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«Witikon ist kein Boom-Quartier mehr»

Der Verdrängungseffekt hoher Mieten dürfe nicht unterschätzt werden, sagt Stadtforscher Philipp Klaus. Er warnt vor flächendeckender Verdichtung in Zürich.

Mit Philipp Klaus sprach Jürg Rohrer

Die Hälfte der Zürcher Bevölkerung hat einen hohen sozialen Status, besagt eine Analyse der Stadtentwicklung. Vor 15 Jahren war es erst ein Drittel. Überrascht Sie das?

Dass das Bildungsniveau gestiegen ist, überrascht mich nicht. Das ist in der ganzen Schweiz so, wo mittlerweile 40 Prozent der Ausgebildeten die Tertiärstufe abgeschlossen haben, also eine Hochschule.

Der Studie zufolge haben auch die Einkommen zugenommen.

Auch das gilt für die ganze Schweiz. In Zürich aber hat seit dem Jahr 2000 die Anzahl Personen mit hohem Einkommen deutlich zugenommen – gleichzeitig jene mit tiefen Einkommen stark abgenommen.

Was ist die Ursache?

Es spiegelt die demografische Entwicklung, in der wir uns befinden. Die Jungen haben viele und gute Ausbildungsmöglichkeiten und kommen deshalb immer mehr zu guten Jobs. Vor allem bedeutet es aber, dass Leute mit hohen Einkommen in die Stadt gezogen sind, sei es aus dem Umland, sei es aus dem Ausland. Es kommen immer mehr Leute mit hoher Qualifikation nach Zürich. Im Prinzip ist das ja erfreulich.

Nur im Prinzip?

Der Wohlstand hat auch seinen Preis, allem voran hohe Mieten. Menschen mit kleinem Einkommen können diese Preise nicht mehr bezahlen und werden verdrängt. Besonders betroffen von diesen Entwicklungen ist das Langstrassenquartier, wie die Studie deutlich zeigt. Statushohe Einwohner haben stark zugenommen, statustiefe stark abgenommen. Die Studie belegt einmal mehr die Gentrifizierung in Zürich.

Gentrifizierung bringt man mit dem Seefeld zusammen, mit der Weststrasse oder eben der Langstrasse, welche die Europaallee zur Nachbarin hat. Aber auch in Seebach oder Altstetten sind die hoch Qualifizierten heute in der Mehrheit.

Das hat mich auch überrascht. In Seebach wohnen viele Studierende, vielleicht bleiben sie nach dem Abschluss eine Weile dort. In Altstetten wohnen immer mehr Expats. Zudem haben Secondos in der Regel eine höhere Ausbildung als die erste Generation der Einwanderer.

Eine Überraschung findet sich auch in Witikon im Kreis 7, das als einziges Quartier einen rückläufigen Anteil an Einwohnern mit hohem Sozialstatus hat.

Witikon ist kein Boom-Quartier mehr. Witikon hat heute einen sehr hohen Altersquotienten, das heisst einen hohen Anteil älterer Einwohner und Pensionierten, was sich beim Einkommen ausdrückt. Und für Junge ist das Quartier am Stadtrand nicht hip und mit dem Velo nur mühsam zu erreichen.

Wo sind denn die Leute mit niedrigem Sozialstatus geblieben, die vor 15 Jahren noch einen Drittel der Stadtbevölkerung ausmachten?

Ein Teil ist mit der Pensionierung in die Herkunftsländer zurückgewandert, ein Teil gestorben und ein Teil in die Agglomeration gezogen.

Wer hat sie vertrieben? Die Vermieter?

Die Mieten spielen tatsächlich eine entscheidende Rolle in der Bevölkerungsentwicklung. Ihr Verdrängungseffekt ist sehr gross.

Welche Konsequenzen sollte man aus dieser Studie ziehen?

Wir müssen aufpassen, welche Quartiere verändert werden und wie. Zürich darf nicht überall gleich umgebaut und verdichtet werden, denn Verdichtung bedeutet in der Regel Neubauten und das bedeutet wiederum höhere Mieten.

Nächstes Jahr wird Stadtrat Odermatt den Siedlungsrichtplan vorlegen, der aufzeigt, wo und wie viel die Stadt verdichtet werden soll. Was muss aus der Studie in den Richtplan einfliessen?

Dass Verdichtung und Aufzonungen den sozialen Status eines Quartiers berücksichtigen müssen. Das gilt insbesondere für Ersatzneubauten: Sie dürfen nicht überall zu grösseren Wohnungen und höheren Mieten führen. Vor allem in Schwamendingen müssen wir aufpassen, dass behutsam vorgegangen wird. Nicht flächendeckend verdichten, sondern mit dem Skalpell. Und es ist höchste Zeit, dass der Mehrwertausgleich bei höherer Ausnutzung angemessen angewendet wird, damit auch neuer günstiger Wohnraum geschaffen werden kann.

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