Die Partnervermittlerin für Wildbienen ist gefragt

Die Webanwendung von Anrika Velychko hilft, Wildbienenarten in der Stadt zu fördern. Indem man die richtigen Wildpflanzen ins Balkonkistchen oder in den Garten pflanzt.

Anrika Velychko: «Es wird gepflanzt, was vor fünf Jahren noch als Unkraut galt.» Foto: Andrea Zahler

Anrika Velychko: «Es wird gepflanzt, was vor fünf Jahren noch als Unkraut galt.» Foto: Andrea Zahler

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Anrika Velychko sass vor der Alphütte ihres Bekannten Peter Meyer und schaute auf ihr Werk von Wochen: den Wildpflanzengarten, wie er das Herz jedes Naturliebhabers höher schlagen lässt. Mit Blumen, Bäumen, Wildstauden, angepasst an das Klima oberhalb von Interlaken, 1200 Meter über dem Meer. Meyer hatte ihr den Auftrag erteilt, ein Paradies der Biodiversität zu schaffen, das Wildbienen, Schmetterlingen und einer Vielzahl weiterer Insekten Lebensraum bietet. Ein schöner Anblick, auch wenn das meiste erst im nächsten Jahr richtig zum Blühen kommt.

Doch Velychko zweifelte. Die 32-jährige Zürcherin mit Sommersprossen, Brille und Ponyfrisur hatte sich zur Vorbereitung einen ganzen Monat lang mit Fachliteratur aus der Zentralbibliothek in die Einsamkeit von Meyers Alphütte zurückgezogen. Sie hatte studiert, was sie auf seinem Stück Land, einer Fettwiese mit viel zu vielen Nährstoffen, anstellen sollte. Und schliesslich sass sie zum Teil selber auf dem Bagger, um rund 300 Quadratmeter Boden neu zu modellieren und 20 Tonnen Gestein aus einem nahen Kieswerk einzubringen. «Verrückt eigentlich», sagt Velychko, die Politikwissenschaften und Management studiert hat. «Aber viele blühende Wildpflanzen brauchen nun mal einen mageren Boden.»

Eine App soll Zweifel beseitigen

Sie hatte sich Know-how angeeignet und mit Spezialisten zusammengearbeitet. Dennoch zweifelte Velychko: «Hatte ich gefördert, was auf diesem Flecken Land Förderung braucht, oder nur mehr von dem gemacht, was überall gemacht wird?» Hatte sie ein Paradies für ein paar weit verbreitete Wildbienenarten geschaffen und den Grossteil der über 600 zum Teil hoch spezialisierten und gefährdeten Arten vergessen?

Sie berichtete Meyer, der sie immer mal wieder besuchte, um sich am Fortschritt des Gartens zu freuen, von ihren Zweifeln, und schon war das nächste Projekt der beiden geboren. Ursprünglich planten Velychko und der 54-jährige Unternehmer Peter Meyer, die Alphütte zu verkaufen. Mit dem Erlös wollten sie eine Stiftung gründen, die weitere Alphütten kaufen und Gärten anlegen würde. «Immer weiter, um so eine Insel der Biodiversität nach der anderen zu schaffen.»

Über 6500 Personen haben sich Rat für die Bepflanzung ihres Gartens, ihres Balkons, ihrer Terrasse geholt.

Doch Velychko ging einen anderen Weg. Mit dem Erlös aus dem Verkauf der Alphütte wollte sie eine Anwendung entwickeln, die für jeden Standort geeignete Pflanzen für lokal vorhandene seltene Wildbienen vorschlägt. Um genau die Arten zu fördern, die lokal gefährdet sind. Diese Anwendung sollte Velychkos Zweifel beseitigen. Sie gründete zusammen mit anderen Spezialisten das Futureplanter-Team.

Das war Ende Januar. «Ich kannte zuvor weder Wildbienenexperten noch den passenden Programmierer», sagt Velychko. Die Datenbank mit Wildbienenbeständen fand sie an der Universität Neuenburg, tatkräftig unterstützt hatte sie der Insektenspezialist André Rey. Dann ging es überraschend schnell: Über Markus Seiler, Experte für digitale Strategien in Velychkos Team, fanden sie innerhalb einer Woche einen geeigneten Programmierer. «Wir konnten loslegen», erzählt die Zürcherin.

«Viel Besser als Geranien»

Damit Interessierte nicht extra eine App auf ihr Smartphone herunterladen müssen, entschieden sie sich für eine Website. Heute, wenige Monate später, haben sich auf ihrer Website bereits über 6500 Personen Empfehlungen für die Bepflanzung ihres Gartens, ihres Balkons, ihrer Terrasse geholt. Alles, was sie dafür hergeben mussten, ist ihre eigene E-Mail-Adresse.

Mehr Unordnung im Garten hilft Bienen. Video: Tamedia

Damit Futureplanter die Nutzer informieren kann, wenn Daten zu den seltenen Wildbienenbeständen für die jeweilige Stadt oder Gemeinde verfügbar sind. Andernfalls empfiehlt die Anwendung eine zufällige Auswahl geeigneter Blütenpflanzen. Für die Städte Zürich, Cham, Zug und Schaffhausen sind bereits spezialisierte Daten hinterlegt. Und Futureplanter geniesst die Unterstützung von Gemeinden, Naturschutzorganisationen, der Entomologischen Gesellschaft sowie von Grün Stadt Zürich. Das Geld aus dem Verkauf der Hütte reichte nicht nur für die Entwicklung, sondern auch, um Velychko einen bescheidenen Lohn auszuzahlen und die Anwendung im kommenden Frühjahr weiter auszubauen.

Nachfrage übersteigt Angebot

Es ist Hochsommer, und die farbigste Blütezeit ist vorbei. «Doch der Herbst ist die beste Zeit zum Pflanzen», sagt Velychko, die noch weitere Ideen hat, wie sie ihre Anwendung ausbauen könnte. Zwar liefert Futureplanter eine Liste von Wildstaudengärtnereien, wo die empfohlenen Pflänzchen bezogen werden können, zum Teil sogar per Internet. «Doch wenn wir jede Pflanze direkt zum Kauf anbieten könnten, wäre das natürlich noch besser», sagt Velychko.

Viel mehr will sie über ihre Pläne noch nicht verraten. Nur so viel: Die Nachfrage nach Wildblumenstauden übersteige inzwischen das Angebot. Natürlich nicht nur wegen der Website. «In der Stadt, aber auch auf dem Land ist ein Umdenken im Gang. Und auch das Projekt Mission B, angestossen vom Schweizer Radio und Fernsehen, trägt seinen Teil dazu bei», sagt sie. «Es wird gepflanzt, was vor fünf Jahren noch als Unkraut galt. Die Leute begreifen langsam: Wiesensalbei ist eigentlich viel besser als Geranien.»

Erstellt: 05.08.2019, 08:00 Uhr

Die Superheldenbiene auf dem Balkon

Der Nutzer muss auf der Website von Futureplanter bloss einige wenige Informationen zu seinem Standort preisgeben: etwa Balkon, sonnig, äusseres Seefeld in Zürich. Da erhält er auch schon eine E-Mail mit individuellen Empfehlungen. In diesem Fall etwa Pfennigkraut, ein gelbes Primelgewächs, wenige Zentimeter hoch. Es liefert Pollen für die Brut der Waldschenkelbiene, ein kaum ein Zentimeter grosses Tier. Anderen Pollen als diese fressen die Schenkelbienenbabys nicht.

Auch der Färber-Wau, eine 80 bis 150 Zentimeter grosse Staude mit beeindruckenden hellgelben Blütendolden, wird empfohlen. Er ist Nahrung für die landesweit fast nur in der Stadt Zürich vorkommende Gezeichnete Maskenbiene mit ihren zwei hellgelben Punkten auf dem Kopf und am Flügelansatz. Mit rosa-purpurnem Heilziest kann man die kuschelige Waldpelzbiene fördern.

Ebenfalls möglich wäre die Lauch-Maskenbiene: Sie ist 6 bis 9 Millimeter gross, im Zürcher Seefeldquartier heimisch und hat eine weisse Zeichnung ins Gesicht gemalt, die sie ein wenig wie einen Power Ranger aussehen lässt. Sie ist auf im Sommer blühende Lauchgewächse spezialisiert, den kugelköpfigen, purpurrot blühenden Lauch zum Beispiel. Wer sich mit der Entscheidung schwertut, kann auch alles bestellen.
(lop)

www.futureplanter.ch

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