Die Polizei als Spiegel der Gesellschaft

Unterschwellige Rassenvorurteile bestehen nicht nur bei Sicherheitsbeamten. Sie zu erkennen ist der Anfang zur Veränderung.

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Was soll ich heute anziehen, damit mich die Polizei nicht kontrolliert? Wie soll ich mich verhalten, wenn mich ein Sicherheitsbeamter im Fokus hat: wegschauen oder freundlich lächeln? Das sind Fragen, die sich in der Schweiz die wenigsten Menschen stellen müssen. Zum Glück. Wir leben in einem Rechtsstaat, der sich die Gleichbehandlung der Individuen auf die Fahne geschrieben hat. Dennoch können sich nicht alle mit derselben Unbeschwertheit in der Öffentlichkeit bewegen: Menschen mit dunkler Haut, balkan- oder arabischstämmige, deren Alltag durch die Möglichkeit einer Polizeikontrolle geprägt wird. Nicht weil sie eine Straftat begangen haben, sondern weil sie zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort in ein bestimmtes Fahndungsraster passen.

Racial Profiling ist Realität, aber eben nur für eine kleine Minderheit. Möglicherweise liegt es am Begriff, weshalb die Polizei das Thema bis anhin eher stiefmütterlich behandelte. Er erinnert an die gewalt­samen Aufstände in den USA, die so in der Schweiz nicht vorkommen. Zudem hat Racial Profiling den Beiklang von Rassismus, was bei Polizisten auf grosse Ablehnung stösst. Zu Recht. Denn systematischen Rassismus muss sich die Polizei nicht vorwerfen lassen.

Es handelt sich um ein Problem, das auch in anderen Institutionen unterschwellig besteht: etwa bei der Wohnungs- oder Jobvergabe, wo es zu Ausschlüssen gruppenspezifischer Merkmale kommt. So gesehen agiert die Polizei als Spiegelbild der Gesellschaft. In ihrem Fall ist dies besonders heikel, da sie ein Gewaltmonopol besitzt. Studien haben ergeben, dass die Erfolgsquote bei Personenkontrollen höher ist, wenn sie sich weniger auf ethnische Merkmale, sondern auf Verhaltensweisen wie Nervosität konzentrieren.

Solche Erkenntnisse und eine wiederkehrende Sensibilisierung für das Thema sollten in die polizei­liche Ausbildung miteinfliessen. Ein Anfang ist gemacht: Die Zürcher Stadtpolizei unterzieht ihre Personenkontrollen zurzeit einer externen Analyse, und bei Polizeivorsteher Richard Wolff ist das Thema angekommen. Er sagt: «Nicht eine fehlerfreie Polizei ist das Ziel, sondern eine Polizei, die sich verbessern will.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2016, 22:48 Uhr

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