Die grosse Zürcher Balkon-Revolte

Wenn es um Balkone geht, kennen die Stadtzürcher kein Pardon. Das musste der Stadtrat erfahren, als er etwas kleinere Modelle vorschlug.

Dürfen es 30 Zentimeter mehr sein? Verschnörkelte Balkone schmücken die Gebäude der Gründerzeit. Foto: Sabina Bobst

Dürfen es 30 Zentimeter mehr sein? Verschnörkelte Balkone schmücken die Gebäude der Gründerzeit. Foto: Sabina Bobst

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Gerade als man befürchten musste, dass den Ersten das Gesicht einschläft, kam im Zürcher Gemeinderat spätabends ein Thema zur Sprache, das viele elektrisierte: der Balkon – dieses kühn in den Raum gehängte Stück Freiheit, Open-Air-Heiligtum überdomestizierter Städter. Was folgte, war wohl nicht die relevanteste Debatte an diesem langen Mittwoch, schliesslich ging es im Parlament um die Bau- und Zonenordnung (BZO), um die bauliche Zukunft Zürichs. Aber es war die leidenschaftlichste.

Stadt ist dort, wo es Balkone hat, hat der Architekturkritiker Benedikt Loderer einmal gesagt. Und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, welchen Stellenwert die Balkone für die Zürcher haben, wurde er von den streitenden Gemeinderäten erbracht. Sie warfen ­delikate Fragen auf wie die, welches die besseren Balkone sind – zur Hofseite oder zur Strasse? Und sogar eine ketzerische: Braucht es überhaupt welche?

Dabei ging es auf dem Papier lediglich um 30 Zentimeter mehr oder weniger. Der Stadtrat wollte eine neue Vorschrift erlassen, wonach in sogenannten Quartiererhaltungszonen die Balkone nur noch 120 Zentimeter über die Fassade hinausragen dürfen statt 150 Zentimeter, wie es die «BZO Ledergerber» von 1999 heute erlaubt. Ziel ist der Erhalt des historischen Stadtbilds in den Gründerzeit-Quartieren mit ihren Blockrandbebauungen, etwa im Seefeld, in Aussersihl, Wipkingen oder Unterstrass.

Ornamente oder Betonkasten

Die typischen Balkone in diesen Quartieren sind relativ schmal und haben eiserne Geländer, deren Stäbe oft zu filigranen Ornamenten verschlungen sind. In jüngeren Jahren ist dieser Typus aber von einem neuen bedrängt worden. Von «grauenhaften Betonkästen», wie der Grüne Markus Knauss schimpfte, «ästhetische Scheusslichkeiten, die das Erscheinungsbild einer Strasse kaputt machen». Mit dieser Terminologie des Horrors versuchte er eine Allianz zu erschüttern, die sich für die 150-Zentimeter-Regel einsetzte. Mit dabei war zum Ärger der Grünen neben Mitte-rechts auch die SP, die sich gegen den eigenen Stadtrat André Odermatt stellte.

SP-Mann Patrick Hadi Huber sah sich genötigt, dieses Ausscheren zu erklären. Man habe in der Fraktion intensiv gerungen bei diesem Thema. Am Ende überwog aber die Einsicht, dass ein Balkon ein Stück Freiraum sei und sich die Ledergerber-Regel bewährt habe. «Auch wenn die Ergebnisse für manche Leute ästhetisch nicht okay sind.» Das reizte Knauss zur Bemerkung, dass 30 Zentimeter mehr Balkon auf der Strassenseite nun wirklich keine Rolle spielten. Entscheidender für den Freiraum seien die grosszügig bemessenen Balkone zur Hofseite. «Dort wollen sich die Leute aufhalten.» Er wisse das aus eigener Erfahrung, weil er selbst in einer Quartiererhaltungszone nahe dem Idaplatz lebe. Parteikollegin Gabriele Kisker pflichtete ihm bei. Wegen 30 Zentimetern mehr werde niemand auch nur ein Pflanzentöpfchen mehr auf den Balkon stellen. Es sei irritierend, dass die SP der Baulobby Zugeständnisse mache. Auch Niklaus Scherr von der AL ärgerte sich über den «elenden Quadratmeterschacher», dem ganze Strassenbilder geopfert würden. Und der Grüne Simon Kälin liess sich sogar zur Bemerkung hinreissen, es wäre am besten, wenn es in der Stadt genug öffentliche Grünräume gäbe, dass man ganz auf Balkone verzichten könnte.

«Gute Gestaltung lässt sich nicht mit Vorschriften erreichen»

Entschiedener Widerspruch kam von der Grünliberalen Ann-Catherine Nabholz. Man könne sich schon um die Ästhetik sorgen, aber es sei ein Irrtum zu glauben, eine gute Gestaltung lasse sich nur mit neuen Vorschriften erreichen. FDP-Mann Michael Baumer sagte mit leisem Spott, er habe von der Stadt bisher keine vernünftige Erklärung bekommen, was eine Reduktion um 30 Zentimeter bringen solle. Nur diese: «Man hat mir gesagt, dass man den Nachbarn sonst auf den Spaghettiteller sehe.»

Stadtrat Odermatt konterte, dass es ebenso unklar sei, wozu es 30 Zentimeter mehr brauche. «Sind vielleicht die Grillmodelle zu gross geworden?» Es blieb eine Schlusspointe ohne Effekt: Die Gegner des stadträtlichen Vorschlags setzten sich in der Abstimmung mit grosser Mehrheit durch und wendeten so den drohenden Verlust von einem guten Quadratmeter Freiheit ab.


BZO im Gemeinderat
In Schwamendingen sollen an drei Strassen viel grössere Bauten erlaubt sein. Obwohl die Debatte über die Verdichtung noch aussteht.

Der Zürcher Gemeinderat hat am späten Mittwochabend nicht nur über Balkone gestritten, sondern eine Reihe weiterer Änderungsanträge zur Revision der Bau- und Zonenordnung (BZO) behandelt. Anlass für Diskussionen war ein Artikel, der an stark befahrenen Strassen eine erhöhte Ausnutzung erlaubt. Im Grundsatz ist das zwar unbestritten, zumal durch den so entstehenden Riegel die dahinterliegenden Strassen weniger Lärm abbekommen. Die Linke störte sich aber am Zeitpunkt, weil es noch kein Instrument gibt, bei den Grundbesitzern den Mehrwert abzuschöpfen. Entlang der betreffenden Strassen in Zürich-Nord sei neu die doppelte Ausnutzung möglich, rechnete die AL vor.

Der SP gelang es, mit den Bürgerlichen einen Kompromiss zu schmieden, um vier Strassen von der Liste dieser Gebiete zu streichen: die Ueberland-, Schaffhauser-, Regensberg- und Wehntalerstrasse. Gescheitert ist dagegen der Versuch von AL und Grünen, auch die Wallisellen-, Winterthurer- und Dübendorferstrasse in Schwamendingen zu streichen. Die SP stimmte dagegen – es war ihr Preis für den Kompromiss mit den Bürgerlichen. Entlang dieser drei Strassen seien ohnehin bereits grosse Planungen im Gang, argumentierte sie.

Die AL warnte vergeblich, wegen dieses «Kuhhandels» werde die Gartenstadt Schwamendingen auf eine Weise umgepflügt, die den Widerstand gegenüber Verdichtungsplänen verhärten könnte – noch bevor die öffentliche Debatte geführt sei, wo Zürich verdichtet werden soll. Diese Debatte soll es nach dem Willen der Planer im Rahmen einer kommunalen Richtplanung geben, die ansteht. Jetzt schon Fakten zu schaffen, verbaut aus Sicht der AL die Chance auf eine sozial verträgliche Entwicklung Schwamendingens. Die Gegenseite sagte, die Gartenstadt Schwamendingen sei nicht mehr zeitgemäss. Und sie sei ohnehin nicht mehr zu retten – ihr Ende sei schon seit den Aufzonungen der letzten BZO von 1999 beschlossen. (hub)

Erstellt: 23.06.2016, 20:09 Uhr

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