Die Reihenhäuschen haben ausgedient

Kinder konnten hier frei aufwachsen. Nun verschwindet der Prototyp des genossenschaftlichen Wohnens aus dem Stadtbild.

Eine Nachbarschaft, in der man sich noch mit Namen kennt: Kinder spielen auf der Strasse. Bild: Urs Jaudas

Eine Nachbarschaft, in der man sich noch mit Namen kennt: Kinder spielen auf der Strasse. Bild: Urs Jaudas

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Da ist sie also, die Vertreterin einer bedrohten Art, umgeben von Verfall – und lacht. Ursula Kleinfeld, Bewohnerin eines der rasant schwindenden Zürcher Reihenhausquartiere, sitzt am verwitterten weissen Plastiktisch, zieht an der Zigarette und amüsiert sich über den Zustand ihres Rasens. Mehr braun als grün ist er, hat die Farbe der Stummel in ihrem Aschenbecher angenommen. Da und dort steht ein verblühter Löwenzahn ab wie schütteres Haar. Bunt blühen die Blumen nur auf Kleinfelds Kleid.

Wenn jetzt die Kontrolleure der Genossenschaft kämen, gäbe das wohl wieder einen Brief: Bitte Rasen mähen! Ordnung muss sein, so geht das hier. Ursula Kleinfeld lebt mit ihrer Familie in Zürich-Seebach in einem dieser Reiheneinfamilienhäuser aus den Dreissiger- und Vierzigerjahren, die den Charakter dieser Stadt für Generationen prägten. Zumindest für jene, die ihre Neugier nicht bloss auf die wenigen Quadratmeter entlang der Limmat beschränkten, die als Projektionsfläche für die helvetische Sehnsucht nach einer eigenen Weltstadt herhalten müssen.

Draussen, an den Rändern Zürichs, reihten sich diese Siedlungen, die fürs Gegenteil stehen: für eine selbstgenügsame, gar nicht weltläufige Melange aus Gartenzwerg und Fidelisuppe und einer Idee von seriell herstellbarem, kleinbürgerlichem Familienglück.

«Im Winter zieht es zum Stubenfenster rein und zur Tür wieder hinaus.»Ursula Kleinfeld, Bewohnerin eines Reihenhauses in Zürich-Seebach

Aber Zürich befindet sich im Wandel, und deshalb muss das Reihenhaus der Kleinfelds bald Platz machen, wie viele andere auch. Die Wohnbaugenossenschaften, die diesem Typus einst zu seiner Dominanz verhalfen, erweisen sich als eilfertige Vollzugsgehilfen von Wachstums- und Verdichtungsvorgaben.

Trotz grosser Mängelliste ein wunderbares Zuhause

Seit 2005 haben sie in der Stadt mehr als 4800 Wohnungen abgerissen und durch neue ersetzt. Grösser, urbaner, energetisch vernünftiger sollen sie werden, mit modernen Grundrissen. Die alten Reihenhäuser werden nur in seltenen Fällen saniert. Sie sind Auslaufmodelle. Sehr schade sei diese Entwicklung, sagt Ursula Kleinfeld. Klar, die Bausubstanz sei veraltet. Die Kinderzimmer hätten das Ausmass von Hasenställen. Platz für Schränke und Gestelle habe man kaum. «Was meinen Sie, weshalb hier überall Sachen rumliegen?» Der Kühlschrank sei klein wie in einem Zweipersonenhaushalt, eine tägliche logistische Herausforderung. Es überrascht Kleinfeld nicht, dass die Heizkostenbilanz der alten Siedlung miserabel ist. Im Winter ziehe es zum Stubenfenster rein und zur Tür wieder hinaus. «Wenn es stürmt, haben wir den Sturm in der Hütte.»

Aber trotz einer Mängelliste, die vom Turm des Grossmünsters bis auf den Boden reichen würde, hängt Kleinfeld an ihrem Zuhause. Solche Häuschen seien wunderbar für junge Eltern mit begrenztem Budget, wie sie es damals beim Einzug gewesen seien: Nur 1300 Franken kostet die Miete im Monat, inklusive Garage. Die Nachbarschaft ist überschaubar, sodass man sich noch mit Namen kennt. Die Kinder hat man durchs Küchenfenster im Blick. Hinzu kommt die kleine Freiheit, jederzeit ins eigene Gärtchen sitzen zu können. Durch dichte, mannshohe Buchenhecken allseits geschützt vor allzu neugierigen Nachbarn.

Der Mensch sollte gesunden am Reihenhaus: Eine zugewachsene Fassade. Bild: Urs Jaudas

Was heute veraltet ist und seit den 68ern vielen als Inbegriff von Spiessigkeit gilt, war mal fortschrittlich. Statt die Arbeiter in Mietskasernen um stickige Hinterhöfe zu pferchen, wollte man ihnen Gartenstädte bauen. Licht, Luft, Raum – diese Forderung fand aus England über Deutschland in die Schweiz. An der Zürcher Städtebau-Ausstellung von 1911 propagierte der Heimatschützer Albert Baur Reihenhäuser mit Gärten zur Rückseite. So habe man in der Schweiz von alters her gebaut, das verleihe den Quartieren einen «behaglichen Charakter». Der SP-dominierte Zürcher Stadtrat machte ab 1928 Ernst damit, aus «sozialhygienischen» Gründen. Der Mensch sollte gesunden am Reihenhaus.

«Wenn man Gäste hat, darf man nicht etepetete sein.»Corinne Morger

Das Argument der Behaglichkeit hat sich bis heute gehalten. Corinne Morger führt durch ihr Zuhause im Friesenberg am anderen Ende der Stadt. Ihr «Hexenhäuschen» nennt sie es liebevoll, und mit viel Liebe hat sie es umgestaltet und sich zu eigen gemacht. Durch einen hübschen Garten mit Obstbäumen und Hollywoodschaukel gelangt man in den Keller mit der Waschküche. Hier durchmisst man auf einen Blick den Grundriss des Hauses: nur gut vier Meter breit, etwa doppelt so lang.

Morger geht die Treppe hoch ins Erdgeschoss, vorbei am Wohnzimmer in die aufgeräumte Küche, die sie in freundlichen Gelbtönen gestrichen hat. Sie habe das viele Braun und die orangen Kacheln mit den Blümchen nicht ausgehalten. Es sei halt etwas eng hier, sagt sie entschuldigend. «Wenn man Gäste hat, darf man nicht etepetete sein.» Sie weist auf die Wand: Gleich dahinter befinde sich die Toilette des Nachbars. Wenn der das Papier abrolle, sei das hier gut zu hören. «Wir sagen immer: Man lebt wie auf einem Campingplatz.» Das Miteinander sei aber auch schön – vor allem, wenn man kleine Kinder habe. Damals habe es in den Gärten spontane Partys gegeben.

Über die tückische Treppe mit den abgenutzten Stufen geht es ins Obergeschoss. Bei jedem Schritt knarrt der Holzboden unter den Füssen. Ein Büro, ein Schlafzimmer, daneben reingequetscht ein Bad. Seitlich der Wanne ist nur eine Armlänge Platz. «Zu dritt kann man da unmöglich rein», sagt Morger. «Wir müssen halt organisieren, wer wann reindarf.» Der Zutritt zum Dachstock ist verboten, dort befindet sich die unabhängige Teilrepublik von Morgers Sohn. Ein Reich auf Zeit – auch dieses Haus wird es nicht mehr lange geben.


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In Schwamendingen ist die Transformation der Genossenschaftssiedlungen weit fortgeschritten. Anstelle von 134 Reihenhäusern stehen heute neben dem Bahnhof Stettbach sechsstöckige Wohnblöcke. Das Besondere daran: Vorgelagert sind im gleichen Stil mehrere Reihen von zweistöckigen Häusern. Eine Reminiszenz an das, was mal war. Aber auch ein Denkmal, das für künftige Zürcherinnen und Zürcher wohl ähnlich rätselhaft sein dürfte wie Hans Waldmann auf seinem Pferd.

Quartiere, wo Kinder frei aufwachsen können

Bei der Familie Lins in Seebach schüttelt man darüber den Kopf. Sie lebt noch in einem Original aus den Dreissigern, mit Stewi im Garten, Pergola und orangen Kacheln in der Küche. Vater Martin ist selbst in einer solchen Reihenhaussiedlung aufgewachsen. Er hält am Küchentisch, umrahmt von Marmorimitat, ein engagiertes Plädoyer. «Wenn man nur noch verdichtet baut, verlieren wir solche Quartiere, wo Kinder frei aufwachsen können.» Man habe hier ein soziales Netz, weil sich die Nachbarn in den Gärten begegnen, die hier nicht durch Hecken getrennt sind, sondern nur durch durchlässige Zäune. Die Kleinen könnten einfach rausgehen zum Spielen, statt vor dem PC zu sitzen.

Rausgehen zum Spielen, statt vor dem PC zu sitzen: Ein Trampolin steht im Garten. Bild: Urs Jaudas

Sein Sohn, ein junger Erwachsener, betritt die Küche. Man könnte meinen, dass einer in seinem Alter überall sein möchte, nur nicht hier. Stattdessen setzt er sich an den Tisch, als er hört, worum es geht, und intoniert im Jugendslang eine Liebeserklärung ans Reihenhaus. «Das Schlimme ist, was sie anstelle dieser Häuser hinstellen: unbezahlbare Genossenschaftswohnungen.» Der Vater spinnt diesen Faden weiter: Wenn das Wohnen teurer werde, müssten beide Elternteile arbeiten, dann habe man Schlüsselkinder. «So provoziert man soziale Brennpunkte – als ob wir nicht genug davon hätten.»

Sein anderer Sohn arbeite bei der Securitas im HB, der sehe das täglich. Am Fuss der Eingangstür zum Reihenhaus der Familie Lins stehen zwei Engelchen Wache. Als wollten sie die Zukunft aufhalten.

Erstellt: 06.08.2018, 22:01 Uhr

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