Die G-Punkte Zürichs

Was macht eine Stadt sexy? Spaziergang mit zwei Experten, die eine Ahnung davon haben.

Erfreuen sich an Orten, an denen Leben entsteht: Daniel Bosshard (l.) und Christian Schmid. Foto: Raisa Durandi

Erfreuen sich an Orten, an denen Leben entsteht: Daniel Bosshard (l.) und Christian Schmid. Foto: Raisa Durandi

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Geheimnis, Gedränge, Gebastel. Das sind keine Begriffe, die man mit einer Stadt verbindet, in der man leben möchte. Doch für Christian Schmid und Daniel Bosshard machen die drei G die Stadt lebenswert. Oder, um beim Thema zu bleiben: sexy. Stadtforscher Schmid und Architekt Bosshard haben sich für die Ausstellung «Nach Zürich» mit der Stadtentwicklung beschäftigt. Auf einem Spaziergang durch Zürich sollen die drei G an konkreten Beispielen fassbar werden.

Vor der Kaserne bleibt Christian Schmid stehen, für den Soziologieprofessor an der ETH-Architekturabteilung befindet sich hier ein zentraler Ort der Stadtentwicklung. Autos und Trams fahren auf der breiten Strasse vorbei. Schmid, 60, blickt auf den Proletenfluss, wie ihn Schriftsteller Hugo Loetscher einst bezeichnet hat. «Hätte die Bevölkerung vor 50 Jahren nicht gefordert, dass die Politik weniger rücksichtslos mit der Stadt umgehen soll, das Stadtbild wäre hier ein anderes», sagt Schmid.

Ideen für eine Erweiterung der Innenstadt über die Sihl aus den 60er-Jahren.

Mit der Sihlraumplanung wollten Stadt und Kanton die City bis zur Langstrasse erweitern – eine Skyline entlang einer Expressstrasse über dem Fluss und eine U-Bahn darunter waren geplant. Das Nein zur U-Bahn beendete die Modernisierungsträume. Die Abstimmung hat Gymnasiast Schmid Anfang der 70er-Jahre politisiert. Architekt Bosshard, acht Jahre jünger als Schmid, schlägt den Bogen zur aktuellen Diskussion um den Rosengartentunnel. «Ähnliche Voraussetzungen und man fragt sich: Was haben wir von damals gelernt?»

Raum muss gestaltbar sein

Auf der Militärstrasse spricht Schmid von der Szenografie und Dramaturgie einer Strasse. «Hier sind Häuser abgerissen und Parzellen zusammengelegt worden, lange Bauten mit monotonen Erdgeschossnutzungen entstanden wie an vielen Orten in der Stadt.» Bosshard, Präsident der Zürcher Sektion des Bundes Schweizer Architekten, wehrt sich. Monotonie könne durch fantasielose Architektur verursacht sein. Aber: «Die engagierte Gesellschaft, die Interessen der Investoren bestimmen sie genauso mit wie die Politik.»

«Ähnliche Voraussetzungen beim Rosengarten, und man fragt sich: Was haben wir von damals gelernt?»Daniel Bosshard, Architekt

Ein Hinterhof. Da wirkt alles kleinteilig. Der erste G-Punkt fällt: Gebastel. Ein zweigeschossiger Gewerbebau, auf den Fenstern kleben Abziehbilder, davor stehen ein Mini, eine geschnitzte Figur und ein altes Rad. Vielleicht eine Autowerkstatt, ein Atelier. «Was wie ein Gebastel aussieht, zeigt: Hier gestalten Menschen ihren Raum. Das belebt die Stadt», sagt Schmid. Und: «Hier verschwimmen Grenzen zwischen aussen und innen, vom öffentlichen Strassenraum über die halböffentlichen Geschäftsräume zu den privaten Wohnräumen.»

Hinterhof an der Langstrasse.

Möglich wurde das, weil die Mieten im verpönten Gebiet einst tief waren und eingewanderte Gewerbetreibende sesshaft wurden. Pläne aus den 1930er-Jahren scheiterten, das ganze Quartier abzureissen und mit durchgrünten Siedlungen zu ersetzen. Wieder schlägt Architekt Bosshard den Bogen zum Aktuellen. Zur unsichtbaren Gesellschaft von Angestellten, die das produktive Gewerbe verdrängt. Eintönige Hausfassaden mit Fenstern, die man nicht öffnen kann, werden so zur harten Grenze von innen zu aussen. «Sie machen auch Stadt, aber keine belebte», sagt Bosshard. Er plädiert für einen Gewerbeanteilplan innerhalb der Stadt, analog zum Wohnanteilplan, auch um die Gentrifizierung aufzuhalten.

Auf dem Weg zur Langstrasse ein lang gezogener Gewerbebau. Einzelne Storen sind kaputt, an den Fenstern hängen Plakate. Bosshard sagt: «Da schaut ein Eigentümer einen Augenblick nicht primär auf die Rendite und schon entsteht Leben.» Es spriesse, wo Normen gesprengt würden, Zürich nicht perfekt sei.

Verkehr als Lebensmotor

Die Langstrasse ist für Schmid einer der urbansten Orte in der Stadt, weil hier das Leben jener sichtbar wird, die die Stadt sonst gerne versteckt. Irgendwo kreischt jemand, ein Motor heult auf. Schmid und Bosshard blicken neugierig in die Seitenstrassen, wo sich der Stadtraum alle paar Meter anders präsentiert. Gebastel auch da. «Geheimnisse machen eine Stadt lebendig», sagt Schmid. Bosshard spricht von Körnigkeit, der unterschiedlichen Ausprägung der Bauten.

Die Kleinteiligkeit der Langstrasse macht sie überraschend.

Schmid schaut einem Auto auf der Langstrasse nach. Verkehr gehört für ihn zur Langstrasse, weil er Urbanität prägt. Fussgängerzonen haben für ihn etwas Unattraktives. «Ich will überhaupt kein Hohelied aufs Autofahren singen, aber die Langstrasse wird verkehrsberuhigt soziologisch einen wichtigen Lebensmotor verlieren.»

Lebt eine Stadt also nur in historisch gewachsener Kleinteiligkeit? «Nein», sagt Schmid. Es funktioniere auch andernorts, etwa am Idaplatz oder am ­Röschibachplatz. Damit öffentliche Räume Treffpunkte werden, müssen sie jedoch einige Voraussetzungen erfüllen. Durch die Infrastruktur belebt sein, gestaltet werden dürfen und nicht zu gross sein. Und dann fällt das dritte G. Schmid sagt: «Wo Gedränge herrscht, wo sich Leute auf den Füssen herumstehen, beginnt die Stadt zu leben.»

«Das Wissen, die Mittel und das Potenzial, die Stadt weitsichtig zu entwickeln, wären vorhanden.»Christian Schmid, Stadtforscher

Wir fahren mit Bus und Tram zum Glattpark, wo die beiden eine andere Form der Stadt veranschaulichen wollen. Christian Schmid steht auf der Zufahrtsstrasse. «Dieser weite und leere Boulevard ist ein Problem für eine Stadt.» 5000 Menschen leben da, das Quartier wirkt ausgestorben.

Auf dem Boulevard im Glattpark dürfen keine Autos verkehren. Bild: Reto Oeschger

Schuld daran: lesbare Räume, die nicht zum Entdecken einladen, zu viel Platz, kein Zentrum, monotone Fassaden. Schmid deutet auf eine Wohnung im Erdgeschoss. «Das beeinträchtigt den öffentlichen Raum zwischen den Häusern.» Der Glattpark sei ein Ort, der Urbanität vorgaukle, aber trotz sorgfältiger Planung Leben tilge. Kein Gebastel, kein Gedränge, keine Geheimnisse.

Dicht ist gut

Für Architekt Daniel Bosshard ist dies die Folge des Investitionsprojekts auf der grünen Wiese. «Da kann die Architektur noch so gut sein, stimmen die Rahmenbedingungen nicht, bleibt ein solches Quartier eine Schlafstadt.» Auch hier ein Blick in einen Hinterhof. Zubetoniert, ein Wasserspiel, an den Fenstern des Erdgeschosses der Schriftzug einer Therapiepraxis. Einzig der Park ist belebt. Ganz verloren ist für Schmid und Bosshard das Neubauquartier jedoch nicht. Etwa, wenn um die Tramstation Glattpark mit dem städtischen Neubauprojekt Thurgauerstrasse ein Zentrum für beide Quartiere heranwächst.

Der Ursprung der sogenannten Sihlraumplanung: So hat man sich ein mögliches Wachstum der Stadt in den 60er-Jahren vorgestellt.

Zurück in die Innenstadt, hin zum Neubauquartier Europaallee. Auch eine Problemzone? Bosshard: «Nein. Dieses Areal ist so dicht bebaut, dass Leben entsteht.» Es habe immer wieder gute Beispiele für weitsichtige städtische Entwicklung gegeben. Die Aufschüttung des Seebeckens oder die Initiativen des roten Zürichs etwa. Schmid sagt: «Das Wissen, die Mittel und das Potenzial, die Stadt weitsichtig zu entwickeln, wären vorhanden. Es fehlt die Geduld, die richtige Antwort zu entwickeln.» Bosshard ergänzt: «Das geht nur, wenn die Diskussion über wünschenswerten Stadtraum öffentlich geführt wird.»

Erstellt: 16.04.2019, 12:05 Uhr

Meilensteine der Stadtentwicklung

See: Lange dominierte die Limmat das Leben in Zürich. Stadtingenieur Arnold Bürkli baute 1887 die öffentlichen Seeanlagen. Deren Benützung wurde mit der urbanen Revolte 1980 gelockert.

Gärten: In den 1930er-Jahren trieben «die Roten» soziale Reformen verknüpft mit Städtebau voran. Nach der zweiten Eingemeindung 1934 kaufte die Stadt Land und verkaufte es an Genossenschaften weiter. So entstanden die Gartenstadtsiedlungen.

Verkehr und Moderne: Lange steuerte der Verkehr die Stadtentwicklung. Das Expressstrassen-Ypsilon und die U-Bahn gekoppelt mit der Sihlraumplanung sollten die Innenstadt erschliessen, Cityring und Tangentenbügel dienten als Transitachsen. Das Volk war dagegen. Mit dem Wohnanteilplan wurde die bauliche Struktur der Innenstadt bis heute bewahrt. (ema)

Nach Zürich, Zentrum für Architektur, Höschgasse 3, bis 25.8. Innerstädtisches Wohnen, Mi, 17.4. 18 Uhr, Langstrasse, Do, 2.5. 19 Uhr.

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