«Die Ressource Fäkalien lag brach»

Jessica Altenburger vermietet den Slumbewohnern in Lima Trocken-WC. Dass sie sich einmal mit Fäkalien beschäftigen wird, hätte die Zürcher Produktedesignerin nie gedacht.

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Jessica Altenburger, wie oft sind Sie schon auf Ihrem Trocken-WC gesessen?
Wenn ich an der Arbeit in Lima bin, sehr oft. Ich ziehe da unsere Toilettenlösung den herkömmlichen Latrinen vor. Und auch hier in der Schweiz würde ich unsere WC benutzen, wohnte ich auf dem Land ohne Anschluss an die Kanalisation.

Ihre Firma X-Runner hat seit 2012 eben diesen Slumbewohnern 500 WC vermietet, die ohne Wasser und Strom funktionieren, und organisiert die Entsorgung. Warum gerade in Lima?
Die Wahl fiel erst im zweiten Anlauf auf Lima. Ursprünglich war das Projekt der Trockentoilette für Indien konzipiert worden, doch dort scheiterte es an Partnern und Behörden. Das war bei den Peruanern einfacher.

Warum?
Einerseits wegen meiner deutsch-peruanischen Geschäftspartnerin und der Offenheit der Leute. Andererseits kämpft Lima seit Jahren gegen die Wasserknappheit. Deshalb war für die Slumbewohner logisch: Wenn eine Toilette, dann eine ohne Wasser.

Bei Ihrem Modell werden Kot und Urin getrennt...
... wie es schon Hundertwasser in seinem Manifest vor 40 Jahren propagiert hatte: Wenn schon die Natur den Urin- vom Kotausgang trennt, dann wird das seinen Grund haben. Unangenehme Gerüche entstehen nur durch die Mischung von Kot und Urin. Trennt man sie fachgerecht, kann man sie ohne Kläranlage sehr umweltfreundlich entsorgen.

Sie haben Produktedesign studiert, dann für einen Luxusmöbeldesigner gearbeitet. In einem Innovationscamp in Berlin begannen sie sich mit Fäkalien zu beschäftigen. Warum bloss?
Das frage ich mich auch oft und hätte nie damit gerechnet. Irgendwann wurde mir einfach bewusst, dass die Ressource Fäkalien brach lag, und ich mit einer Innovation etwas verändern konnte. Als Designerin suchst du zudem immer Lösungen in einem Bereich, der bisher übersehen wurde. Dass weltweit 2,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sanitären Anlagen haben, wurde mir erst später klar. Die Idee fürs Klo entstand mit meiner früheren Geschäftspartnerin.

Anfänglich haben Sie Toiletten in Peru herstellen lassen. Warum übernimmt das nun der schwedische Hersteller Separett?
Es gab in Peru Probleme bei der Verarbeitung mit Glasfasern. Deshalb habe ich mit Separett Kontakt aufgenommen, welcher der weltweit führende Hersteller von Trockentoiletten ist. Sie waren begeistert von der Idee, reduzierten ihr Design und verkaufen sie uns zu Produktionspreisen.

Ist das, was sie tun, nicht eher nachhaltige Entwicklungshilfe?
Nein, das nennt man eher «social impact business». Ich habe zwar ein Unternehmen, aber die Organisation ist fest im sozialen Kontext vor Ort verankert, sodass sie eines Tages autonom funktionieren kann. Wir wollen einfach, dass unsere Arbeit etwas bewirkt.

Wer hat das bezahlt?
Wir starteten mit Privatinvestitionen in der Höhe von 80'000 Franken. Das hat uns gezwungen, das Produkt billig zu produzieren.

Warum haben Sie mit Ihrer Geschäftsidee solchen Erfolg?
Zwei Dinge: Wir sind in Indien auf die Nase gefallen und haben das Projekt mit den Leuten vor Ort aufgebaut.

Wie viel verdienen Sie als 33-jährige Jungunternehmerin?
Gemäss unserer Firmenphilosophie erhalten alle peruanische Löhne. Auch ich hier in der Schweiz. Aber das ist nicht genug, um ganz davon zu leben.

Was heisst das in Zahlen?
Es sind 1800 Franken.

Wie sehen Ihre Expansionspläne aus?
Wir beschränken uns vorderhand auf Lima, könnten uns aber eine Ausdehnung auf ganz Peru vorstellen. Doch: Jede Kultur bevorzugt ein anderes Modell, unser WC funktioniert deshalb nicht universell, das System jedoch schon. Es würde deshalb für Flüchtlingslager taugen, doch die Entsorgung wäre schwierig.

«Ein sauberes Geschäft»: SRF-Reporter über Jessica Altenburgers Arbeit, Sonntag, 20. März, 21.40 Uhr.

Erstellt: 18.03.2016, 16:29 Uhr

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