Die neuen Zürcher Trams quietschen wieder

Der Tramstreit ist beigelegt: Für 358 Millionen kauft die Stadt 70 Trams von Bombardier.

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Der Zürcher Verkehrsvorsteher Andres Türler (FDP) hat entspannte Pfingsten hinter sich. Am letzten Mittwoch hat der Gesamtstadtrat in seinem Sinne über den Kauf von 70 neuen Züri-Trams entschieden. Sie tragen den Namen Flexity Zürich, werden geliefert vom kanadischen Hersteller Bombardier, in Wien zusammengebaut und kosten total 358 Millionen Franken. Im Unterschied zum Cobra-Tram, das ebenfalls von Bombardier stammt, ist es keine Spezialanfertigung mehr für Zürich, sondern ein Tram von der Stange. Es ist ein Fahrzeug der neusten Generation. Die ersten 16 dieser Flexity-Trams fahren seit 2009 im englischen Blackpool. Aber auch nach Australien, Basel und Wien sind unterdessen solche Trams verkauft ­worden.

In Zürich wird das Flexity-Tram die ältesten Modelle des Trams 2000 ersetzen, die am Ende ihrer 40-jährigen Lebensdauer angelangt sind. Diese können nur noch unter grossem Serviceaufwand fahrtauglich gehalten werden, zudem sind sie nicht behindertengerecht, und ihr Fahrraum ist nicht durchgehend überblickbar, da das Tram 2000 aus einem Triebwagen und einem Anhänger besteht. Auch energetisch ist das Fahrzeug veraltet, da es beim Talwärtsfahren keine Energie zurückgewinnen kann.

Reaktionen nach dem Entscheid

Auch Siemens, Stadler Rail und die spanische CAF hatten Offerten eingereicht, sind aber leer ausgegangen. «Wir sind sehr enttäuscht, weil wir uns bis zum Ende gute Chancen ausrechneten», sagt Siemens-Sprecher Benno Estermann. Ob die Firma gegen das Submissionsverfahren rekurrieren will, lässt Estermann offen. Dafür bleibt eine Frist von 10 Tagen. Die Reaktion bei Stadler Rail ist ähnlich. Man sei enttäuscht über das Resultat, sagt Firmensprecherin ­Marina Winder. Auch Stadler Rail will sich alle Optionen offenhalten. Zuerst müsse man die Situation analysieren. CAF war nicht erreichbar. Ein Rekurs würde die bereits stark ins Stocken geratene Trambeschaffung erneut um viele Monate zurückwerfen. Ursprünglich war geplant, dass die neuen Trams ­dieses Jahr durch Zürich rollen.

Die Submission war von zahlreichen Nebengeräuschen begleitet. Die Sendung «Rundschau» warf den VBZ vor, sie habe bei der Vergabe schwer geschlampt. Nachträglich rüffelte SRF-Ombudsmann Achille Casanova die Sendung. Der Bericht habe das Sachgerechtigkeitsgebot verletzt. Peter Spuhler, Chef von Stadler Rail, sprach in einem TA-Interview in dieser turbulenten Phase von einer «verfahrenen Situation». Wenn es stimme, was er gerüchtehalber vernommen habe, würde er mit grosser Wahrscheinlichkeit Rekurs einlegen. Es sei bei dieser Ausschreibung einiges sehr eigenartig verlaufen. An der gestrigen Pressenkonferenz sagte VBZ-Direktor Guido Schoch, die deutsche Firma TÜV Süd habe alle in den Medien erhobenen Vorwürfe untersucht, sie hätten sich aber allesamt als haltlos erwiesen. «Ich bin sehr froh über das Resultat ­dieses Gutachtens.»

Seinen Segen zum Tramkauf hat diesmal auch der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) gegeben. In einem ersten Anlauf waren der ZVV und die Verkehrsbetrieben der Stadt Zürich (VBZ) uneinig gewesen. Insgesamt hatten sich vier Anbieter auf die Ausschreibung der VBZ gemeldet – neben Bombardier waren das Stadler Rail aus dem Thurgau, Siemens und der spanische Trambauer CAF. Schon damals hatten sich die VBZ für das Angebot von Bombardier ausge­sprochen, doch der ZVV war sich nicht sicher, ob dies die richtige Wahl war. Er verlangte eine Zweitmeinung zum Auswahlverfahren. Die VBZ beauftragte die Winterthurer Firma Molinari damit, doch dieser Firma wollte mindestens ein Anbieter seine Offerte nicht offenlegen, da Molinari ein direkter Konkurrent ist. In dieser Phase wurde das Auswahlverfahren der VBZ auch in der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens heftig kritisiert. Die Rede war von Vetternwirtschaft und Korruption. Schliesslich stoppte der Verkehrsrat unter Regierungsrat Ernst Stocker (SVP) das Ver­fahren und verweigerte die Kostengut­sprache für den Tramkauf.

VBZ durch Gutachten entlastet

Dagegen rekurrierten die VBZ postwendend beim Regierungsrat. Dieser hiess die Beschwerde gut und verlangte, dass sich ZVV und VBZ auf einen neuen Gutachter einigten. Schliesslich entschieden sie sich für den deutschen Gutachter TÜV Süd, dem schliesslich alle vier Anbieter ihre Offerten zur Überprüfung aushändigten.

Dieses TÜV-Gutachten liegt nun vor und entlastet die VBZ. Die Angebote seien nachvollziehbar und fachlich korrekt beurteilt worden. Es liege keine Willkür vor. VBZ-Direktor Guido Schoch freute sich gestern über dieses Urteil: «Ich habe zwar nie gezweifelt, doch für meine Mitarbeiter, die mit viel Herzblut und Verantwortungsgefühl gearbeitet haben, ist das eine schöne Belohnung.» Laut Schoch hat das Gutachten auch sämtliche Vorwürfe der «Rundschau» widerlegt. Dieser Einschätzung schloss sich gestern auch ZVV-Direktor Franz Kagerbauer an. Schoch betonte, dass die VBZ aufgrund des TÜV-Gutachtens kein Komma an ihrem ersten Auswahlentscheid hätten ändern müssen. Dennoch will Schoch künftig von Anfang an klären, welche Ansprüche der Verkehrsrat an ein Submissionsverfahren stelle.

Nun liegt auch die Kostengutsprache des Verkehrsrats vor, der unterdessen von Carmen Walker Späh (FDP) geleitet wird. Den Kaufentscheid könnten jetzt höchstens noch die Gerichte umstossen. Dazu müsste allerdings einer der unterlegenen Anbieter in den nächsten zehn Tagen einen Rekurs einreichen. Siemens und der Chef von Stadler Rail, Ex-Nationalrat Peter Spuhler (SVP), überlegen sich einen solchen Schritt.

Sollte der Kauf Ende Mai rechtskräftig sein, würden die ersten Flexity-Trams ab 2018 geliefert, die letzten sollen bis 2023 folgen. Dies ist auch deshalb wichtig, da Anfang 2024 das Behindertengleichstellungsgesetz in Kraft tritt.

Stahl statt Aluminium

Laut Stadtrat Türler hat das Flexity-­Zürich-Tram im Vergleich mit den Konkurrenzprodukten wirtschaftlich am besten abgeschnitten. Und es erfüllt sämtliche gestellten Anforderungen: Es ist durchgehend niederflurig, bietet mehr als die geforderten 225 Plätze. Das Tram wird Holzschalensitze haben, ist klimatisiert und videoüberwacht. Auch ein «Gesamtcrashkonzept» liegt vor, und die Führerkabine gewährt dem Personal eine optimale Rundumsicht und bietet einen ergonomischen Sessel.

Im Unterschied zum Cobra-Tram ist das Flexitiy-Tram nicht mehr aus Aluminium gebaut, sondern aus Stahl. Diese Bauart sei weniger wartungsintensiv und stabiler, sagte Guido Schoch. Es wird auch keine filigrane Einzelradaufhängung mehr geben wie bei der Cobra, sondern Achsen wie früher. Dies gibt zwar mehr Crashsicherheit und ist reparaturfreundlicher. Schoch räumte allerdings ein, dass die neuen Trams mit den starren Achsen nicht mehr so geräuschlos unterwegs sein würden wie die Cobras. «In den Kurven wird es nicht ohne Quietschen gehen.» Allerdings würden die neuen Trams nicht mehr so laut sein wie die Trams 2000.

Ein Problem wird es in den Reparaturwerkstätten geben, denn die sind nicht für 43 Meter lange Tramzüge ausgelegt. Laut Christoph Rütimann, VBZ-Bereichsleiter Technik, sollte ein Umbau der Werkstätten bis 2018 allerdings möglich sein. Zudem sei nicht geplant, dass neue Trams in den ersten Jahren in die Werkstätten müssten.

Der Vertrag mit Bombardier sieht im Übrigen vor, dass bis Ende 2023 zum vereinbarten Preis 70 weitere Fahrzeuge bestellt werden können. Damit ist gewährleistet, dass die VBZ genügend Fahrzeuge hat für die geplante Tramlinie über die Hardbrücke, die neue Tram­linie nach Affoltern und die Verlän­gerung der Linie 2 nach Schlieren. Zudem könnte auch die dritte Serie des Trams 2000 frühzeitig ersetzt und eine allfällige Verdichtung des Fahrplans ­aufgefangen werden.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.05.2016, 00:09 Uhr

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