Die Langstrasse wird autofrei

2020 wird Zürichs Partymeile zur Flaniermeile – zumindest tagsüber. Nachts wird sie dafür zweispurig befahren.

Heute eine Einbahnstrasse: Die Langstrasse auf der Höhe Dienerstrasse in Richtung Unterführung. Foto: Urs Jaudas

Heute eine Einbahnstrasse: Die Langstrasse auf der Höhe Dienerstrasse in Richtung Unterführung. Foto: Urs Jaudas

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Vor langer, langer Zeit, als das Jahrtausend noch frisch war, ­verlangte ein junger Gemeinderat namens Daniel Leupi (Grüne) eine velofreundlichere Langstrasse. Das Stadtparlament und die Stadtregierung unterstützten diese Forderung. Und so wurde 2007 beschlossen, die Langstrasse während des Tages für Autos zu sperren.

Passiert ist seither: nichts.

Die Autos rollen weiterhin durch die Langstrasse. Velofahrer, vom Kreis 5 her kommend, benutzen weiterhin die für sie verbotene Busspur.

Nur noch für Busse und Velos

Doch nun geht es vorwärts. Das kündet der Stadtrat an in seiner Antwort auf eine Motion, die SP, Grüne und GLP gemeinsam eingereicht haben. Ab 2020 soll die Langstrasse im Kreis 4 den Tag durch nur noch für Busse und Velos durchgängig befahrbar sein. Für Autos hingegen wird sie zwischen Brauer- und Dienerstrasse gesperrt, das Verbot gilt von 5.30 bis 22 Uhr. Auf den Abschnitten zwischen Hohl- und Brauerstrasse sowie Diener- und Militärstrasse bleibt der Autoverkehr erlaubt. Diese Strecken sollen aber nur Anwohner und Zulieferer benutzen. Der Durchgangsverkehr muss fast die gesamte Langstrasse im Kreis 4 umfahren.

Nachts ­dürfen Autos weiterhin durch die Langstrasse fahren, neu sogar in beiden Richtungen. Bisher war der Abschnitt eine Einbahn. Ausserdem wird hier künftig Tempo 30 gelten.

Zur Verzögerung beigetragen haben Rekurse und die Tatsache, dass Autos durch eine Sperrung nicht einfach verschwinden. Sie müssen umgeleitet werden, was über die Achse Ankerstrasse/Kanonengasse/Lagerstrasse ­geschehen wird. Das Tiefbauamt will diese zuerst ausbauen, ­bevor sie mehr Verkehr abbekommt. Die neue Lagerstrasse wird gerade fertig saniert. Die Kanonengasse kommt ab diesem Sommer an die Reihe. Danach soll es losgehen mit der autofreien Langstrasse – wenn keine Einsprachen bremsen.

Lauter, aber «vertretbar»

Lange Zeit hiess es, dass die Langstrasse erst ab halb ein Uhr nachts wieder für den Autoverkehr geöffnet werden soll. Nun geht man bei der Stadt davon aus, dass die Busse schon ab 22 Uhr keine Verzögerung mehr zu befürchten brauchen. Zudem gelten rund um die Langstrasse mehrere Nachtfahrverbote ab 22 Uhr. Eine zeitliche «Synchronisation» sei benutzerfreundlicher, heisst es beim städtischen Tiefbauamt.

Durch die Zweispurigkeit wird es an der Langstrasse nachts noch etwas lauter werden. Das Tiefbauamt hält dies für vertretbar. Schon heute würden die Lärmgrenzwerte nicht eingehalten, sagt eine Sprecherin. «Das neue Verkehrsregime verursacht keine neuen Überschreitungen.» Die nächtliche Öffnung für Autos ermögliche eine ausgewogene Verteilung des Verkehrs im Quartier. Die Autos erhöhten zudem das Sicherheitsempfinden.

Auch der grüne Gemeinderat Markus Knauss hält die nächtliche Doppelspurigkeit für akzeptabel. «Dank Tempo 30 kommt es zu weniger lauten Einzelereignissen. Das ist entscheidend in der Nacht.» Ein Anwohner der Langstrasse sagt, dass das Autorauschen im Vergleich zum Partykrach das geringere Übel sei.

Parkplätze unter den Boden

Auch sonst ändert sich einiges auf den Strassen des Langstrassenquartiers. 66 Parkplätze wandern unter die Erde, genauer ins Parkhaus des renovierten Amtshauses Helvetiaplatz. Die auf­gehobenen weissen Felder befinden sich in der Nähe des Helvetiaplatzes. Das Tiefbauamt plant zudem – wie vom Gemeinderat gefordert –, den Strassenraum rund um den Helvetiaplatz fussgänger- und velofreundlicher zu gestalten.

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Die Langstrasse wird ab 2020 tagsüber autofrei, nachts dafür zweispurig befahren. Ein guter Plan?




Der links-grünen Mehrheit im Gemeinderat gehen diese Massnahmen jedoch zu wenig weit. Laut Motion wollen sie auf deutlich mehr Strassen Tempo 30 durchsetzen – insbesondere auf den beiden Achsen, durch die der Langstrassenverkehr tagsüber umgeleitet wird, also Ankerstrasse, Kanonengasse, Schönegg- und Feldstrasse. «Künftig übersteigt die Lärmbelastung an der Kanonengasse in zwölf Häusern den Alarmgrenzwert. Bisher sind es lediglich zwei», sagt Knauss. Um Tempo 30 im Langstrassenquartier breiter durchzusetzen, hat der VCS Zürich, dessen Co-Geschäftsführer Knauss ist, mehrere Rekurse eingereicht.

Mit Tempo 30 gegen Lärm

Bei einer Verlangsamung auf der Kanonengasse könnte der Kanton mitreden, da es sich um eine überkommunale Strasse handelt. Die bürgerliche Kantonsregierung steht solchen Projekten meist skeptisch gegenüber. Der Stadtrat solle Tempo 30 trotzdem anordnen, sagt Markus Knauss. Am Rigiplatz habe er dies auch getan, obwohl dort deutlich weniger Menschen betroffen seien. «Wenn dem Stadtrat ein gutes Einvernehmen mit dem Regierungsrat wichtiger ist als der Lärmschutz der eigenen Bevölkerung, macht er einen schlechten Job.»

Der VCS kämpft seit Jahren mit zahlreichen Einsprachen und Rekursen für mehr Tempo 30. Nur so lasse sich die Lärmbelastung wirksam «an der Quelle» bekämpfen, wie es der Bund vorschreibe.

Dieser Text wurde korrigiert. Ursprünglich hiess es, dass die Sperre für Autos von der Hohl- bis zur Militärstrasse reichen wird. Dies trifft jedoch nur für den Durchgangsverkehr zu. Für Anwohner bleibt die Benutzung der Langstrasse im Kreis 4 per Auto teilweise erlaubt.

Erstellt: 18.02.2019, 21:57 Uhr

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