Die Männer überholen in Zürich die Frauen

Erstmals seit über 180 Jahren leben mehr Männer als Frauen in der Stadt. Was ist der Grund? Nicht der «Google-Effekt».

Italienische Gastarbeiter – hier wartend auf dem Hauptbahnhof Zürich (1966) – trugen zur Trendwende bei.

Italienische Gastarbeiter – hier wartend auf dem Hauptbahnhof Zürich (1966) – trugen zur Trendwende bei. Bild: STR/Keystone

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Zahlen mögen etwas Lebloses sein, doch hinter ihnen verbirgt sich Geschichte. Zum Beispiel hinter den Zahlen zum Verhältnis von Zürcherinnen und Zürchern. Statistik Stadt Zürich hat eine ebenso detaillierte wie faszinierende Darstellung publiziert, welche veranschaulicht und erklärt, wie sich dieses Verhältnis im Lauf der Jahrzehnte verändert hat.

Der Anlass: Ende September kam es zu einer historischen Zäsur. Nachdem seit 1836 immer mehr Frauen als Männer in Zürich gelebt haben, sind es nun mehr Männer. Per Ende September übersteige die Anzahl der Zürcher Männer jene der Zürcher Frauen um knapp hundert, schreibt die Stadt. Zürich ist aktuell die einzige grössere Schweizer Stadt mit einer Männermehrheit.

Was ist der Grund? Die naheliegendste Erklärung: Die ETH mit ihrem tendenziell männerlastigen Fächerangebot, Techgigant Google mit seiner ebenfalls tendenziell männerlastigen Besatzung, überhaupt Zürichs Entwicklung zu einem Technologiestandort – diese Faktoren haben quasi magnetisch Männer nach Zürich gezogen und zum Wandel im Geschlechterverhältnis geführt. Die These klingt gut. Und ist falsch.

Ursachen liegen zurück

Die städtischen Statistiker weisen nach, dass es in jüngerer Zeit keine verschärfte Männerwanderung Richtung Zürich gegeben hat. Seit 2010 unterscheiden sich Männer und Frauen in ihrem Wanderungsverhalten kaum – das gilt für Schweizerinnen und Schweizer wie auch für Ausländerinnen und Ausländer. Die Ursachen für die aktuelle Trendwende liegen weiter zurück.

Grundsätzlich ist die Zürcher Migrationsgeschichte eine Geschichte von wechselnden Phasen. Es gibt solche, während derer das Wanderungssaldo (das, was übrig bleibt, wenn man Zuzug und Wegzug verrechnet) bei den Frauen höher war, und solche mit umgekehrten Vorzeichen.

So kamen etwa von 1910 bis in die 1930er-Jahre deutlich mehr Frauen nach Zürich als Männer. Viele arbeiteten als Bedienstete, im Gastgewerbe oder in der Industrie. Die meisten stammten aus Deutschland, insbesondere aus dem süddeutschen Raum. In den 1930er-Jahren zog es auch viele Schweizerinnen nach Zürich. Mit der Folge, dass die junge Generation mehrheitlich weiblich war. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich der Trend fort. Erneut zogen deutlich mehr junge Frauen als junge Männer nach Zürich, sie kamen mehrheitlich aus Italien.

Mehr Ausländer

Ab den 1960er-Jahren änderte sich das Bild. Nun setzte eine mehrheitlich männliche Zuwanderung aus Südeuropa ein. Exemplarisch dazu eine Zahl aus dem Jahr 1960: Damals wanderten 10'000 Italiener und 4000 Italienerinnen in die Schweiz ein. Die mehrheitlich jungen Männer arbeiteten vorzugsweise auf dem Bau oder in der Metall- und Maschinenindustrie.

Die nun männerlastige Zuwanderung aus dem Ausland führte dazu, dass sich Anfang der 1960er-Jahre das Geschlechterverhältnis bei den Ausländerinnen und Ausländern änderte: Von nun an lebten in Zürich mehr Ausländer als Ausländerinnen. Die Folgen des Balkankonflikts in den 90er-Jahren verstärkten diese Situation zusätzlich. Erneut kamen deutlich mehr Männer als Frauen nach Zürich.

Der Lauf der Natur

Der Wechsel von der Frauen- zur Männermehrheit in der Gesamtbevölkerung ist die Spätfolge dieser Migrationsbewegungen: «Im Jahr 2017 erreichen die Jahrgänge mit hoher Frauenvertretung Altersbereiche von 75 und mehr; dementsprechend findet ein Wegsterben der frauenstarken Generation statt. Eine Altersklasse mit hohem Männeranteil rückt nach.» Mit der Folge, dass der Frauenanteil an der Stadtzürcher Wohnbevölkerung abnehme und nun unter 50 Prozent gesunken sei.

Erstellt: 18.10.2018, 12:44 Uhr

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