geschäftshaus

Den Grundstein für das Traditionsunternehmen Ganz legte Johannes Ganz 1844. Er produzierte und verkaufte unter dem Familiennamen Papierwaren am Limmatquai. Damals war die Nachfrage nach Papierrahmen für die ersten Fotografien gross, was Ganz selber zur Daguerreotypie-Fotografie brachte. Er erlernte das Handwerk bei einem französischen Wanderfotografen. Das Geschäft florierte.

1868 baute Ganz das erste Geschäftshaus an der Bahnhofstrasse 40, was viele für tollkühn hielten. Die Verbindungsstrasse zwischen Bahnhof und Paradeplatz war gerade erst dem Verkehr übergeben worden und noch ungepflästert. Doch schon bald begann der Aufschwung der Bahnhofstrasse als Einkaufsmeile, und Ganz galt als Pionier. Das Haus von Johannes Ganz steht noch heute, im Erdgeschoss ist das Uhrenunternehmen Chopard eingemietet.

Auch geschäftlich hatte Ganz Erfolg. Das Bürgertum liess sich in seinem Tageslichtstudio porträtieren. 1883 war Ganz verantwortlich für die Fotoabteilung der Landesausstellung.

Daneben entwickelte Johannes Ganz neuartige Lichtbildprojektoren für Universitäten, Schulen und Kirchen. Sein Petroleumbrenner war heller als bisherige Projektoren. Pinakoskope, wie er sie nannte, finden sich heute in grossen technischen und wissenschaftlichen Sammlungen auf der ganzen Welt. Johannes Ganz’ Söhne und Enkel entwickelten das Projektionssystem weiter, in den 1960er-Jahren wurde der Firmenzweig zum professionellen Anbieter von Multimedia- und Kinoeinrichtungen.

Drei Unternehmen

Thomas Ganz, Geschäftsinhaber in vierter Generation, spaltete das Unternehmen 1982 in drei Teile: Foto, Audiovisuelles und eine Vertriebsgesellschaft für professionelle Projektionsgeräte. Seine Kinder Michael und Catherine Ganz nahmen später Einsitz im Verwaltungsrat der Foto Ganz, verkauften aber Anfang 2000 ihre Aktienanteile an Dieter Erhardt. Dieser ist Verwaltungsratspräsident von Fotopro.

Damals begann der Aufschwung des Onlinehandels, und die technischen Entwicklungen veränderten die Fotografie. Die grossen Detailhändler bauten ihre Elektroabteilungen aus und boten die Ware günstiger an. Occasionen waren nicht mehr so gefragt wie einst, weil viele Zürcher genug zahlungskräftig waren, um sich eine Neuanschaffung zu leisten. Catherine Ganz regte deshalb für die Foto Ganz AG eine Neuausrichtung mit klarer Unternehmensstrategie an. Sie sagt: «Wir wussten, dass das Fotogeschäft längerfristig nur so überleben könnte.» Weil sie kein Gehör fand, sprang sie ab.

Dieter Erhardt setzte in seinen elf Fotopro-Filialen auf Bewährtes. Vom Zuger Hünenberg aus belieferte er die Läden; dort zentralisierte er die Administration. Er hatte alle Marken im Angebot und kaufte nach wie vor Occasionen an. Die Läden an der Löwenstrasse und in Winterthur baute er um. Er bildete Lehrlinge aus, zuletzt waren es 20. Kenner der Branche rätselten längst, wie der Verbund noch überleben konnte.

Die Kochphoto AG ist eines der letzten unabhängigen Fotofachgeschäfte in der Stadt. Sätze wie «Sie gibt es wenigstens noch» bekam Martin Oberholzer seit dem Ende der Foto-Ganz-Geschäfte wiederholt zu hören. Der Fotofachmann ist seit sechs Jahren Eigentümer des kleinen Ladens an der Börsenstrasse, der einst zur Kochoptik AG gehörte. «Das Geschäft läuft dank meiner Strategie.» Heisst: klein und divers. Oberholzer führt den Laden mit einem Festangestellten und einem Teilzeitmitarbeiter; er berät – das Angebot an Kameras sowie Marken ist beschränkt. Dazu verkauft er Fernoptikprodukte.

Ueli Schwarzenbach führt in Hottingen den Camera Store. «Die Branche ist im Elend, wir kommen jedoch gut durch.» Sein Geschäft bietet sämtliche Fotodienstleistungen an und ist mit einer Papeterie kombiniert. Schwarzenbach kauft Occasionen an, verkauft sie aber über Ebay weltweit. Er teilt sich die Anwesenheit im Geschäft mit einer Partnerin, dazu kommen eine Teilzeitangestellte und ein Lehrling.

Digifuchs in der Enge setzte schon früh auf das Internet. Dennoch sagt Sabrina Fuchs: «Das Ende der Ganz-Läden ist ein grosser Verlust für Kunden, die persönliche Dienstleistungen schätzen.»

«Ich habe alles versucht»

Dieter Erhardt hat lange versucht, auf den Wandel in der Branche zu reagieren. «Dann kam die Aufhebung des Euro-Mindestkurses 2015 und unser Umsatz brach um 15 Prozent ein», sagt er. Bald wurden die Mieten zur Belastung, die Vermieter liessen nicht mit sich reden. So schloss Erhardt die Filiale am Schaffhauserplatz, um die Leute an den Rennweg zu locken. Er reduzierte das Sortiment, suchte valable Nachmieter. Nichts half. «Ich habe alles versucht, um das Geschäft zu retten», sagt er. Irgendwann wollte er die Mietzinse nicht mehr bezahlen und zog die Notbremse.

Catherine Ganz nennt den Prozess «Ausbluten». Leid tut es ihr in erster Linie für die Mitarbeiter. Ihrer Familie seien sie immer ein Anliegen gewesen. Sie sagt: «Ich bin froh, dass unser Vater dieses Aus nicht mehr miterleben musste.» Er ist im Oktober verstorben.

Erstellt: 20.12.2018, 06:44 Uhr

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