Die grosse Entspannung

Ein Defekt in einer Anlage des Zürcher Elektrizitätswerks hat am Mittwoch 21'000 Stromanschlüsse zwischen Hauptbahnhof und Höngg lahmgelegt.

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Um 8.15 Uhr ahnt an diesem Mittwochmorgen niemand etwas vom seltsamen Zustand, der sich gleich über einen guten Teil von Zürich senken wird. Noch ist die Stadt ein gut funktionierendes Uhrwerk – es ist ein Morgen wie jeder. Aber einen Kilometer abseits vom pulsierenden Stadtzentrum hat das Unheil längst seinen Lauf genommen: im Unterwerk Letten, einem unscheinbaren Gebäude, das die Zürcher sonst höchstens zur Kenntnis nehmen, wenn sie im Sommer beim Baden darauf zutreiben.

Hier geschieht etwas, womit die Fachleute vom städtischen Elektrizitätswerk (EWZ) nicht rechnen, weil es fast nie passiert: Eine einzelne Isolation ist daran, den Geist aufzugeben. Sie befindet sich in einem Schrank, der aussieht wie der Spind in einer Garderobe. Er steht in einer ganzen Reihe solcher Schränke, Schaltanlagen genannt. Ihre Aufgabe: das Stromnetz zu verästeln, damit der Strom hinaus in die Quartiere fliessen kann. Um 8.16 Uhr ist es so weit. Die Isolation gibt nach, ein lauter Knall, Kurzschluss. Sofort schalten sich die Transformatoren im Unterwerk ab.

Die Lichter gehen aus

Jetzt gehen rundum die Lichter aus, vom Hauptbahnhof über das Industriequartier und Wipkingen bis Höngg. 21'000 Stromanschlüsse sind tot, rund sieben Prozent der Stadt. Verkehrsampeln erlöschen, Rolltreppen stoppen, Trams kommen zum Stillstand.

Manchem Pendler im Untergrund des Bahnhofs wird es mulmig, als kurz darauf die Notbeleuchtung angeht und die Gänge in ein seltsames Zwielicht taucht – die Anschläge von Paris sind noch allzu präsent. Es ist ruhig wie nie, die Lautsprecher bleiben stumm. Die Menschen streben den Aufgängen zu, ans Tageslicht. Vorbei an Geschäften, die im Dunkeln gähnen wie Höhlen. Zum Teil ist das Personal hinter Schiebetüren eingeschlossen, die sich nicht mehr bewegen. Als hier nach zwanzig Minuten der Strom zurückkehrt, bricht da und dort erleichterter Jubel aus.

Selig ist, wer Kaffee bekommt

Auch draussen in der Stadt glauben zu diesem Zeitpunkt noch viele, dass es nur eine Frage von Minuten sein kann, bis der Spuk vorbei ist. Sie bleiben in den Trams sitzen, warten an den Haltestellen. Bis es ihnen dämmert: «Das muss etwas Gröberes sein.» Jetzt schliessen sie sich jenen Scharen von Menschen an, die den Weg zur Arbeit unter die eigenen Füsse genommen haben.

Im Unterwerk fährt inzwischen die Feuerwehr vor. Im Raum mit den grauen Schränken herrscht dichter Qualm. Der muss raus, damit sich die Fachleute an die Reparaturarbeiten machen können.

Der Limmatplatz ein paar Schritte weiter scheint aus der Zeit gefallen, die Zeiger der Kirchturmuhr zeigen stur auf 8.16 Uhr. Mitten im erloschenen Quartier hebt sich ein Hochhaus wie ein Leuchtturm aus dem Meer der Dunkelheit. Es ist jenes der Migros, die sich für Notfälle eine Paralleleinspeisung vom nahen Kraftwerk an der Limmat hat einrichten lassen – eine Investition, die sich jetzt auszahlt. Von überall her strömen die Schiffbrüchigen zum einzigen Ort, wo die Kaffeemaschinen noch laufen.

Wer diese Insel der Seligen erreicht hat, stellt sich geduldig in eine der Schlangen, die sich vor der Theke des Restaurants gebildet haben. Man nimmt den Stromausfall gelassen, obwohl dieser inzwischen über eine Stunde andauert. Die einen sehen darin eine willkommene Auszeit vom Alltagstrott. Endlich offline. Andere haben den Laptop und die Sitzungspapiere eingepackt und funktionieren das Restaurant nun kurzerhand zum Büro um.

Fehlalarme und blockierte Lifte

Draussen sind immer wieder die Sirenen vorbeifahrender Einsatzwagen von Polizei und Feuerwehr zu hören. Meist erwartet sie am Ziel eine Lappalie: Brandmelder und Einbruchsicherungen sind ob des plötzlichen Energieverlusts in Panik geraten und haben Alarm ausgelöst. Da und dort müssen die Retter auch einen Unglücksraben befreien, der zur Unzeit den Lift genommen hat. Insgesamt gibt es für sie aber relativ wenig zu tun, wird es später heissen. Die Polizei schaut zwar auf heiklen Kreuzungen nach dem Rechten, aber Autos, Velofahrer und Fussgänger verhalten sich an diesem Morgen meist so zivilisiert, dass man sich unwillkürlich fragt, wozu es die Rotlichter sonst eigentlich braucht.

Wenn Computer und Fernseher schwarz bleiben, geht der Blick wieder hinaus auf die Strasse – allerdings bekommen die Zaungäste auf den Balkonen und in den Hauseingängen wenig Action zu sehen. Also lassen sie die Zeit in Zigarettenrauch aufgehen, jede Menge davon. Viele Ladenbesitzer haben dichtgemacht. Man sitzt im Café, bei kalten Getränken und Kerzenlicht. Dort tummeln sich auch auffallend viele Schüler, obwohl der Unterricht nur vereinzelt gestrichen wurde – ein Stromausfall schafft offensichtlich Freiräume.

Gerade als sich alle arrangiert haben mit der Situation, gehen die Lichter wieder an. Um 11.36Uhr sind die letzten Anschlüsse zurück am Netz. Genau 200Minuten hat der zivilisatorische Ausnahmezustand gedauert. Man hat den Eindruck, es seien nicht die schlimmsten gewesen.

Erstellt: 09.12.2015, 22:06 Uhr

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Stromausfall legt Zürich lahm

Stromausfall legt Zürich lahm Um 8.16 Uhr am Mittwochmorgen standen die Trams in der Limmatstadt still.

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