Die Raucher am HB sind schwer erziehbar

Seit heute Morgen ist der Zürcher HB offiziell rauchfrei. Davon riecht man aber noch nichts.

Mit einem Gasbrenner werden im Eingangsbereich Rauchverbotsmarkierungen angebracht. Foto: Ruedi Baumann

Mit einem Gasbrenner werden im Eingangsbereich Rauchverbotsmarkierungen angebracht. Foto: Ruedi Baumann

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Die erste Änderung hat in vorauseilendem Gehorsam der Besitzer des Kebab-Stands beim Gleis 18 schon am Montagabend eingeführt. Er klebte die nahe «Stumpeschiessi», ein auf den Abfalleimer aufgesetzter grosser Aschenbecher, mit Klebeband zu. In allen Hallen des Zürcher Hauptbahnhofs gilt seit heute Morgen nämlich Rauchverbot, auch für E-Zigaretten. In den unterirdischen Bahnhöfen und in den Unterführungen gilt das Verbot schon lange.

Ein Augenschein am HB am Dienstagmorgen zeigt aber noch kaum Veränderungen. Raucher, die auf den Zug hetzen, werfen ihre glühende Kippe vor dem Einsteigen im letzten Moment ins Schotterbett. Noch überall stehen qualmende Aschenbecher. Und sogar in den Restaurants in der hinteren Halle rauchen die Gäste ungeniert. Raucher scheinen ein schwer erziehbares Völklein zu sein.

Im Eingangsbereich macht sich ein orange gekleideter Arbeiter der Firma Signal AG mit einem Gasbrenner daran, blaue Rauchverbotssymbole aus weichem Kunststoff auf dem Boden einzubrennen. Die Trocknungszeit beträgt höchstens eine Viertelstunde. «Die Umstellung des grössten Bahnhofs der Schweiz geht nicht von einer Nacht auf die andere», sagt Christian Fricker, der Gesamtprojektleiter der SBB für rauchfreie Bahnhöfe. Im Gewusel von 500’000 Passagieren pro Tag müssen viele Arbeiten nachts zwischen 1 und 5 Uhr erledigt werden.

«Reine Geldverschwendung»

Das Einbrennen der Rauchverbote führt unter den Reisenden gleich zu Diskussionen. «Reine Geldverschwendung», sagt Lucas Schmid, Koch aus Zürich und selber Raucher. «Da hält sich eh niemand dran, wenns keine Bussen gibt.» Schmid gibt selber zu, dass das Entsorgen der Kippen im Gleisschotter zwischen Zugtür und Perron «eine Sauerei» sei. «Aber bei den meisten Rauchern ist das halt ein Reflex.» Für die Umrüstung aller Schweizer Bahnhöfe rechnet die SBB mit einmaligen Kosten von sieben Millionen Franken. Auf der anderen Seite kostet das «Gleispicken», also die Reinigung des Gleisfelds von Zigarettenstummeln, jedes Jahr drei Millionen Franken.

In der Nacht auf Mittwoch werden pro Perron zwei grosse Aschenbecher, sogenannte Raucherstelen, montiert, mit einem Schild, das vom Verband öffentlicher Verkehr in jahrelanger Arbeit nach einem gutschweizerischen Kompromiss gestaltet wurde. Das Symbol zeigt eine brennende Zigarette mit dem Text: «Rauchbereich max. 2 Meter». Man darf also im Umkreis von zwei Metern rauchen. «Wir haben bewusst auf eine Markierung des Bereichs, zum Beispiel mit gelben Linien, verzichtet», sagt Christian Fricker. Ziel sind zwei Raucherbereiche auf 400-Meter-Perrons und je ein Raucherbereich auf kürzeren.

SBB wollen grosszügig sein

Grund für die fehlende Markierung um die Raucherstele: Das Bundesamt für Verkehr erlaubt nur Linien am Boden, die für den Bahnbetrieb notwendig sind. Vor allem aber, so Fricker: «Wir wollen eine gewisse Grosszügigkeit demonstrieren.» Es wäre undenkbar, dass das Kontrollpersonal Raucher ansprechen muss, nur weil sie mit einem halben Schuh ennet der Markierung stehen. Der Grund für die doch eher knappen zwei Meter sind Sicherheitsanforderungen, damit Raucher nicht zu nahe an der Perronkante stehen.

Zwei Meter links und rechts dieses Aschenbechers darf auf dem Perron geraucht werden. Foto: PD

In den nächsten Tagen müssen die SBB 80 Aschenbecher in der Bahnhofhalle abmontieren. Die meisten werden ausserhalb der Halle in den Eingangsbereich gestellt. Ziel ist, dass die Raucher ihre Stummel vor der Halle entsorgen und nicht erst auf dem Perron. Problematisch sind bei dieser Aschenbecherzüglerei die Eigentumsverhältnisse. Je nach Ecke des Bahnhofs gehört das Land der Stadt oder den SBB. Für jeden Aschenbecher im Aussenbereich auf städtischem Grund und Boden ist somit eine Bewilligung nötig.

Ein Bier ohne Zigi

Diskussionen löste das Rauchverbot am Montagabend in den Restaurants aus. Viele Raucher in der Halle pafften vor ihrer Kaffeetasse ungeniert weiter. Aschenbecher gibts jedoch seit heute kaum mehr. Stören wird das spätestens am Abend all jene, die zum Beispiel in der Halle vor der Brasserie Federal ihr Feierabendbier trinken und gerne eine Zigarette rauchen möchten – aus lauter Gewohnheit. Unter freiem Himmel im Eingangsbereich auf Seite Bahnhofstrasse ist das Rauchen dagegen weiter erlaubt.

Erstellt: 13.08.2019, 13:46 Uhr

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