Zum Hauptinhalt springen

«Die Leute haben Angst, dass der Wald kaputtgehen könnte»

Bäume zu fällen, kommt in Zürich nicht gut an. Weshalb es trotzdem nötig ist, zeigt auf dem Hönggerberg bald das erste Waldlabor der Schweiz.

Heikles Thema in Zürich: Wenn wie hier am Uetliberg Bäume gefällt werden, sorgt das für emotionale Debatten.
Heikles Thema in Zürich: Wenn wie hier am Uetliberg Bäume gefällt werden, sorgt das für emotionale Debatten.
Rolf Kuhn, Leserreporter

Zürcherinnen und Zürcher sind sensibel, wenn es um das Thema Wald und um Bäume geht. Das weiss Felix Keller, Geschäftsführer des Verbands der Waldeigentümer «Wald Zürich». «Die Leute haben Angst, dass der Wald kaputtgehen oder verschwinden könnte, wenn man Bäume fällt», sagt der Forstingenieur. Gerade im urbanen Umfeld besteht laut Keller «eine gewisse Entfremdung» gegenüber der Waldbewirtschaftung. «Obwohl Menschen die Wälder rund um Zürich schon seit über 5000 Jahren nutzen.»

Um der Bevölkerung zu vermitteln, wie Waldbewirtschaftung funktioniert, hat «Wald Zürich» gemeinsam mit Stadt und Kanton Zürich, der ETH Zürich, der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft sowie dem Verband Zürcher Forstpersonal ein Waldlabor ins Leben gerufen – das erste dieser Art in der Schweiz. Am 27. Februar wurde der Trägerverein mit Vertretern der sechs Institutionen gegründet, Mitte Juni findet die feierliche Eröffnung statt.

Ein Freilichtmuseum für Waldwirtschaft

Das Waldlabor befindet sich auf einem 150 Hektaren grossen Waldstück, das Stadt und Kanton Zürich dem Trägerverein während 100 Jahren für das Projekt überlassen haben. Es ist eine Art Freilichtmuseum, in dem historische, aktuelle und künftige Formen der Forstbewirtschaftung gezeigt werden. Auch ein Arboretum mit 250 verschiedenen mitteleuropäischen Baum- und Straucharten wird über die Jahre im Waldlabor entstehen, denn das Projekt wächst naturgemäss erst heran. In 20 bis 30 Jahren soll das Ganze seine volle Pracht entfalten.

Seltene Baumarten fürs Arboretum: Im Waldlabor werden Elsbeere, Wildbirne und Speierling gepflanzt. (Bild: Andreas Bernasconi, PAN Bern)
Seltene Baumarten fürs Arboretum: Im Waldlabor werden Elsbeere, Wildbirne und Speierling gepflanzt. (Bild: Andreas Bernasconi, PAN Bern)

Laut Keller geht es beim Waldlabor unter anderem darum, den Einfluss der Bewirtschaftung sogenannter Kulturwälder auf die Biodiversität zu vermitteln. Ein Kulturwald ist das Gegenstück zum Naturwald, in dem die Entnahme von Holz und sonstige forstwirtschaftliche Nutzungen untersagt sind – im Kanton Zürich ist dies in Teilgebieten des Sihlwalds der Fall. Die Artenvielfalt sei in einem dichten bewachsenen Naturwald nicht grösser als in einem Kulturwald, sagt Keller. Für eine hohe Artenvielfalt brauche es nämlich viel Licht auf dem Waldboden. «Dazu können Fällungen notwendig sein.»

Besucher können selbst mit anpacken

Um einen praktischen Zugang zu den Abläufen der Waldbewirtschaftung zu bekommen, können Besucher im Waldlabor selbst mit anpacken, indem sie beispielsweise bei der Bekämpfung von Neophyten mithelfen oder beim Unterhalt der Waldwege, bei der Jungwaldpflege und der Wildschadenverhütung. Das Waldstück soll aber auch zu Forschungszwecken dienen. «Wir wollen auf einem Teilgebiet des Areals Baumarten testen, die hier unter den veränderten klimatischen Bedingungen gedeihen können. Beispielsweise Edelkastanien, die es bisher nur im Tessin gab, die nun aber aufgrund der Klimaerwärmung auch im Norden wachsen können», sagt Forstingenieur Keller.

«Wir wollen im Waldlabor Baumarten testen, die hier unter den veränderten klimatischen Bedingungen gedeihen können.»

Forstingenieur Felix Keller,Geschäftsführer «Wald Zürich»

Später solle das Areal auch zu Ausbildungszwecken für Lehrlinge und Studenten der ETH und der Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften Zollikofen in Bern, die ebenfalls am Projekt beteiligt ist, genutzt werden. Waldeigentümer wiederum können sich an Veranstaltungen der verschiedenen Forschungsabteilungen über die neuesten Erkenntnisse der Forstwirtschaft informieren.

Geld aus dem Lotteriefonds

Die Idee für dieses Freilichtlabor kam vor sechs Jahren auf. «Wir wollten zum 100-Jahr-Jubiläum unseres Verbandes für kommende Generationen etwas Bleibendes gestalten. In Workshops haben Vorstands- und Verbandsmitglieder gemeinsam mit Vertretern der Stadt und des Kantons Zürich das Konzept für das Waldlabor erarbeitet», sagt Keller.

Den Zürcher Regierungsrat hat das Konzept derart überzeugt, dass er für das Waldlabor im Dezember 2017 einen Beitrag von 500’000 Franken aus dem Lotteriefonds bewilligt hat. Ein Drittel der Fläche des Kantons Zürich sei mit Wald bedeckt, entsprechend gross sei seine Bedeutung als Lebens- und Erholungsraum sowie als Nutzfläche, begründete er damals den Entscheid. Mit dem Waldlabor werde ein gutes und sinnvolles Instrument geschaffen, um das Verständnis für Waldbewirtschaftung zu fördern, würdigt der Regierungsrat das Projekt. Nebst dem Beitrag aus dem Lotteriefonds beteiligen sich verschiedene Trägerschaften am Projekt. Hinzu kommen laut Keller namhafte Sponsoren. «Wir hoffen, dass sich auch noch Gönner beteiligen werden.»

Obwohl das Waldlabor die Information der Bevölkerung zum Ziel hat, werde es dort keinen Schilderwald geben, versichert Keller. «Wir wollen die Besucher über digitale Medien informieren, die zum Beispiel per QR-Code abgerufen werden können. Allenfalls werden wir bei den Waldzugängen Tafeln montieren, auf denen wir auf das Projekt hinweisen.» Weitere Infrastrukturen seien nicht geplant, denn «es geht ja schliesslich um ein Naturerlebnis».

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch