Tausende Klimastreikende ziehen mit lauten Parolen durch Zürich

Der heutige Umzug hat etwas weniger Menschen angezogen als die letzten Demonstrationen für den Klimaschutz. Trotzdem war er über 500 Meter lang.

In zahlreichen Städten weltweit gingen am Freitag Klimaaktivisten auf die Strasse. Video: Tamedia

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Es war ein eindrücklicher Umzug, der sich am heutigen Klimastreik durch die Zürcher Innenstadt gewälzt hat. Die Organisatoren jubelten über 10'000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Luftbilder von der Schlusskundgebung auf dem Helvetiaplatz legen eher eine Zahl um die 3000 nahe. So oder waren es etwas weniger als bei den letzten Demos- und Streiks, an denen 15'000 Menschen und mehr teilnahmen. Der Umzug zog sich trotzdem über gut und gerne 500 Meter hin.

Laut Stadtpolizei Zürich gab es während des friedlichen Umzugs keinerlei Probleme. Auch die jungen Organisatoren sind zufrieden – einzig zwei Wagen mit Pflanzen seien irgendwo auf der Strecke abhanden gekommen, nach diesen suche man noch. Viele der Schülerinnen und Schüler waren zum ersten Mal für den reibungslosen Ablauf verantwortlich, da sie sich von Streik zu Streik in dieser Rolle abwechseln. Entsprechend erleichtert zeigten sie sich, das alles geklappt hat.

«Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut», skandieren die Demonstrantinnen und Demonstranten während ihres Marschs immer wieder. Tatsächlich: 110 Dezibel misst das Handy zwischen den hohen Wänden um die Bahnhofstrasse. Die Streikenden schreien sich unermüdlich heiser. Im Bankenviertel beobachtet eine Gruppe Männer in Anzügen die Szene. «Was wollen die?», fragt einer. Die Message der bewegten Jugendlichen ist noch nicht bei allen angekommen.

Nach dem Streik vom 15. März und der Demo vom 6. April stand heute in Zürich die dritte Grossdemonstration für einen besseren Klimaschutz an. Die Streikenden haben sich auf dem Münsterhof besammelt, der bereits um 13 Uhr fast voll war. Danach zogen sie begleitet von rhythmischem Getrommel in Richtung Helvetiaplatz. Es nahmen vor allem junge Menschen teil, Schülerinnen und Schüler, aber es waren sich auch viele ältere Sympathisanten dabei.

Die Bewegung soll in die Region

Eine Rednerin appellierte auf dem Münsterhof daran, zu glauben, dass alle zusammen die Klimakrise bewältigen können. «Wir können es schaffen!» Dazu gehöre es, optimistisch zu bleiben und nicht müde zu werden, immer wieder Gespräche zu führen - auch mit «Klimaleugnern». Viele, die noch vor kurzem kaum daran gedacht hätten, sich je politisch zu engagieren, seien nun aktiv geworden, hätten Plakate gemalt.

«Schaut euch um und lasst euch inspirieren!», ruft ein junger Redner in die Menge. «Werdet aktiv!» Spontaner Jubel und Applaus schlägt ihm entgegen. «Und jetzt singen wir alle zusammen ein schönes Bella Ciao!» Die alte Partisanenhymne. Klatschen, Lautsprecher-Feedback, ein Hauch Festival-Stimmung. Und dann Frage-Antwort-Rufe nach eingespieltem Muster: «Wem sini Zuekunft?»–«Eusi Zuekunft!»

Eine Rednerin sagt, man habe es geschafft, zur grössten globalen Bewegung zu werden. Nun müsse aber der nächste Schritt folgen: Die Bewegung aus der Stadt raus in die Region zu tragen. Dazu gebe es auf dem Helvetiaplatz später Bewegte aus allen Bezirken und Gemeinden, bei denen man sich melden kann, um sich mit Gleichgesinnten aus der eigenen Gegend zu vernetzen. Die Veranstalter mahnen, sich an den Veranstaltungskodex zu halten: gewaltfrei demonstrieren.

Ein Heft zum Streik

Die Protestbewegung geht auf die schwedische Schülerin Greta Thunberg zurück, die im vergangenen Jahr damit begonnen hat, jeden Freitag vor dem schwedischen Parlament für Klimaschutzmassnahmen zu demonstrieren, statt in die Schule zu gehen. Sie hat die Schülerstreiks, die sich inzwischen schon längst auf alle Bevölkerungsschichten ausgeweitet haben, auf der ganzen Welt ins Rollen gebracht. Dafür wurde sie mittlerweile für den Friedensnobelpreis nominiert.

Die Klimastreik-Bewegung hat in Zürich bereits einiges bewegt. Der Stadtrat will einen Grossteil der Forderungen der Jugendlichen aufnehmen, der Gemeinderat hat sich am Mittwoch zum Ziel gesetzt, den CO2 bis 2030 auf null zu senken. Das bedeutet, dass die Stadt bis dahin beim Bau von Gebäuden und der Energieversorgung konsequent weder fossile noch nukleare Energie verwenden darf.

Die letzte Zürcher Klimademo am 6. April in Bildern

Damit das Interesse am Thema Klimaschutz nicht abebbt, haben die Aktivisten zudem für den heutigen Streiktag die erste Nummer von «Netto.null» publiziert. Das Heft enthält ein dichtes, vielfältiges Programm zum Thema Klima und Streik und soll zu einer Stimme in der Medienlandschaft werden. Die nächste Ausgabe ist für den 27. September geplant, finanziert wird sie mit den Einnahmen aus dem Verkauf der aktuellen Nummer.

Klimadebatte sorgt für Zuwachs bei Jungparteien

Die Klimademonstrationen der vergangenen Wochen zeigen nicht nur auf der politischen Agenda Wirkung. Auch die Jungparteien haben seither regeren Zulauf, wie das Regionaljournal Zürich Schaffhausen am Freitag mitteilt. So habe sich die Zahl der Neumitglieder bei den jungen Grünen seit letztem Sommer um fast 20 Prozent erhöht, sagt Co-Präsidentin Selina Walgis. «Heute kommen sie vor allem wegen der Klimadebatte zu uns. Früher waren es andere Themen wie Tierrechte oder Ernährung und Lebensmittel.»

Die Jungpartei der Grünliberalen konnte ihre Mitgliederzahl in den vergangenen Monaten sogar fast verdoppeln. 220 sind es heute, und das, obschon niemand aktiv für die Partei geworben habe, sagt Co-Präsident Manuel Frick. Selbst bürgerliche Parteien profitieren von der Klimadebatte: Die Mitgliederzahl der Jungen FDP hat im Vergleich zum Vorjahr um ein Zehntel zugenommen. Politik sei bei den Zürcher Jungen eben wieder salonfähig geworden, und das Politisieren habe sich als Hobby etabliert. (hub/tif)

Erstellt: 24.05.2019, 13:25 Uhr

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