Dieser Multimilliardär krempelt die Zürcher Arbeitswelt um

Im hiesigen Business mit geteilten Büroräumen mischen eine reiche Familie und mächtige Konzerne mit.

Tritt nicht oft in der Öffentlichkeit in Erscheinung: Joseph Safra auf einer Aufnahme von 2002. Bild: Keystone/Lionel Cironneau

Tritt nicht oft in der Öffentlichkeit in Erscheinung: Joseph Safra auf einer Aufnahme von 2002. Bild: Keystone/Lionel Cironneau

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120 Millionen Franken legt eine der reichsten Familien des Landes auf den Tisch, um sich die Spitzenposition im lokalen Co-Working-Business zu sichern. Falls jemand noch Zweifel hatte, dass es sich wirklich um einen «Megatrend» handelt, der «durchstartet», wie es in der Branche heisst: Damit wäre der Beweis erbracht. Kaufobjekt ist das Schweizer Geschäft von IWG, einem der Weltmarktführer. Für die 120 Millionen gibt es 38 geteilte Büros, darunter ein Dutzend in der Stadt Zürich. Nicht die Immobilien, wohlgemerkt, sondern bloss den Betrieb, das Know-how und die Rechte an den Marken «Regus» und «Spaces».

Als Käuferin trat die Gruppe des brasilianischen Multimilliardärs Joseph Safra auf, die vor ein paar Jahren die Basler Privatbank Sarasin übernommen hat. Safra, teilzeit in Crans Montana im Wallis wohnhaft, ist laut «Bilanz» der reichste Bankier der Welt. Sein Partner bei der Übernahme ist der wenig bekannte Genfer Investor Philippe Peress, Direktor einer Firma, die Dienstleistungen für Banken erbringt.

Zürich mit seinem Finanzplatz gilt im Vergleich mit Amsterdam oder London noch als Entwicklungsgebiet.

Peress hatte mit IWG zuvor am Luxusangebot «No18» gearbeitet. Er gibt sich überzeugt, dass Co-Working nicht nur etwas für kleine Start-ups ist. Die hochqualifizierten Arbeitnehmer, nach denen seine Kunden suchen, würden gerne auf lange Reisen an den Arbeitsplatz verzichten, sagte er in einem Interview mit «Monde Economique». Nach Bekanntgabe der Übernahme kündigte er an, das Co-Working-Geschäft hierzulande auszubauen. Zürich mit seinem Finanzplatz gilt in der Branche im Vergleich mit Amsterdam oder London noch als Entwicklungsgebiet. Die 120 Millionen Franken sind also eine Wette auf die Zukunft.

Die Grossen verdienen an den Kleinen mit

Auf den Marktführer IWG setzen auch mehrere Titanen der Schweizer Immobilienbranche, die vom Co-Working-Modell überzeugt sind, nachdem sie laut Insidern zunächst eher zögerlich waren. Als Pionier unter den Grossen versteht sich PSP, wie CEO Giacomo Balzarini in einem Interview mit dem Magazin «Private» sagte. Co-Working sei ein «wichtiger Wachstumstreiber» und IWG ein «guter Mieter». PSP hat an die Firma unter anderem einen Teil des ausgebrannten Gebäude am Zürcher Hauptbahnhof vergeben, wo in einem Jahr luxuriöse Business-Lounges der Marke «No18» entstehen sollen.

An IWG vermietet in Zürich auch die Versicherung Swiss Life, die grösste private Immobilienbesitzerin des Landes. Sie ist im neuen Geschäftsfeld auffallend aktiv. Das Geschäft an der Front überlässt sie «Zwischenplayern» wie IWG, mit der sie konventionelle Mietverträge hat, wie Giorgio Engeli von Swiss Life sagt. Andererseits ist die Versicherung bei kleineren Co-Working-Firmen in Zürich direkt am Geschäft beteiligt.

Wird von der Genossenschaft «Village Office» betrieben, ist aber eigentlich Swiss Life: Der Co-Working-Space am Tessinerplatz. Bild: PD

Die Genossenschaft «Village Office» am Tessinerplatz etwa hat keinen Mietvertrag, sondern führt den Betrieb im direkten Auftrag des Konzerns und erhält dafür ein erfolgsabhängiges Entgelt. Wer dort einen Platz bucht, ist also zu Gast bei Swiss Life, ohne es zu merken. Die Genossenschaft ist nicht nur wegen ihrer Erfahrung im Aufbau solcher «Communitys» zwischengeschaltet, sondern auch, weil sie jenes Image vermittelt, das die angepeilte Kundschaft sucht – ein Versicherungskonzern hätte da Mühe.

Die Credit Suisse versucht es selbst

Eine ähnliche Umnutzung, aber für ein klassisches Business-Publikum, erprobt die Swiss Life im auffälligen Spiralturm der Swiss Life hinter dem Bahnhof Tiefenbrunnen. Der Prestigebau stand mehrere Jahre leer und diente zuletzt auch als Pop-up-Restaurant. Laut Engeli sind aber nicht die Leerstände auf dem Büromarkt der Treiber hinter der Investition. Man reagiere auf ausdrückliche Wünsche von Mieterseite: Viele Firmen, auch grosse Finanzdienstleister, wollten heute flexibel bleiben, was die Büros betrifft. Es kommt vor, dass ein Grosskunde mehrere Etagen selbst mietet, aber wünscht, dass auf einer weiteren Etage ein Anbieter wie IWG angesiedelt wird, damit man auf Schwankungen reagieren kann.

Wie die Swiss Life hält es auch die Immobilienfirma Swiss Prime Site: Sie ist selber nicht im Co-Working-Business tätig, arbeitet aber mit mehreren grossen und kleinen Anbietern zusammen. Eine Ausnahme ist insofern die Credit Suisse, die zur Überraschung der Branche mit «Spoom» gerade eine eigene Co-Working-Marke lanciert: Den Anfang macht sie im Glattpark an der Stadtgrenze, weitere Standorte sollen folgen.

Immobilienfirmen klopfen an

Als unabhängig bezeichnen sich jene Zürcher Co-Working-Firmen, die zurzeit um den Platz des grössten heimischen Anbieters konkurrieren, also um die Position hinter den internationalen Firmen. Sie heissen Impact Hub, Office Lab, Westhive oder Flex Office und kommen aus ganz unterschiedlichen Ecken – Impact Hub zum Beispiel ist gemeinnützig ausgerichtet. Das mit der Unabhängigkeit könnte sich aber bei einigen bald ändern, denn sie sind gerade stark am Expandieren, und bei neuen Finanzierungsrunden klopfen jetzt auch die grossen Immofirmen an, wie zu hören ist.


Für Unkomplizierte, Eltern und Networker Die besten Co-Working-Spaces in Zürich, zusammengestellt vom Züritipp.


Mit diesen sind die lokalen Anbieter bereits jetzt geschäftlich verbunden. Office Lab zum Beispiel hat seinen ersten Standort in Altstetten vor vier Jahren mit der Credit Suisse als Investorin aufgezogen. Flex Office hat mit Unterstützung der Swiss Prime Site in der Fraumünsterpost angefangen. Und Westhive operiert an der Hardturmstrasse in einem Gebäude von PSP, deren Chef auch im «Advisory Board» sitzt.

Die Verträge variieren von Fall zu Fall, oft sind die Immofirmen aber über Ertragsbeteiligungen am Geschäft beteiligt. Roger Krieg von Office Lab sagt, dass die grossen Player die Co-Working-Anbieter auch als verlässliche Partner schätzen, wenn es um Zwischennutzungen von Abbruchliegenschaften geht. Der Vorteil: Der Grundeigentümer muss am Tag X nicht mit vielen kleinen Einzelmietern verhandeln, die schon manches Neubauprojekt verzögert haben.

Staatlich gestützte Konkurrenz

Ein anderer Grosser, der ebenfalls auf dem Markt mitmischt, ist die öffentliche Hand. Die Stadt Zürich etwa besitzt das Basislager in Altstetten, wo Kreative in Containern zusammenkommen. Zudem vermietet sie in der Werkerei Schwamendingen, dem ehemaligen Amag-Gebäude, günstigen Raum – unter anderem an die Co-Working-Firma Creativespace. Der Ertrag, auf den die Stadt dabei spekuliert, ist nicht finanzieller Art, sondern strategischer: Es geht um die Förderung der Kreativwirtschaft.

Mit dem Gratisangebot der Zürcher Kantonalbank haben die privaten Wettbewerber Mühe.

Auch die reformierte Kirche ist auf den Zug aufgesprungen und vermietet mitten in der Altstadt Arbeitsplätze an «Weltverbesserer und kreative Köpfe». Mit dieser Art öffentlich gestützter Angebote haben private Co-Working-Anbieter keine Mühe. Etwas anders sieht es im Fall der Zürcher Kantonalbank aus, die an der Bahnhofstrasse das kostenlose Büro Züri betreibt. Denn dieses sei auf den professionellen Bereich ausgerichtet und daher ein direkter Konkurrent.

Erstellt: 07.11.2019, 14:04 Uhr

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