«Die Hälfte der Familien der Taxifahrer bezieht Sozialhilfe»

Die Branche freut sich über das neue Zürcher Taxigesetz. Sie weiss aber: Das Grundproblem ist älter als Uber.

George Botonakis (links) und Rudolf Raemy von den Zürcher Taxiverbänden sind zufrieden, warnen aber auch vor Missständen.

George Botonakis (links) und Rudolf Raemy von den Zürcher Taxiverbänden sind zufrieden, warnen aber auch vor Missständen. Bild: pu

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Herr Raemy, Herr Botonakis, Sie beide vertreten zwei Zürcher Taxiverbände*, was halten Sie vom neuen Taxigesetz?
Rudolf Raemy: Wir sind zufrieden. Die SVP und die SP haben gut gearbeitet – es ist genau das Gesetz, das wir brauchen. Allerdings hat mich die Kantonsratsdebatte enttäuscht. Da wurde der Taxameter mit dem Fahrtenschreiber verwechselt, oder es wurde tatsachenwidrig behauptet, dass Carsharing künftig nicht mehr möglich sei. Der für mich wichtigste Punkt ist aber erfüllt: dass die Schwarzarbeit eliminiert wird.
George Botonakis: Auch wir sind erfreut. Nun haben alle gleich kurze Spiesse, auch Uber. Wir hätten gar ein schärferes Gesetz befürwortet.

Wieso «gleich kurze Spiesse»?
Botonakis: Wir arbeiten in einer Tiefstlohnbranche. Nach Abzug der Standgebühren, Sozialabgaben, des Benzins, der Abgabe an die Zentralen von 1000 Franken und Rücklagen fürs neue Auto verdient ein Fahrer 10 bis 12 Franken in der Stunde. Am Ende des Monats bleiben ihm 2800 bis 3000 Franken im Monat, Tendenz sinkend.

Das reicht in der Stadt Zürich nicht zum Leben.
Botonakis: Deshalb muss oft der Staat helfen. Wir vermuten, dass etwa die Hälfte der Familien der Taxifahrer von der Sozialhilfe unterstützt werden muss.
Raemy: Teils werden auch Leute von der Sozialhilfe ins Taxigeschäft gedrängt.
Botonakis: Wenn diese Leute ausgesteuert werden, heisst es offenbar beim RAV, es sei am einfachsten, den Führerschein zu Geld zu machen. In dieser Hinsicht wird sich das Problem eher verschärfen.

Inwiefern?
Botonakis: Es ist vorgesehen, die Taxiprüfung abzuschaffen. Dann kommen noch mehr Ausgesteuerte ins Taxiwesen. Bisher fielen 80 Prozent dieser Leute durch die Prüfung.

Wie wird sich das auswirken?
Botonakis: Es wird eine Zweiklassengesellschaft geben. Der Kunde entscheidet, wer überlebt.
Raemy: Es ist immer der Preis, der entscheidet. Deshalb hätte man nebst dem Höchstpreis auch einen Mindestpreis festlegen sollen. Mein Vorschlag: Mindestpreis 2.40 Franken pro Kilometer, Höchstpreis 3.80 Franken.

Jetzt verlangen aber viele Taxifahrer den Stadtzürcher Höchstpreis von 5 Franken.
Raemy: Die meisten unabhängigen Fahrer verlangen 5 Franken – das ist etwa die Hälfte der Fahrer. Jene, die sich Taxizentralen anschliessen, verlangen 3.80 Franken.
Botonakis: Ich plädiere für die Freigabe der Preise. Das Urproblem ist aber älter als Uber.

Was ist es denn?
Botonakis: Es ist das «Wischen» der Landtaxis oder Wochenendtaxifahrer, die einfach eine gelbe «Guene» (Taxilampe, die Red.) aufs Autodach stellen. Das heisst, sie halten vor allem am Samstagabend in der Stadt Ausschau nach Kundschaft – ohne Standgebühren zu zahlen. Oft arbeiten sie schwarz. Mit Uber hat sich das Problem verschärft. Jede blaue Zone wurde zum Taxistandplatz, jeder durfte Taxifahrer sein. Deshalb ist uns die Registrierung so wichtig.
Raemy: Mit der Registrierungspflicht müssen alle dieselben Regeln befolgen und die Ruhezeiten einhalten. Nach neun Stunden Arbeit kommen neun Stunden Ruhe. Auch müssen dann alle die Ruhetagregel beachten, was die erwähnten Fahrer natürlich nicht taten.


Video: Taxi-Apps in Zürich im Test

Uber versus Go!, wer macht das Rennen? Video: Lea Blum (März 2017)


Mit dem neuen Gesetz fällt die Ortskundeprüfung weg. Was halten Sie davon?
Raemy: Für mich geht das in Ordnung. Es hat ja jeder Google Maps und ein Navi. Der Fahrer muss einfach mit dem Kunden abmachen, ob er den kürzesten Weg oder den schnellsten einschlagen soll.
Botonakis: Ich finde das schlecht. Damit nimmt die Qualität ab. Was passiert, wenn die Technik ausfällt?
Raemy: Das stimmt, als Backup sollten die Ortskenntnisse gut sein.

* Rudolf Raemy ist Vizepräsident der Taxi-Sektion Zürich und Mitglied der städtischen Taxikommission. George Botonakis ist Vorstandsmitglied des Taxiverbands Zürich und für die Ausbildung zuständig. Gemäss eigenen Angaben repräsentieren die beiden Verbände rund 70 Prozent der gut 1300 Stadtzürcher Taxifahrer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.12.2018, 10:56 Uhr

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