«Die Parlamente hätten ein prägnantes Gebäude verdient»

Das Zürcher Architektenduo Gigon/Guyer lässt ETH-Studierende über ein neues Rathaus nachdenken. Guyer selbst hat konkrete Ideen für dieses «Haus der Demokratie» – inklusive Bistro.

«Das jetzige Rathaus hat innerhalb des Stadtlebens leider keine öffentliche Relevanz»: Architekt Mike Guyer.

«Das jetzige Rathaus hat innerhalb des Stadtlebens leider keine öffentliche Relevanz»: Architekt Mike Guyer. Bild: Keystone

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Politiker reichten in der Kantonsratssitzung vom Montag einen Vorstoss ein, in dem ein neues Gebäude für den Zürcher Gemeinde- und Kantonsrat gefordert wird. Ziel soll ein offenes Haus sein, in dem die Bevölkerung mit den Räten in Kontakt treten kann.

ETH-Studierende brüten bereits über einem derartigen Projekt. Lanciert haben die Semesteraufgabe die Professoren Annette Gigon und Mike Guyer, die den Prime Tower entworfen haben. Die Resultate der Studierenden werden Ende Mai präsentiert. Architekt Mike Guyer nimmt schon heute dazu Stellung.

Herr Guyer, wie sind Sie dazu gekommen, ein neues Rathaus in Zürich zu thematisieren?
In den heutigen unruhigen, aber hochinteressanten Zeiten der Klima-, Gelbwesten- und Brexit-Proteste sind Überlegungen zu unserem Rathaus als Ort der parlamentarischen Entscheidungsfindung und der Repräsentation der direkten Demokratie wichtig. Dabei ist mir aufgefallen, dass die meisten das Zürcher Rathaus nicht kennen und es auch noch nie von innen gesehen haben. Das jetzige Gebäude aus fernen Zeiten stellt eine seltsame Mischung aus zwinglianischer Bescheidenheit und gleichzeitigem Repräsentationsbedürfnis dar. Es hat aber innerhalb des Stadtlebens leider keine öffentliche Relevanz.

Was gibt es für Anforderungen an ein «Haus der Demokratie»?
Das Rathaus soll mit einem Bürgerforum, in dem Veranstaltungen, Konzerte und Ausstellungen stattfinden, sowie einem Bistro mit Café und Bar im Erdgeschoss öffentlich zugänglich sein. Man trifft sich dort, jedermann kennt es. Es steht an einem wichtigen Ort in der Stadt, seine prägnante Architektur ist ausdrucksstark. Der Ratssaal ist ein besonderer Raum, den man in den Medien wiederholt gesehen hat und den jedermann wiedererkennt.

Wie würden Sie es anpacken?
Im Entwurfssemester an der ETH analysierten wir zuerst andere Rathäuser, organisierten eine fiktive Ratsdebatte mit allen Studenten im heutigen Ratssaal und luden die Fraktionspräsidentinnen und -präsidenten des Kantonsrats zu einem Podiumsgespräch ein. Dann haben alle Studenten Raum-, Licht- und Materialstimmungen recherchiert, in einem visuellen Statement vereinigt und entsprechend ihrer politischen Haltung ein räumliches Konzept erarbeitet und sich in der Stadt einen Standort gesucht.

Gibt es Vorbilder?
Das vielleicht eindrücklichste Beispiel eines Hauses der Demokratie ist der Palazzo della Ragione in Vicenza, der mit seinem Kuppelsaal die Silhouette und mit seiner Präsenz die Geschichte der Stadt geprägt hat.

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Braucht Zürich ein neues Rathaus?




Sollen die Parlamente raus aus dem alten Rathaus?
Ja, ich finde die beiden Parlamente von Kanton und Stadt hätten im prosperierenden Zürich durchaus ein prägnantes Gebäude verdient, das öffentlicher zugänglich und ein zeitgemässes und effizienteres Arbeiten der Parlamente erlaubt.

Warum nicht das alte Rathaus aushöhlen und neu ausstatten?
Dem alten Rathaus sollte man das nicht antun, es ist ein wichtiges Gebäude unserer Geschichte. Es könnte nach einer sanften Renovation für Veranstaltungen gebraucht werden und zum Beispiel die Ausstellung über Zürich aufnehmen, die jetzt im Landesmuseum installiert ist.

Gibt es erste Ideen aus der Studentenschaft, eventuell auch etwas verrücktere Konzepte?
Ja, es sind Rathäuser an privilegierten Orten wie dem Bellevue, dem Bauschänzli oder Papierwerdareal in Planung. Oder mitten in der Altstadt neben dem Linden- und Münsterhof, am Helvetia- oder Bucheggplatz, auf dem Geroldareal gegenüber dem Prime Tower sowie am Bahnhof Oerlikon. Jeder Standort gewichtet die Bedeutung des Rathauses zur Stadt in einer anderen Weise.

Erstellt: 15.04.2019, 15:50 Uhr

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