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Die grosse Zürcher Zuwanderungsstatistik

Immer mehr Menschen ziehen nach Zürich? Stimmt nicht. Immer mehr Schweizer? Falsch. Ausländer? Stimmt auch nicht. Nicht mehr.

Zuwanderung ist ein heisses Thema. In die Stadt Zürich zogen in den letzten zehn Jahren zwischen 41'000 und 46'500 Personen pro Jahr, wobei gleichzeitig zwischen 37'500 und 40'500 wegzogen. Mit dem Geburtenüberschuss von 600 bis 2000 Babys ergab sich insgesamt eine immer grössere Gesamtbevölkerung.

Wer aber den Eindruck hat, dass immer mehr Leute von auswärts kommen, muss die Ansicht revidieren. In den letzten zehn Jahren war 2007 das Jahr mit dem Spitzenwert, während 2014 bis 2016 leicht unterdurchschnittlich waren.

Hohe Zuwanderungszahlen sind für Zürich kein neues Phänomen. Teils klar über dem aktuellen Durchschnitt lag die jährliche Zuwanderung in den späten 1920er-Jahren sowie von 1954 bis 1974. Der höchste Wert wurde 1962 mit 57'000 zugezogenen Personen erreicht.

Weniger Schweizer infolge besserem ÖV?

Jetzt hat Statistik Stadt Zürich neue Daten publiziert, welche einen längerfristigen Vergleich der Zuwanderung nach Staatsangehörigkeit und nach Geschlecht erlauben (siehe Grafik). Zunächst zum Zuzug von Menschen mit Schweizer Pass: Obwohl die Stadt Zürich mit ihrer stets betonten Offenheit als Schweizer Schmelztiegel bezeichnet wird, nimmt die Zuwanderung von Auswärtigen stetig ab. Zogen Anfang der 1970er-Jahre noch jährlich rund 22'000 Schweizer nach Zürich, waren es um die Jahrtausendwende 19'000 und heute noch 17'000.

Vor der Ölkrise kamen deutlich mehr Ausländer nach Zürich als heute: Gastarbeiter 1970 in einem Laden. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Hans Krebs
Vor der Ölkrise kamen deutlich mehr Ausländer nach Zürich als heute: Gastarbeiter 1970 in einem Laden. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Hans Krebs

Wie erklärt sich dieses eher überraschende Phänomen? Geht man davon aus, dass es sich bei diesen Zuzügern nur um wenige Auslandschweizer handelte und die meisten aus der Schweiz kamen, hat Christin Achermann einen Ansatz. «Es könnte mit der veränderten Mobilität zu tun haben», sagt die Professorin für Migration, Recht und Gesellschaft an der Universität Neuchâtel. Dank ausgebautem öffentlichem Verkehr ist Pendeln viel einfacher als vor 40 Jahren. Man muss also nicht in Zürich wohnen, wenn man hier arbeitet.

Kaum Zuwanderung Mitte der 70er-Jahre

Noch grösser sind die Veränderungen bei der Zuwanderung von Ausländerinnen und Ausländern. Anfang der 70er kamen im Jahr ebenfalls rund 22'000 Personen in die Stadt. Dann folgte ein grosser Einbruch. 1976 waren es gerade noch 11'000 Ausländer. Diese Zahl stieg bis 1991 wieder auf 21'000, sackte darauf aber wieder ab. Ende der 1990er-Jahre gings erneut in die andere Richtung. Eine Rekordzuwanderung aus dem Ausland erfuhr Zürich 2007 mit über 28'000 Personen. In den letzten Jahren hat sich der jährliche Zuzug von Ausländern zwischen 25'000 und 26'000 Menschen eingependelt.

Hier ist die Ursachenforschung weniger schwierig. Gemäss Migrationsexpertin Achermann verläuft die Kurve oft parallel zur Konjunktur. Mitte der 1970er-Jahre war die Ölkrise. Jobs gingen verloren, die Schweiz schickte ihre Saisonniers sogar aktiv weg. Etwa 175'000 Menschen mussten damals in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Mit den damaligen Überfremdungsinitiativen hatte die steile Abwärtskurve gemäss Achermann wenig zu tun. Die Schweiz führte als Reaktion zwar Kontingente ein. Diese seien aber von der Wirtschaft bald umgangen worden.

Boom mit Personenfreizügigkeit

In den sorglosen Boomjahren der 80er kamen wieder viele Arbeitskräfte aus dem Ausland nach Zürich. Das Bild änderte sich aber bald wieder: In der Rezession der 90er-Jahre sank die Zuwanderung. Damals verzeichnete die Schweiz einen negativen Wanderungssaldo. 1996 und 1997 gingen zwischen 6000 und 7000 mehr Menschen als zuwanderten. Auch in Zürich war der Saldo in diesen beiden Jahren negativ. Der nächste Sprung ab 2004 hat laut Achermann mit der Einführung der Personenfreizügigkeit zu tun, die kurze Abschwächung nach 2007 ist auf die Finanzkrise zurückzuführen.

Interessant sind auch die Unterschiede der Anzahl zuwandernder Männer und Frauen. Während die Differenz bei den Menschen mit rotem Pass relativ klein ist, sieht es bei den Ausländerinnen und Ausländern anders aus: Bis Mitte der 1990er-Jahre war der Unterschied sehr gross. Es kamen viel mehr Männer als Frauen aus ausländischen Staaten nach Zürich.

Erneut weniger Frauen

Das hat laut Achermann wohl gesellschaftliche wie arbeitsstrukturelle Gründe: «Es könnte mit der Nachfrage nach Qualifikationen zu tun haben, welchen Männer eher entsprechen respektive welche eher Männern zugesprochen wurden.» 1997 bis 2007 wanderten fast gleich viele Ausländerinnen wie Ausländer zu. Dass danach die «Schere» zwischen männlicher und weiblicher Zuwanderung wieder aufgeht, kann sich Achermann aufgrund der nackten Zahlen nicht erklären. Wahrscheinlich habe es wieder mit der spezifischen Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zu tun.

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