Konkurrenz zum Auto wird in Zürich stärker

Innert fünf Jahren hat sich der Anteil des Veloverkehrs in der Stadt verdoppelt. An der Spitze bleibt aber ein anderes Verkehrsmittel.

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Als «völlig unrealistisch» hat der Stadtrat einst das Ziel betitelt, den Anteil des motorisierten Individualverkehrs (MIV) in der Stadt Zürich innert zehn Jahren um 10 Prozentpunkte zu senken. Doch die Stadtzürcher Stimmberechtigten haben die Regierung genau dazu verpflichtet und 2011 der Städteinitiative zugestimmt.

Heute Dienstag hat Tiefbauvorsteher Filippo Leutenegger (FDP) die neuesten Zahlen zum Verkehr in der Stadt präsentiert. Und siehe da: Der MIV-Anteil ist zwischen 2010 und 2015 um 5 Prozentpunkte zurückgegangen. Bis 2021 muss dieser noch um weitere 5 Prozentpunkte sinken. «Wir sind auf gutem Kurs», sagt Leutenegger. Pünktlich zur Halbzeit sei die Hälfte des Ziels erreicht.

Wie sich der Verkehr in absoluten Zahlen verändert hat, kann Leutenegger nicht exakt beziffern. Die Werte stammen aus der Auswertung des «Mikrozensus Mobilität und Verkehr 2015» vom Bundesamt für Statistik, einer Umfrage, welche die Teilnehmenden nach ihrem Hauptverkehrsmittel befragt hat. Aufgrund dieser Daten sind nur relative Aussagen zulässig. Aber weil immer mehr Menschen in Zürich leben und arbeiten, sei anzunehmen, dass der Verkehr seit der Jahrtausendwende insgesamt um 15 bis 20 Prozent zugenommen habe.

Deutlich mehr Menschen in Zürich bezeichneten das Velo als ihr Hauptverkehrsmittel. Der Anteil des Veloverkehrs hat sich in der Stadt Zürich innert fünf Jahren von 4 auf 8 Prozent verdoppelt. Leutenegger begründet dies mit einem Zusammenspiel von diversen Faktoren: «Wir beobachten einen gesellschaftlichen Trend hin zum Zweirad», sagt er. Die Messstellen der Stadt würden das bestätigen, selbst bei schlechtem Wetter. Zudem habe die Stadt die Veloinfrastruktur kontinuierlich ausgebaut.

Bei der Bewertung dieser Entwicklung sind sich für einmal der FDP Stadtrat Leutenegger und der Velo fahrende grüne Verkehrspolitiker aus dem Gemeinderat, Markus Knauss, einig. Sie sei erfreulich, sagen beide. Knauss geht noch weiter: «Es ist eine Revolution im Verkehr im Gang.» Innert nur 15 Jahren sei der Anteil der Autos von 40 auf 25 Prozent gesunken. Und die Zahl der Velofahrer auf Zürichs Strassen werde in dieser Statistik noch unterschätzt, weil es viele Gelegenheitsvelofahrer gibt.

Die Einigkeit herrscht aber nicht lange. Knauss leitet aus dem steigenden Anteil an Velofahrern ab, dass jetzt umso mehr in das Velonetz investiert werden müsse: «ÖV und Autos haben ein funktionierendes Verkehrsnetz, jetzt sind die Velos dran.» Konkret wünscht sich Knauss ein flächendeckendes Netz und breitere Velostreifen. Die hier oftmals projektierten 1,25 Meter seien zu wenig. 2 Meter schweben ihm vor – wie in Berlin. Denn die Velos müssten sich auch gegenseitig überholen können. In Berlin liegt der Velo-Anteil bei 13, der MIV-Anteil bei 28 Prozent.

Die Velofahrer haben zwar aufgeholt, sie liegen insgesamt aber immer noch abgeschlagen auf dem letzten Platz. Der ÖV (41 Prozent) und der Fussverkehr (26 Prozent) bleiben die meistgenutzten Verkehrsarten in der Stadt.

Unzufriedene Initianten

Kritik gibt es von der Umweltorganisation Umverkehr. Sie hat die Städteinitiative initiiert und schreibt in einer Mitteilung, dass die Stadt «trotz bisher fehlender Massnahmen» auf Zielkurs sei. Sie fordert die Stadt auf, vorwärts zu machen und wirkungs­volle Massnahmen umzusetzen. Zum Beispiel, indem sie Velorouten entlang der Sihl und der Limmat sowie um das Seebecken realisiere.

Im Hinblick auf die nächste Erhebung gäbe es noch einige Massnahmen, die schon umgesetzt, im Bau oder in Planung sind, welche den Mikrozensus 2020 beeinflussen würden, sagt Leutenegger und nennt Beispiele: die vollständige Inbetriebnahme der Durchmesserlinie, die Tramverbindung Hardbrücke, die erste Etappe der Limmattalbahn oder auch die Velostation am Europaplatz. Der Stadtrat ist zuversichtlich, dass das einst als «unmöglich» bezeichnete Ziel in der zweiten Halbzeit erreicht werden könne. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2017, 11:32 Uhr

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