Der alpine Aussenposten der Zürcher Szene

Zürcher Underground-Gastronomen bauen in Laax die Bergstation Crap Sogn Gion um. Sie haben schon mehrere Hundert Tonnen Material hochgeschafft.

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Das Dorf schläft. Besonders zu dieser Jahreszeit. Die Fenster der Laaxer Hotels sind verriegelt, die Spazierwege zwischen den modernen Steinbauten des Resorts wie leer gefegt. Die von Schneekanonen und Seilbahnen durchkreuzte Landschaft ist nicht weiss, sondern braungrün. Nur im Hotel Signina ist seit einigen Wochen mehr los als gewöhnlich um diese Zeit. Eine rund 35-köpfige Zürcher Crew bewohnt während acht Wochen das Haus neben der Talstation, die in der Zwischensaison nur dreimal am Tag eine Seilbahn zur Crap-Sogn-Gion-Bergstation entlässt. Immer morgens um halb acht fahren die Arbeiter mit ihr zur Station hoch, deren 5000 Quadratmeter Fläche sie derzeit umbauen.

Unter dem Label Mr. Samigo eröffnete Sami Khouri im Langstrassenquartier den Palestine Grill.

Der Mann, der den Umbau plante, ist in Zürich kein Unbekannter. Unter dem Label Mr. Samigo eröffnete Sami Khouri vor ein paar Jahren im Zürcher Langstrassenquartier den Palestine Grill, eine Imbissbude mit nahöstlichen Spezialitäten. Nebenher betreibt er seit Jahren Pop-up-Restaurants der, sagen wir, aussergewöhnlichen Sorte. Ob ausrangiertes Kino, Garage oder Bankfiliale, Khouri hat schon alles zum Speiselokal gemacht. Für einen Boxkampf hat er vor ein paar Jahren die Maag-Halle zur Sportstätte mit integriertem Restaurant für 1000 Leute umgebaut. Allen von Khouri aufgemotzten Lokalen gleich ist die Planung bis ins Detail. «Uns geht es darum, mit Kleinigkeiten eine einmalige Atmosphäre zu erzeugen», sagt er. Transport mit dem Helikopter

Der Aufwand, den der Gastronom dafür betreibt, ist beträchtlich – «grösser, als es wirtschaftlich sinnvoll wäre», wie er selber sagt. Für den Umbau der Bergstation etwa hat Khouri mehrere Hundert Tonnen Material auf den Berg schaffen lassen. Vieles per Seilbahn, einiges mit Lastwagen, die über eine schmale Schotterstrasse heranfahren mussten. Die Kräne, mit deren Hilfe in den nächsten Wochen die Aussenfassade bemalt werden soll, mussten mit einem Helikopter transportiert werden.

Unter dem Material sind auch ­Hunderte Dinge aus Khouris privater Sammlung. Darunter Plakate, Heftchen, Figürchen, Sticker und allerlei Brockenhaus-Möbel, die er in der ganzen Welt zusammensucht und in einem riesigen Lager in Wollishofen verstaut hält. Um deren Beschaffung kümmert sich ein extra von ihm eingesetztes Beschaffungsteam. Diese Zufallsfunde sind typisch für die Umbauarbeiten von Mr. Samigo.

Für den Umbau der Bergstation hat Khouri mehrere Hundert Tonnen Material auf den Berg schaffen lassen.

Die riesige, einstmals futuristisch anmutende Bergstation soll unter dem Namen Galaaxy fungieren und einer Raumstation ähneln. Für die Aussenfassade zeichnen Zürcher Sprayer verantwortlich, die gerade daran sind, mit insgesamt 5000 Spraydosen ein «digitales Tarnmuster in Grau- und Schwarztönen» anzubringen. Zum neuen Konzept gehören zudem eine Saftbar, ein Kino oder ein Radio, das inmitten des Rundbaus in einer Kabine untergebracht ist. Darum herum finden an Tischen 400 Gäste Platz.

Wer kommenden Winter aus der Seilbahn steigen wird, wird eine Wand mit mehr als 10'000 Vinylplatten passieren. In einer Ecke kann, wer will, Sticker gestalten und auf die Jacke nähen, oder sich in einer Fotobox ablichten lassen. Oder aber im obersten Stock an einem der Co-Working-Spaces eine Pause einlegen. «Alles hier soll sehr fotogen werden», sagt Khouri, der bei der Gestaltung freie Hand hatte. Eine Bedingung für ihn, wie er sagt.

Jetzt ist der Raum im obersten Stock, von wo aus sich der Blick über die Bündner Alpen erstreckt, aber noch Büro. Auf einem Tisch liegen Pläne und Deko-Materialien, Angestellte sitzen an Laptops. Was wie ein Chaos wirkt, ist in Wirklichkeit durchgeplant. Zu seiner Arbeitsweise sagt Khouri: «Ich versuche immer, Erwartungen nicht zu erfüllen.»

«Khouri bringt den Lifestyle»

Dieser Satz könnte auch von jenem Grossunternehmer kommen, der Khouri für den Umbau angeheuert hat. Reto Gurtner ist Gründer und Verwaltungsratspräsident der Weissen Arena AG. Zu ihr zählen die Bergbahnen, zahlreiche Hotels, Ferienwohnungen, Snowboard-Ausbildungsstätten, Restaurants, Sportgeschäfte und einiges mehr auf dem ­Gemeindegebiet der Dörfer Flims, Laax und Falera. Gurtner, der rund 1200 Angestellte beschäftigt, ist der zweitgrösste Arbeitgeber im Bündnerland. Unumstritten aber ist er in der Region nicht.

Der Grossunternehmer und der «Gastro-Rockstar», wie Gurtner Khouri nennt, sie haben nicht zufällig zusammengefunden. «Wir denken beide in grossen Dimensionen», sagt Gurtner. Und fügt an: «Sami Khouri bringt Lifestyle zu uns.» Den Umbau des Gebäudes auf dem Crap Sogn Gion, das sein Vater in den 60er-Jahren aus Teilen eines Expo-Pavillons gebaut hat, vergleicht Gurtner mit einem Theater. «Es geht um das Drumherum, das Gesamterlebnis.»

Dank der Daten der App weiss Gurtner, dass seine Stammkundschaft einen Altersschnitt von 38 Jahren hat.

Hätte der Geschäftsmann den Umbau nicht auch weniger aufwendig, also günstiger haben können? Gurtner sitzt in seinem Büro bei der Talstation und zeigt auf eine Grafik auf dem Bildschirm an der Wand. Darauf aufgeschlüsselt die exakte Belegung der Bergbahnen in den letzten Monaten. «Wohl keine Berg­region kennt ihre Kunden so genau wie wir», sagt er.

Dies auch aufgrund der Daten, die Gurtners Firma der Inside-Laax-App entnimmt. Damit reservieren die Gäste des Ferienortes nicht nur Restaurants oder kaufen Skibillette, ihnen wird auch Werbung aufs Telefon gesendet, sobald sie sich in der Gegend befinden. Dank der Auswertung der Daten weiss Gurtner, welcher Teil des Angebots besonders beliebt ist bei seiner Kundschaft. Oder aber, dass seine Stammkundschaft einen Altersdurchschnitt von 38 Jahren hat – und damit weit unter jenem in den anderen Skigebieten in der Schweiz liegt.

«Greater Zurich Area»

Gurtner, der Laax zur «Greater Zurich Area» zählt, weiss also, was er tut, wenn er einen wie Khouri anheuert. Dass der Umbau, der auch digitale Nomaden anziehen und den Crap in der Zwischensaison attraktiv machen soll, etwas mit dem Gästeeinbruch im Skitourismus zu tun hat, verneint er.

Die Verjüngung der Skiregion strebt Gurtner schon seit mehr als 20 Jahren an. Mit dem Bau der grössten Halfpipe der Welt oder dem Snowboarder-Hotel Riders Palace hat man damals schon auf ein junges Publikum gesetzt. Der Zürcher Khouri, der in den letzten beiden Saisons bereits Gurtners Gondelhalle in Laax zum Restaurant umbaute, steht also in derselben Traditionslinie.

Seine Crew, zu der neben Künstlern und Freunden auch Häuserbesetzer und andere Exponenten aus der Subkultur zählen, werden wohl auch in Zukunft noch im Dorf anzutreffen sein. Dafür spricht Gurtners Planung: Galaaxy soll sicher noch in den nächsten sieben Jahren bestehen bleiben. Eröffnet aber wird erst, wenn fertig gebaut ist – und wenn der erste Schnee gefallen ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.09.2017, 16:32 Uhr

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