Die furchtlosen Jungtiere des Zürcher Regenwalds

Fünfzehn Jahre nach Einweihung der Masoala-Halle haben sich Tiere und Pflanzen dort gut eingelebt. Einige Jungtiere leben allerdings gefährlich.

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Wie stellt man fest, ob sich Tiere im Zoo wohlfühlen? Zoodirektor Alex Rübel beantwortete heute Morgen an einer Medienkonferenz diese Frage mit einer Aussage des Verhaltensforschers und ehemaligen Basler Zoodirektors Heini Hediger (1908 –1992): Ein aussagekräftiger Faktor sei die Fluchtdistanz.

Und diese besagt: Die Roten Varis fühlen sich sehr wohl in der Masoala-Halle. So hat das Weibchen Horaka ihr Jungtier auf der Passarelle abgesetzt, wo die Besucher von einem Baumwipfelturm zum anderen zirkulieren. Und dort sitzt es nun, klein, furchtlos und sehr süss anzuschauen und lässt sich durch die Menschen, die direkt vor ihm wie wild mit ihren Fotoapparaten und Handys fuchteln, überhaupt nicht beirren.

Masoala-Regenwald hier und dort

Vor fünfzehn Jahren, im Juni 2003, wurde der Masoala-Regenwald auf dem Zürichberg eröffnet. Ziel war es, den Menschen hier diesen Lebensraum im Kleinen vor Augen zu führen, um ihr Interesse für dieses bedrohte Biotop mit seiner Vielzahl von Arten an Flora und Fauna zu wecken.

Der Zoo Zürich will aber nicht nur die Zoobesucherinnen und Zoobesucher sensibilisieren. Er engagiert sich zudem stark für Naturschutzprojekte vor Ort, wobei dabei die Bevölkerung stark einbezogen wird. Es geht etwa um den Aufbau und Betrieb von Schulen oder darum, den Bauern Alternativen zur Brandrodung zu erschliessen.

Gefrässige Borstenigel

Die Masoala-Halle ist eines der grössten Gebäude des Kantons. Laut Robert Zingg, dem Senior-Kurator des Zoos, haben sich Tiere und Pflanzen unterdessen gut eingelebt. «Was in den Anfängen wie eine Parklandschaft aussah, hat sich weitgehend zu einer Naturlandschaft entwickelt.»

Etwa 500 verschiedene Pflanzenarten wachsen hier. Und die Tiere vermehren sich regelmässig – manche gar übermässig. So mussten die Kleinen Igeltanreks nach einiger Zeit rausgenommen werden, weil sich ihr Bestand rasend schnell vergrösserte – zum Leidwesen der Vögel. Denn die niedlichen Borstenigel waren versessen auf deren Eier.

Ein spleeniger Plattschwanzgecko

Dass die Tiere sich nicht gross von den Menschen stören lassen, zeigt sich auch daran, dass einem mit etwas Glück eine Gruppe Perlwachteln über den Weg läuft oder die Pantherchamäleons direkt neben den Wegen sitzen und einen anglotzen.

Ein spleeniger Plattschwanzgecko hat gar seine Tarnung aufgegeben und posiert hell leuchtend auf dunklem Hintergrund. «Er tut das immer», sagt Zingg kopfschüttelnd. «Das muss eine Art Kunstprojekt von ihm sein.»

Zapplige Halbäffchen

Ein Familienkrach unterbricht seine Ausführung. Aus der Kinderstube des Roten Varis schnattert und kreischt und pfeift es. Zingg bleibt ganz ruhig. «Das hört sich nur für unsere Ohren aggressiv an, das ist ganz normales Vari-Deutsch.»

Überhaupt benehmen sich diese Halbaffen, die grössten Säugetiere des Masoala-Regenwalds, im Zoo wie in der Freiheit. So suchen sie sich für ihre Jungen Plattformen in Bäumen oder eben auch auf technischen Einrichtungen für ihre Nestunterlagen aus. Diese polstern sie mit Blättern und Zweigen aus.

Da die Kinder nach der Geburt schon bald mobil sind und übermütig herumklettern, zügeln sie ihre zapplige Jungmannschaft jeweils von Ort zu Ort – zum Beispiel eben auch auf die Passarelle des Stahlturms.

Gefährliche Flugübungen

Der vor fünf Jahren errichtete Doppelturm, der den Besucherinnen und Besuchern Einblicke in die Baumkronen eröffnet, scheint überhaupt eine grosse Anziehung auf werdende Eltern auszuüben.

So bauten die Mähnenibisse in einem engen Pflanzenkistchen, das am stählernen Beobachtungsturm hängt, ihr Nest. Dort kümmert sich derzeit ein Weibchen um zwei Jungvögel. Sie können sich kaum im Nest drehen, so eng ist es hier. Man wird beim Zuschauen gleichzeitig von Platz- und Höhenangst ergriffen.

Robert Zingg erzählt, wie das erste Training mit den Flügeln zu einem schwindelerregenden Balanceakt wurde. Das kleinste der Jungen stürzte dabei denn auch ab und zog sich tödliche Verletzungen zu.

Nach dem Schlupf der Sprung

Noch weiter oben als die Ibisse bereitet sich eine Bernierente auf die Brut vor. Auch sie hat dazu ein enges Pflanzenkistchen an der Aussenseite des Turms ausgesucht, das sie mit Daunen ausgelegt hat. Benierenten gibt es ausserhalb von Zoos nur im Masoala-Regenwald und sie gehören zu den gefährdeten Arten.

Im Unterschied zu den meisten Enten, die Bodenbrüter sind, bauen sie ihre Nester in den Bäumen, wobei sie meist Aufsitzerpflanzen, zum Beispiel Farne, dazu benutzen. Die Jungen springen dann nach dem Schlupf ohne zu zögern ein paar Meter in die Tiefe, um mit den Eltern ein Gewässer zu erreichen. Wenn dieser Sprung vom Turm bei den Zürcher Entchen nur gut geht!

Video: 15 Jahre Masoala-Halle

Zoo-Direktor Alex Rübel spricht über die Eigenheiten seiner Schützlinge. (Video: SDA/Tamedia)

Erstellt: 20.06.2018, 15:27 Uhr

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