«Die jüdisch-muslimische Freundschaft: Sie existiert!»

Der Rabbiner Noam Hertig und der Imam Muris Begovic setzen Muslime und Juden gemeinsam an einen Tisch – dafür erhielten sie einen Preis.

Unterschiedliche Religionen, dieselben Ziele: Imam Muris Begovic (links) und Rabbiner Noam Hertig.  Foto: Doris Fanconi

Unterschiedliche Religionen, dieselben Ziele: Imam Muris Begovic (links) und Rabbiner Noam Hertig. Foto: Doris Fanconi

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Herr Rabbiner Hertig, Sie haben das Kochbuch «Was isst Religion?» herausgegeben. Welche muslimische Speise ist Ihre liebste?
Hertig: Die marokkanische Süssspeise Chebakia mag ich sehr. Sie basiert auf Sesamsamen und Mehl und wird in der Regel am Ende des Fastenmonats Ramadan gegessen.

Welches jüdische Essen mögen Sie am liebsten, Herr Begovic?
Begovic: Ich bin gerade im Ramadan und ass letztmals um vier Uhr morgens. Wenn ich rund 17 Stunden nichts gegessen habe, dann schmeckt alles gut.

Herr Begovic, Sie kicken für den FC Religionen, Noam Hertig liess sich einst als Reporter für das Schweizer Fernsehen das muslimische Opferfest erklären. Beschränkt sich der interreligiöse Dialog auf solche punktuelle Ereignisse, oder geht er weiter?
Begovic: Wir pflegen eine enge Freundschaft und organisieren die sogenannten Burger and Learn. Ursprünglich war es eine Veranstaltung für jüdische Studierende, dann haben wir die Gruppe auf muslimische Teilnehmer erweitert. Wir bestimmen ein Thema wie Schöpfung und Wissenschaft oder Wohltätigkeit und tauschen uns darüber aus. Daneben tragen wir das Begegnungsprojekt Respect mit: Workshops, in denen wir miteinander statt übereinander reden.

Handelt es sich um geschlossene Intellektuellenzirkel, oder versuchen Sie auch Leute von der Basis zu erreichen?
Begovic: Wenn es eine Verkörperung der Basis gibt, sind wir es. Als religiöse Führungsfiguren stehen wir in stetem Kontakt mit den verschiedensten Leuten. Wir stellen uns ständig die Frage, ob es einen interreligiösen Dialog gibt oder ob er nur herbeigeredet wird. Durch die Freundschaft zu Noam habe ich gemerkt, dass er existiert. Die jüdisch-muslimische Freundschaft: Sie existiert!
Hertig: Wenn ein Rabbiner und ein Imam eine Freundschaft pflegen, hat das eine Signalwirkung nach innen wie aussen. Die Gemeindemitglieder merken: Wenn die religiösen Anführer es fertigbringen, können wir das auch. Wir sind sehr aktiv in den sozialen Medien. Wir schaffen es, dass Leute zusammenkommen, die bisher keinen Kontakt zur jeweils anderen Religion gepflegt haben.

Werden Konflikte ausgetragen, oder handelt es sich mehr um ein harmonisches Beisammensein?
Hertig: Es gibt Momente, wo gegenseitige Vorurteile zum Vorschein kommen. Es kann auch mal unangenehm werden.

Ein konkretes Beispiel?
Hertig: Das ewige Thema von den Juden mit dem Geld beispielsweise. Oder Muslime, die pauschal mit Terrorismus in Verbindung gebracht werden.
Begovic: Wir gehören beide den abrahamitischen Religionen an. Bei der Frage, ob Abraham ein Jude oder ein Muslime war, kann es emotional werden.

Diese Frage klären Sie im Dialog?
Begovic: Es geht nicht darum, dass eine Partei nachgibt. Sondern darum, dass sich die Religionen gegenseitig erklären. Wir vergleichen und diskutieren Quellentexte. Weg von plakativen Behauptungen, hin zu mehr Tiefe und damit mehr gegenseitigem Verständnis.

Die Gülen-Bewegung war für ihr interreligiöses Engagement im Raum Zürich bekannt – bis siezerschlagen wurde. Pflegen Sie noch Kontakt zu den Exponenten?
Begovic: Die Vertreter des Dialoginstituts, das Sie ansprechen, habe ich nicht als Anhänger der Gülen-Bewegung kennen gelernt. Erst durch die politischen Unruhen in der Türkei hat sich herausgestellt, dass gewisse Personen der Bewegung angehören. Ich habe mit ihnen zusammengearbeitet und pflege auch heute noch Kontakte. Für mich stand im Zentrum, dass die Leute den interreligiösen Dialog pflegen, nicht welcher Bewegung sie angehören.

Wo liegen die Grenzen der Interreligiosität? Würden Sie ein muslimisch-jüdisches Paar trauen?
Begovic: Das ist eine hypothetische Frage. Es macht Sinn, sich darüber Gedanken zu machen, wenn der Fall eintritt. Und genau das wäre Anlass für einen Dialog zwischen mir und Noam.

«Die Islamfeindlichkeit ist spürbar. Ich bin gespannt auf die Onlinekommentare zu diesem Interview.»

Imam Muris Begovic

Das heisst, es gibt keine Mischehen im Raum Zürich?
Hertig: Ich kenne persönlich jüdisch-muslimische Paare. Diese versuche ich in der Gemeinschaft zu integrieren. Aus religionsgesetzlichen Gründen darf ich jedoch keine Zeremonien durchführen. Bei den säkularen Juden, die in Zürich in der Mehrheit sind, kommt es oft zu solchen Partnerschaften. Wenn Religion und Tradition eine grössere Rolle spielen, möchte man das aber mit dem Partner teilen können. Es ist einfacher, wenn beide derselben Religion angehören.
Begovic: Wir sind Teil einer religiösen Gemeinschaft, da gilt es gewisse Regeln einzuhalten.

Könnte ein Partner konvertieren, um die Ehe zu vollziehen?
Hertig: Sicherlich. Die Konversion ist zumindest bei uns jedoch ein langer Prozess – das kann gut zwei, drei Jahre dauern. Vor allem sollte die Person aus Überzeugung und nicht nur aus Ehegründen konvertieren. Konvertierungen von Christen oder Muslimen kommen immer wieder vor.

Gemäss Antisemitismusbericht haben Hassbotschaften im Internet zugenommen. Häufig sind Muslime die Absender. Wie erreichen Sie die anonymen Rassisten?
Begovic: Antisemitismus unter Muslimen ist ein Phänomen, das es genauso gibt wie in anderen Bevölkerungsgruppen. Es handelt sich immer um Randgruppen. Diese Leute zu erreichen, ist sehr schwierig. Unsere Veranstaltungen, die wir gemeinsam mit den Dachverbänden organisieren, lösen jedoch eine Kettenreaktion aus – muslimische und jüdische Teilnehmer, die sich in den sozialen Medien, Schulen oder Familienanlässen weiter austauschen. Auf diese Weise erreichen wir Leute, die wir vermeintlich nicht erreichen können.
Hertig: Wir sollten auch Gemeinsamkeiten betonen. In der Schweiz machen wir oft die Erfahrung, dass Juden und Muslime schnell eine gemeinsame Basis finden, schneller als zu konfessionslosen Menschen. Schüler müssen sich nicht gegenseitig erklären, wenn sie zum täglichen Gebet ansetzen. Sie wissen beide, was ein Speisegesetz ist.

In Deutschland oder Frankreich ist Antisemitismus wieder virulent. Wie ist das hier in Zürich?
Hertig: Er ist spürbar, aber weniger als anderswo. In Zürich kann ich überall mit der Kippa auf die Strasse. Ich hatte bisher nur wenig negative Erfahrungen – mit Muslimen, aber auch mit Neonazis. In der Schweiz werden Flüchtlinge besser integriert als in Frankreich – das mag ein Grund sein. Ich gehe angstfrei auf die Strasse, in Paris oder Berlin ziehe ich eine Dächlikappe über die Kippa.

Gibt es umgekehrt islamophobe Tendenzen von Juden im Alltag?
Begovic: Juden, die offen ihre Feindlichkeit zur Schau stellen, habe ich noch nicht erlebt. Ich ziehe den Begriff Islamfeindlichkeit der Islamophobie vor. Bezeichne ich jemanden als islamophob, unterstelle ich ihm eine Krankheit, einen Angstzustand gegenüber dem Islam. Eine zunehmende Islamfeindlichkeit ist jedoch spürbar. Ich bin jetzt schon gespannt auf die Onlinekommentare zu diesem Interview. Verbale Angriffe gegenüber Muslimen, die sich als solche zu erkennen geben, haben sich in den letzten Jahren gehäuft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2018, 21:07 Uhr

Jüdischer Dialogpreis

«Beste Antwort auf den Hass»

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund und die Plattform der liberalen Juden der Schweiz haben am Dienstag in Bern ihren ersten Dialogpreis vergeben. Er geht an Personen, die einen wesentlichen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und religiösen Frieden in der Schweiz geleistet haben. Die zwei jungen Preisträger sind Noam Hertig, Gemeinderabbiner der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, und Muris Begovic, Sekretär der Vereinigung der Islamischen Organisationen Zürich, früherer stellvertretender Imam der bosnischen Moschee in Schlieren und Geschäftsführer des Projekts «Muslimische Spital- und Notfallseelsorge».

Bundespräsident Alain Berset nannte in seiner Rede den Dialog die dauerhafteste und effizienteste Antwort auf Unsicherheit, Argwohn, Hass und Vorurteile. Zugleich beklagte er, dass sich der Antisemitismus in Europa auf beunruhigende Weise entwickle, wie man es vor kurzem für nicht denkbar gehalten habe. Die Schweiz stehe glücklicherweise punkto gewalttätiger Übergriffe besser da als andere Länder in Europa. Doch gebe es auch bei uns eine Bedrohungslage durch Gewaltakte und Terror für Juden und Jüdinnen. (mm.)

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