Die Politiker-WG von Bern

Zusammenwohnen und sich gleichzeitig politisch bekämpfen? Das geht. Zumindest wenn man jung ist.

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Vor ein paar Jahren erzählte mir meine ältere Tochter von einem freisinnigen Jungpolitiker, der in ihrer Schule an einer staatskundlichen Veranstaltung aufgetreten sei. Andri Silberschmidt heisse der junge Mann, später hätten sie ihn im Ausgang gesehen, und er habe eine Runde ausgegeben. Er kämpfe um die Wahl in den Zürcher Gemeinderat, erzählte sie damals, und habe eine Gastrokette aufgebaut mit Poké, dem Gericht aus Hawaii mit rohem Fisch, Reis und Gemüsen. «Ein Geschäftsmann», sagte sie.

Jetzt wurde Andri Silberschmidt mit 25 Jahren in den Nationalrat gewählt. Wie ich gelesen habe, wohnt er während der Session in Bern in einer Wohngemeinschaft mit zwei anderen U-30-Nationalräten, Franziska Ryser von den Grünen und Mike Egger von der SVP. Sie haben im Marziliquartier eine zahlbare Wohnung bezogen, bevor es heute im Parlament losgeht.

So eine WG über alle politischen Gräben hinweg wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen. Klar, ein Nationalrat verbringt bloss ein paar Monate in der Hauptstadt, aber politische Zugehörigkeit ist auch eine Frage des Stils und der Kultur; nach einem nervigen Tag im Bundeshaus möchte man wohl unter Menschen sein, die auf der gleichen Wellenlänge sind.

Die drei jungen Politikerinnen
machen es vor: Wir müssen zusammenstehen.

Wobei, 2011 war ich auf dem Land an einem Podium mit Cédric Wermuth und Erich Hess, damals waren sie die Chefs der Jungparteien von SP und SVP. Sie haben beide ausgeteilt, Hess ist gnadenlos, wenn es um Ausländer und die Berner Reitschule geht, aber nach der Veranstaltung fuhren sie wie gute Kameraden zum Bahnhof und sprachen über ihre Karriere. Hess witzelte, dass es für Wermuth einfacher sei, weil die Sozis keine guten Leute hätten. Er hatte recht, Wermuth wurde 2011 in den Nationalrat gewählt, Hess schaffte es vier Jahre später.

Die Frischgewählten gehen jetzt weiter: Möglich, dass ihre WG auch mit ihrer Generation zu tun hat, vielleicht haben die drei genauso viel gemeinsam wie mit politisch Gleichgefärbten, die älter sind.

Vielleicht aber haben die drei vom Marziliquartier schneller die Zeichen der Zeit erkannt. Vor den Herausforderungen von 2019 wirken unsere politischen Gräben klein und kleinlich. Konfrontiert mit China, mit dem Treibhauseffekt, mit der Einkommensschere, ist der Wirbel um einen grünen Bundesrat ein Sturm in der Nussschale. Vielleicht spüren die drei Jungen intuitiv den wahren Sturm, der aufzieht. Vielleicht lautet die Botschaft ihrer WG, dass wir zusammenstehen müssen. Sonst bläst er uns weg.


Miklós Gimes lebt in Zürich, ist Autor und Regisseur. Für den «Tages-Anzeiger» schreibt er jede Woche die Stadtgeschichte.

Erstellt: 01.12.2019, 17:59 Uhr

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