Die Kinderschützer

Im Kinderspital landen jährlich mehr als 500 misshandelte Patienten. Dann wird die Kinderschutzgruppe von Georg Staubli aktiv. Wie hält man das aus?

Neun von zehn betroffenen Kindern werden geschlagen oder vernachlässigt, weil die Eltern überfordert sind: Leeres Bett im Kinderspital. Foto: Urs Jaudas

Neun von zehn betroffenen Kindern werden geschlagen oder vernachlässigt, weil die Eltern überfordert sind: Leeres Bett im Kinderspital. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Früher Abend auf der Säuglingsstation im Kinderspital Zürich. Mütter und Väter sitzen mit ihren Babys beisammen, eine Mutter stillt ein Neugeborenes. Alle Kinder hier werden von Eltern oder ­Verwandten mitbetreut. Alle ausser ­Mirjam*. Das elf Monate alte Mädchen ist seit dem Vortag im Kinderspital. Die Mutter ist in der Psychiatrie, wo der Vater ist, weiss niemand.

Nun sind es die Pflegenden, die sich um das kleine Mädchen mit den hellbraunen Locken und den grossen blauen Augen kümmern müssen – obwohl sie dafür eigentlich keine Zeit haben. Bei unserem kurzen Besuch sitzt Mirjam auf dem Arm einer Pflegenden, zupft an ihren Haaren, dann lehnt sie das Köpfchen gegen die Schulter der Frau und nuckelt müde am Nuggi. «Mirjam hat mich heute zum ersten Mal gesehen, aber sie zeigt überhaupt keine Scheu», bemerkt die Pflegende. «Normalerweise fremdelt ein Kind in dem Alter.» Mirjam hingegen scheint jedes bisschen Zärtlichkeit zu geniessen, das sie bekommen kann.

Ein paar Stunden zuvor in einem nüchternen Sitzungszimmer. Georg Staubli, Leiter der Kinderschutzgruppe am Kinderspital, hat eine kurzfristige Sitzung einberufen. Thema: Mirjam. Am Tisch sitzen die behandelnden Ärztinnen, Pflegende, eine Kinder- und Jugendpsychiaterin sowie eine Sozialarbeiterin. Eine Ärztin schildert, wie die Mutter ihre Tochter am Vortag ins Spital gebracht hat. Die Kleine habe Rötungen an den Geschlechtsteilen, gab die Mutter an, sie verdächtigte den Vater des sexuellen Missbrauchs. Und er habe sie, die Mutter, geschlagen. Wo er sich jetzt aufhalte, wisse sie nicht.

Die Zahl der Fälle für den Kinderschutz steigt. Unter anderem, weil die Aufmerksamkeit der Fachleute gestiegen ist. Foto: Urs Jaudas

Was die Gynäkologin nun erzählt, lässt die Gruppe aufhorchen: Das Mädchen wirkt bei der Ankunft leicht verwahrlost, die Haare ungewaschen, die Kleider muffig. Gegenüber dem Krankenhauspersonal verhält sich die Mutter seltsam. Mal wiegt sie ihr Kind wild herum, mal «verteilt sie es in alle möglichen Arme». Als die Gynäkologin mit der Untersuchung von Mirjams Genitalien beginnen will, steht die Mutter unvermittelt auf. Sie brauche einen Kaffee, erklärt sie, und verlässt das Untersuchungszimmer. «Sehr auffällig», findet Georg Staubli. Die Gynäkologin stimmt zu. Sie erzählt weiter. Wie sie die Windel der Kleinen öffnet und ihr ein säuerlicher Geruch entgegenschlägt. Wie sie nach eingehender Untersuchung zum Schluss kommt, dass die Vagina zwar etwas wund, aber nicht schwer verletzt ist. Ursache für die Rötungen scheint eher fehlende oder falsche Pflege zu sein. Nur: Zur Pflege kann die Mutter nichts sagen. Sie weiss nicht, wann ihr Baby Stuhlgang hat, ob es allenfalls an Verstopfung oder Durchfall leidet, wann sie es normalerweise wickelt und wie sie es sauber macht. «Sie gab nur ausweichende Antworten», fasst die Gynäkologin zusammen. Gut möglich, dass bisher hauptsächlich der Vater das Kind gepflegt hat.

Als die Ärztin der Mutter eröffnet, sie würde das Kind gern über Nacht im Spital behalten, um den Heilungsverlauf zu beobachten, stürzt sich diese auf die Ärztin und eine Pflegende. Polizisten müssen sie in Handschellen abführen und in eine Klinik bringen.

Die Frage, die sich der Gruppe jetzt stellt: Wo kann das Mädchen hin? Aus medizinischer Sicht könnte es entlassen werden, es ist gesund. Ebenso klar ist aber für alle, dass es vorerst weder in die Obhut der Mutter noch in jene des Vaters zurück kann. Die Kesb ist bereits involviert und auf der Suche nach einem Pflegeplatz, aber das kann dauern. ­Staubli mahnt zur Eile, das Kinder­spital kann Mirjam längerfristig nicht betreuen, es fehlt Personal, die Kosten sind hoch, und ausserdem wird jedes Bett für kranke Kinder gebraucht.

Was aber, wenn Mutter oder Vater plötzlich am Empfang stehen und nach Mirjam sehen wollen? «Der Mutter würde ich im Moment keinen Kontakt erlauben», sagt Georg Staubli. Die anderen nicken. «Und wenn der Vater auftaucht?», fragt eine Pflegende. Die Gruppe einigt sich darauf, dass er das Mädchen sehen dürfe, aber nur in Begleitung. Und: Es müsste in diesem Fall sofort jemand von der Kinderschutzgruppe informiert werden, um mit dem Vater das Gespräch zu suchen.

Zahl der Fälle steigt und steigt

Sitzungen wie diese sind Alltag für die zwölf Mitglieder der Kinderschutz­gruppe am Kinderspital Zürich. Im Schnitt findet alle drei Tage eine Besprechung über akute Fälle statt. Dazu kommen regelmässige Besprechungen über alle laufenden Fälle.

Gegründet wurde die Kinderschutzgruppe vor fünfzig Jahren, als erste ihrer Art in der Schweiz. Vielleicht ein Dutzend Fälle beschäftigten das Gremium damals pro Jahr. Heute sind es mehr als vierzig – pro Monat. Im Jahr 2017 verzeichnete das Kinderspital Zürich den traurigen Rekord von 551 Kindern, die mutmasslich geschlagen, missbraucht, misshandelt, gedemütigt wurden. Letztes Jahr lag die Zahl nur leicht tiefer. Darunter sind nicht nur Kinder, die stationär behandelt wurden, sondern auch Patienten der ambulanten Kliniken. Die Kinderschutzgruppe ist ausserdem auch Opferberatungsstelle und fungiert als Anlaufstelle für Eltern, Angehörige, Lehrpersonen und andere Fachleute. In zwei Dritteln aller Fälle kann die Kinderschutzgruppe die Misshandlung definitiv bestätigen, bei jedem vierten Kind bleibt es beim Verdacht. In rund einem von 15 Fällen kann eine Misshandlung sicher ausgeschlossen werden.

Nicht nur in Zürich steigt die Zahl der betroffenen Kinder. Auch die Fachgruppe Kinderschutz der schweizerischen Kinderkliniken, die Daten von 20 der insgesamt 31 Kinderspitäler erfasst, meldet immer mehr Fälle. 2017 waren es landesweit 1730, was gegenüber dem Vorjahr einer Zunahme von knapp zehn Prozent entspricht. 2018 lag die Zahl zwar deutlich tiefer, wie die Fachgruppe Kinderschutz der schweizerischen Kinderkliniken kürzlich bekannt gab. Das habe aber vor allem statistische Gründe – tatsächlich lägen die Meldungen 2018 auf einem ähnlichen Niveau wie im Vorjahr.

«Wenn ein Kind einen Schädelbruch hat, darf man schon fragen, ob das, was die Eltern erzählen, stimmen kann.»Georg Staubli, Leiter der Kinderschutzgruppe am Kinderspital Zürich

Wie kommt es, dass Kliniken immer mehr Misshandlungen feststellen? Markus Wopmann, Chefarzt am Kantonsspital Baden und Präsident der Fachgruppe Kinderschutz der schweizerischen Kinderkliniken, glaubt nicht, dass Eltern heute weniger kompetent sind als früher. Vielmehr sei die Aufmerksamkeit aller beteiligten Fachleute gestiegen. Deshalb würden Verdachts­fälle besser erfasst. Georg Staubli sieht das ähnlich: «Heute werden wir schneller kontaktiert als früher.» Was auch richtig sei: «Wenn ein Kind beispielsweise mit einem Schädelbruch kommt, dann darf man schon nachfragen, ob die Geschichte glaubhaft ist, welche die Eltern erzählen. Sonst geht man das Risiko ein, dass das Kind nachher tot ist.»

Nein, übertrieben ist diese Darstellung nicht. In den letzten beiden Jahren starben in der Schweiz jeweils drei Kinder an Misshandlungen. Staubli hatte selbst schon einen kleinen Patienten, den die Eltern immer wieder mit Verletzungen zu immer anderen Ärzten gebracht hatten, bevor der Kleine mit einem massiven Schädel-Hirn-Trauma ins Kispi eingeliefert wurde. Keiner der vorherigen Ärzte hatte Verdacht geschöpft, dass die Eltern den Buben misshandelt haben könnten. Als er schliesslich im Kinderspital landete, war es zu spät: Das Kleinkind starb.

Wunden, Brüche, Verbrennungen

Es sind oft massive Befunde, mit denen Staubli und sein Team konfrontiert sind. Knochenbrüche, Verbrennungen, offene Wunden, Blutergüsse – manchmal ist der Abdruck der Hand, die geschlagen hat, noch erkennbar, mit allen fünf Fingern. Aber längst nicht alle misshandelten Kinder erfahren direkte körperliche Gewalt, jedes Dritte wird in irgendeiner Form psychisch fertiggemacht. Manche Kinder werden vernachlässigt, allein gelassen, regelmässig beschimpft und abgewertet. Andere müssen zusehen, wie sich Mutter und Vater anschreien, wie sie aufeinander losgehen. Auch das gilt als Misshandlung, weil es eine «ernst zu nehmende Gewaltform» für das Kind sei, schreibt die Stiftung Kinderschutz Schweiz: «Eine Vielzahl von Studien weist mittlerweile nach, dass betroffene Kinder ein mehrfach erhöhtes Risiko für Entwicklungsstörungen tragen.»

Und dann sind da noch die Kinder, bei denen ein möglicher sexueller ­Missbrauch im Raum steht, auch sie machen etwa ein Drittel der Fälle aus. Sie sind für die Kinderschutzgruppe meist die schwierigsten, weil sich der Missbrauch selten eindeutig nachweisen lässt, die Kinder oft aus Loyalität schweigen – und die Täter ihre Taten selten freiwillig zugeben.

Wenn nichts zusammenpasst

Wie hält ein Arzt das aus, ständig mit dem Verdacht auf Misshandlungen konfrontiert zu werden? Staubli lächelt, einer müsse es ja machen, sagt er: «Lorbeeren holt man sich damit nicht, das ist klar. Ich finde Halt in all den ­Fällen, in denen ich einem Kind helfen konnte.» Immer wieder hat er Kontakt mit ehemaligen Patienten, aber auch mit Eltern, die am Ende froh sind, hat einer sie auf ihr Tun angesprochen.

Wichtig ist für Staubli dabei das Team: «Allein kann man das nicht machen. Und man kann auch nicht nur im Kinderschutz tätig sein, jeder von uns macht noch anderes.» Staubli zum Beispiel ist Chefarzt der Notaufnahme. Das hilft zu verhindern, dass der Blick zu einseitig wird. Die Grenzen zwischen Misshandlung und «dumm gelaufen» können fliessend sein, dann ringen auch die Kinderschützer in ihren Besprechungen darum, ob ein Vorfall in die eine oder andere Kategorie gehört. Stürze vom Wickeltisch, vom Bett, die Treppe hinunter sind Beispiele dafür. Meist sind sie die Folge einer schlichten Fehleinschätzung. Manchmal aber sind sie ein Hinweis darauf, dass Eltern ihre Kinder vernachlässigen.

Hellhörig werden die Kinderschützer, wenn die Erklärung der Eltern für eine Verletzung einfach nicht so richtig passen will. Ändern die Eltern ihre Schilderung auf genaues Nachfragen hin, so ist das ein Alarmzeichen. «Es ist eigentlich ja normal und wohl auch das Einfachste, den Eltern zu glauben, wenn sie einen Unfallhergang schildern», sagt Staubli. «Dennoch sollte sich jeder, der ein verletztes Kind behandelt, fragen, ob sich ein Unfall wirklich so ereignet haben kann und ob die Verletzung auch dazu passt.» Blaue Flecken an der Innenseite der Oberschenkel etwa passen nicht zu einem Treppensturz.

Die meisten Fälle gehören in die Kategorie «Dumm gelaufen». (Foto: Urs Jaudas)

Psychische Misshandlungen werden nicht selten deshalb entdeckt, weil die Kinder ein auffälliges Verhalten zeigen und deswegen ambulant abgeklärt werden. Manche lassen sich kaum in eine Gruppe integrieren, andere sind in ihrer Entwicklung verzögert oder entwickeln scheinbar neurologische Störungen, für die sich aber keine organische Ursache findet. Ein Alarmzeichen kann auch sein, wenn ein Kind verstört auf den ­Besuch eines Elternteils reagiert. Oder wenn ein Kind, so wie Mirjam, mit jedem Erwachsenen, auch völlig fremden, kuschelt.

Die Eltern mit dem Verdacht zu konfrontieren, braucht viel Fingerspitzengefühl und eine dicke Haut. «Man muss in dem Moment auch mal einen ‹Schlötterlig› einstecken können. Manche Eltern reagieren sehr verstört, enttäuscht und abweisend», sagt Staubli. «Das kann ich auch verstehen. Wenn wir ihnen aber erst einmal erklärt haben, dass wir dasselbe Ziel haben wie sie, nämlich dass sich das Kind gesund entwickeln kann, finden wir oft einen guten Zugang zu den Eltern.» Eines hat Staubli bei aller Tragik, mit der er immer wieder konfrontiert ist, gelernt: Neun von zehn Eltern, die ihre Kinder schlagen oder vernachlässigen, handeln so, weil sie überfordert sind, psychisch angeschlagen, suchtkrank. Viele haben als Kinder selbst Gewalt erlebt, oder sie stammen aus Kulturen, in denen körperliche Züchtigung üblich ist.

Das Gute sei, sagt Staubli, dass sich die meisten helfen liessen: «Wir können als Spital viel erreichen, indem wir ihnen zum Beispiel eine Paartherapie oder Hilfe im Alltag vermitteln.» Das allein reiche aber nicht: «Wir müssen auch nachfragen, ob die Eltern die Unterstützung dann wirklich in Anspruch nehmen.» Das gelinge auch deshalb ganz gut, weil Kinder und Eltern ja ohnehin immer wieder zu ärztlichen Kontrolluntersuchungen oder Therapien gehen. Kommen sie nicht, wissen die Kinderschützer, dass sie wieder genauer hinsehen müssen.

Und wenn sich der Verdacht als falsch erweist? Die Folgen, das weiss Staubli sehr wohl, können übel sein: «Umso wichtiger ist, dass wir unsere Arbeit sauber dokumentieren.» Er erzählt von einem Kleinkind, bei dem die Notfallstation Verbrennungen feststellte. Die Eltern stritten jede Misshandlung ab, wurden verhaftet – zu Unrecht, wie sich bald zeigte. Die scheinbare Verbrennung war in Wahrheit ein schlimmer Haut­infekt. «Auch dann müssen wir hin­stehen», sagt Staubli, «das sind wir den Eltern schuldig. Die meisten verstehen unsere Sicht aber, wenn wir unsere Arbeit erklären.»

Manchmal bleiben Zweifel

Zurück ins Sitzungszimmer. Die Ärztinnen und Pflegenden, die Mirjam behandeln, eilen wieder an die Arbeit. Es ist Mittag, doch Zeit zum Essen bleibt kaum. Bereits steht die nächste Sitzung an, die Gruppe bespricht die stationären Fälle, mit denen sie in den letzten Wochen konfrontiert war. Sekretärin Patricia Bamert stellt zwei Kartons mit Wähen aus der nahen Bäckerei auf den Tisch, dann projiziert sie eine Liste mit einem guten Dutzend Namen und Diagnosen an die Wand. Später am Nachmittag ist eine weitere Sitzung geplant, in der die neu angemeldeten ambulanten Fälle durchgegangen werden. Bei jedem dieser Fälle stellt sich die Frage: Wie weiter vorgehen? Abschliessen oder offen lassen?

Bei einem Kleinkind, das die Eltern nach einem Sturz vom Bett mit einer schweren Hirnerschütterung ins Spital brachten, entscheidet die Gruppe, die Sache abzuschliessen – obwohl Zweifel bleiben. Ein MRI hat die Überreste einer Hirnblutung gezeigt, die das Kind vor Wochen erlitten haben muss, von der die Eltern aber nichts mitbekommen haben wollen. «Wir haben ihnen die Gefahr eines Schütteltraumas erklärt», sagt Anja Böni, Oberärztin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. «Sie reagierten verständig und unauffällig.» In der Kita und beim Kinderarzt seien die Eltern zuverlässig. Chirurgin Sonja Schauer ergänzt, sie habe das Kind von Kopf bis Fuss untersucht und keine Knochenbrüche gefunden. Im kommenden Monat stehen mehrere Kontrolluntersuchungen an. So bleibt das Kind nach wie vor auf dem Radar der Gruppe, wenn nötig, kann die Akte wieder geöffnet werden.

Abgeschlossen, zumindest für die Gruppe, wird auch der Fall einer 13-Jährigen, die von der Polizei alkoholisiert aufgegriffen wurde und den Beamten von häuslicher Gewalt berichtete. Die Polizei brachte den Teenager darauf ins Kinderspital, wo sie bleiben durfte, bis die Kesb einen Heimplatz fand.

Er leitet die Kinderschutzgruppe und ist Chefarzt der Notaufname: Georg Staubli. (Foto: Urs Jaudas)

Andere Akten bleiben offen, zum Beispiel die eines kleinen Jungen, der an Diabetes leidet. Seine Mutter hat den Ärzten erklärt, sie werde dem Kind die Medikamente ganz sicher nicht verabreichen – beim zweiten Gespräch zeigte sie sich dann zwar einsichtig, schimpfte dafür aber über den Vater des Kleinen. Offenbar haben die Eltern noch andere Schwierigkeiten, berichtet Sozialarbeiter Bruno Bühler, ein Beistand sei involviert. «Kommt das Kind wieder zur Kontrolle?», will Staubli wissen. «Wenn die Eltern ihm die Medikamente nicht geben, dann ist das ein Grund, sie wegen Vernachlässigung zu melden.» Bühler nickt, er will bis zur nächsten Sitzung Kontakt mit dem Beistand aufnehmen.

Offen bleibt einstweilen auch der Fall eines Schulbuben, der auffällt, weil er zu allem Schnäbi sagt, selbst einem Knetmännchen hat er einen Penis montiert. Ausserdem umarme er jeden, zeige keinerlei Distanz. Seine Lehrerin hat sich bei der Sozialarbeiterin Alexandra Jost gemeldet und gefragt, wie sie am besten weiter vorgehen solle. Staubli macht nicht nur das sexualisierte Verhalten des Buben stutzig, sondern auch die Tatsache, dass er offenbar immer wieder Blasenentzündungen hat: «Das klingt gar nicht gut. Häufige Blasenentzündungen sind für Buben völlig atypisch.» Das will Jost der Lehrerin nun mitteilen – vielleicht lassen sich dadurch die Eltern dazu bewegen, mit dem Buben eine Sprechstunde im Kinder­spital aufzusuchen.

Und Mirjam? Ihre Akte kann die Gruppe am Tag darauf schliessen. Die Kesb hat das Kind an eine Pflegefamilie vermittelt.

* Mirjam heisst in Wirklichkeit anders. Zum Schutz der Betroffenen wurden sämtliche in diesem Bericht geschilderten Fälle von der Autorin verfremdet.

Erstellt: 01.06.2019, 12:29 Uhr

In Zahlen

1176
In 1176 Kinderschutzfällen waren 2018 in der Schweiz Familienmitglieder Täterinnen oder Täter. Fast vier von fünf Kindern werden von Vater, Mutter oder Verwandten misshandelt. Nur rund drei Prozent der Täter sind Fremde.

46%
Die Kleinsten leiden am häufigsten: 46 Prozent der misshandelten Kinder sind unter sechs Jahre alt. Jedes sechste betroffene Kind ist noch nicht einmal einjährig.

Artikel zum Thema

Am Kinderspital eskaliert ein Streit unter Chirurgen

Entlassungen, Strafanzeige und jetzt auch noch ein Arzt im Hungerstreik: In der Zürcher Kinderherzchirurgie ist es zum Eklat gekommen. Mehr...

Kinderspital wehrt sich gegen Vorwürfe

Dem Kinderspital wird eine hohe Sterblichkeitsrate vorgeworfen. Die Spitalleitung spricht von einem unzulässigen Vergleich mit anderen Kinderherzzentren. Mehr...

Der Eklat im Kinderspital war voraussehbar

Kommentar Die Krise in der Zürcher Kinderherzchirurgie ist die Folge einer schlechten Personalführung. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Winzig: Die Hand des Babyschimpansen Quebo (geboren am 6. Oktober 2019) im Zoo Basel. (13. November 2019)
(Bild: Georgios Kefalas) Mehr...