In Zürich-Seebach gehen Kinder im Keller zur Schule

Wegen Platzmangels müssen Schüler und Lehrer in Zürich-Seebach in den Untergrund ausweichen.

Der Not entsprungen: Dieser Kellerraum im Schulhaus Buhn wurde 2014 zum Schulzimmer umfunktioniert. Foto: Reto Oeschger

Der Not entsprungen: Dieser Kellerraum im Schulhaus Buhn wurde 2014 zum Schulzimmer umfunktioniert. Foto: Reto Oeschger

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Als Markus Pfister vor zwei Wochen das Schulhaus Buhn in Seebach besuchte, staunte er. Der Unterricht fand zu seiner Überraschung im Keller statt. Im dunklen Untergeschoss des ersten Primarschulhauses von Seebach, das 1899 fertig gebaut worden war. Obwohl Pfister seit fast einem Jahr in diesem Schulhaus als Schulpfleger amtet, hatte er bis dahin nichts von diesem Zimmer gewusst. «Die Entdeckung war reiner Zufall», sagt Pfister. Der Raum ist seines Erachtens zum Unterrichten «völlig ungeeignet».

Die Bilder zeigen eine nüchterne Räumlichkeit mit improvisierter Holzrostverkleidung, dicken Abwasserrohren an der Decke, Neonröhrenlicht und zwei kleinen Kippfenstern, durch die kaum Tageslicht dringt. Die Schülerinnen und Schüler nehmen an einem guten Dutzend Einzelpulten Platz, der Raum ist gemäss Pfister knapp 7 Meter lang, 4 bis 5 Meter breit und rund 3 Meter hoch.

«Nach den zwei Unterrichtsstunden war mir ganz Sturm im Kopf», sagt Pfister. Die Akustik sei eine Zumutung und werde vom lauten Dauersurren des Ventilators dominiert. Immer wieder sei das Rauschen der Toilettenspülung zu hören gewesen. Das eine Klappfenster lässt sich nur mithilfe des Hauswarts öffnen, im anderen sitzt der Ventilator. «Es war enorm stickig.»

Drei Jahre im Untergrund

Das Kellerzimmer wird schon seit drei Jahren für Unterrichtszwecke genutzt. Weil damals akuter Platzmangel herrschte, suchte die Kreisschulpflege nach Ausweichmöglichkeiten. Zwischenzeitlich wurde gar in Gängen unterrichtet, was gegen die feuerpolizeiliche Vorschrift verstiess. Die Immobilienverwaltung der Stadt Zürich (Immo) bewilligte im Juni 2014 einen Antrag auf Umnutzung des damaligen Lagerraums. Der darauf folgende Umbau wurde durch Auflagen des Denkmalschutzes und spezielle Gegebenheiten des Gebäudes erschwert.

Die Immo ist zufrieden: «Das Projekt erfüllt sämtliche Vorschriften, ansonsten hätten wir den Umbau nicht bewilligt», sagt Mediensprecher Marc Huber auf Anfrage des TA. Das Zimmer diene zudem nur dem Gruppenunterricht. «Es handelt sich nicht um einen Klassenraum für regelmässigen Unterricht.» Ein Blick auf die Stundentafel gibt Auskunft über die Zimmerbelegung. An vier bis fünf Tagen in der Woche wird der Raum demnach für Unterrichtszwecke genutzt. Gemäss Pfister ist der Belegungsplan ­allerdings lückenhaft. Als der Schulpfleger das Schulhaus ein weiteres Mal besuchte, sei das Kellerzimmer den gesamten Morgen durch Halbklassen besetzt gewesen – dies, obwohl auf der Stundentafel kein Unterricht eingetragen gewesen sei.

Die Stadt Zürich schreibt den Volksschulen vor, nach welchen «Raumstandards» die Schulzimmer eingerichtet sein müssen. So sind etwa sämtliche Unterrichtsräume «mit Tageslicht zu belichten», wie im über hundert Seiten dicken Bericht steht. Eine Vorgabe, die gemäss Pfister durch die kleinen Fenster nicht erfüllt ist.

Höchstens 0,8 Sekunden Hall

Gemäss den städtischen Vorgaben dürfen Unterrichtsräume, die für mehr als ein halbes Tagespensum von Schülern und Lehrern benutzt werden, «maximal 70 Zentimeter unter dem angrenzenden Terrain liegen». Untergeschossräume sind grundsätzlich als Nebenräume zu verwenden: «insbesondere für Archive, Lager, Sammlungen, Haustechnik usw.», besagen die Raumstandards. Die Raumakustik wird penibel genau geregelt – mittels einer sogenannten Nachhallzeit als Kenngrösse: Diese beträgt in Unterrichtsräumen 0,6 bis 0,8 Sekunden. «Als ich den Unterricht besuchte, hallte es stark im Raum», sagt Pfister. Die glatt gestrichenen Wände und die Decke würden den Schall ungebrochen reflektieren. Pfister sprach auch mit Schulkindern. Sie würden sich vor allem von lauten Ventilatoren gestört fühlen.

So richtig glücklich ist niemand mit dem umgenutzten Kellerraum. «Selbstverständlich würden wir uns einen ansehnlicheren Raum wünschen», sagt Marc Caprez vom Schul- und Sportdepartement der Stadt Zürich. Alternativen seien aber im Moment nicht gegeben. «Wir erachten den jetzigen Gruppenraum im Untergeschoss als zweckdienlichste Lösung.» Die Umnutzung des Raumes habe das Bewilligungsverfahren durchlaufen, alles sei rechtens.

Neuer Pavillon genügt nicht

Das Kellerzimmer ist Ausdruck eines Problems, von dem auch andere Zürcher Schulkinder und Lehrkräfte betroffen sind: der Platzmangel, der seit Jahren in der Stadt herrscht. In Seebach scheint die Lage besonders dramatisch. Das Schulhaus erhielt aufs neue Schuljahr einen neuen, dreistöckigen Pavillon. Das genügte allerdings nicht, um den Platzmangel vollständig zu beheben. Die Schule ist weiter auf das Kellerzimmer angewiesen. «Es ist uns durchaus bewusst, dass mit der Nutzung dieses Raums gewisse Komforteinbussen verbunden sind», sagt Immo-Sprecher Huber. Es sei eine «pragmatische Lösung».

Alles halb so schlimm also? Im historischen Vergleich jedenfalls sind die Kinder mit dem Keller noch gut bedient. In der Landschulordnung von 1778 heisst es: «Alle, die nit können schryben und lesen, sigen des Tüfels, kommen in die Höll.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2017, 23:20 Uhr

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