Kispi muss Abläufe im Herzzentrum analysieren lassen

Die Gesundheitsdirektion reagiert auf die Streitereien des Personals im Kinderspital.

Nach den Turbulenzen am Herzzentrum soll eine Supervision Klärung der Sachverhalte bringen. Foto: Michele Limina (Keystone)

Nach den Turbulenzen am Herzzentrum soll eine Supervision Klärung der Sachverhalte bringen. Foto: Michele Limina (Keystone)

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Das Kinderspital soll die internen Abläufe und Strukturen am Kinderherzzentrum Zürich mit einer Supervision überprüfen. Diesen Auftrag erteilte die Gesundheitsdirektion (GD) des Kantons Zürich dem Kispi, wie dessen ärztlicher Direktor Michael Grotzer am Montag an einer Medienorientierung sagte. Bei der Supervision gehe es darum, die Zusammenarbeit der verschiedenen Abteilungen anzuschauen und die bestehende Struktur zu überdenken.

Das Kinderherzzentrum geriet im November 2018 in die Schlagzeilen, als der Leiter der Herzchirurgie, Michael Hübler, von einem Tag auf den anderen freigestellt wurde. Bis heute ist über die Gründe der Entlassung nichts bekannt. Es scheint, dass die verschiedenen Abteilungen, insbesondere die Herzchirurgie und die Intensivstation, nicht immer gut zusammen arbeiteten. «10vor10» berichtete, dass Streitereien sogar am Bett von Patienten ausgetragen wurden.

Zum Mediengespräch eingeladen hatte das Kispi allerdings nicht wegen der anstehenden Supervision des Kinderherzzentrums. Es ging vielmehr um Zahlen. Und zwar um die Mortalitätszahlen von Eingriffen bei einem der komplexesten angeborenen Herzfehler, dem sogenannten Hypoplastischen Linksherzsyndrom (HLHS). Bei betroffenen Kindern ist die linke Herzkammer, von wo aus das Blut über die Aorta in den Körper gepumpt wird, nur verkümmert entwickelt. Um überhaupt eine Überlebenschance zu haben, müssen sie in den ersten Tagen nach der Geburt ein erstes Mal operiert werden, ein zweites Mal nach zwei bis drei Monaten, und ein drittes Mal nach etwa zwei Jahren.

39 Prozent starben vor der zweiten Operation

Solche schweren Herzfehler sind sehr selten, knapp 20 Kinder in der Schweiz werden pro Jahr mit einem HLHS geboren. Das Kispi behandelt laut Michael Grotzer knapp die Hälfte davon, also fünf bis zehn Kinder. Am Mediengespräch präsentierten Grotzer und Oliver Kretschmar, Chefarzt Kardiologie und Qualitätsverantwortlicher am Kinderherzzentrum, die Mortalitätszahlen für die Jahre 2015 bis 2018 und verglichen diese mit den entsprechenden Zahlen von 2001 bis 2014.

Demnach starben am Kispi im aktuellen Zeitraum 39 Prozent der Kinder schon vor der zweiten Operation, genau gleich viele wie in der früheren Periode. Im Vergleich zu anderen Kinderherzzentren weltweit ist die Mortalitätsrate am Kispi damit deutlich höher: In grossen Kinderkliniken überleben heute 70 bis 80 Prozent der HLHS-Kinder die gesamte Operationsprozedur.

Gegen solche Vergleiche wehrt sich das Kispi indes. Da die HLHS-Fallzahlen am Kispi sehr tief seien und man in den letzten Jahren überdurchschnittlich viele sogenannte Hochrisiko-Patienten behandelt habe, könne man die aktuellen Zahlen gar nicht mit anderen Kliniken in Relation setzen, sagt Michael Grotzer. Er räumt allerdings auch ein, dass die tiefen Fallzahlen generell ein Problem sind. Das Kispi befürworte bei komplexen Eingriffen daher eine Konzentration der Kinderherzchirurgie von heute vier Kliniken auf eine, maximal zwei. «Wir sind für solche Gespräche offen», sagt Grotzer.

Kurzfristig will das Kispi die Betreuung der Patienten und der Angehörigen verbessern. Für jeden HLHS-Patienten soll künftig ein sogenannter Bezugs-Oberarzt die erste Anlaufstelle sein, er betreut die Angehörigen und koordiniert und unterstützt intern die verschiedenen Abteilungen. Das sei ein wichtiger Schritt für eine bessere Zusammenarbeit, sagt Grotzer, «auch wenn der Bezugs-Oberarzt nicht sämtliche Probleme lösen kann.»

Erstellt: 24.06.2019, 19:47 Uhr

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