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Die Rückeroberung

Grossfirmen verlassen die City: Die Zürcher Innenstadt lebt wieder auf, wenn dort Menschen wohnen und nicht nur arbeiten.

Janine Hosp
Früher war alles besser? Die Bahnhofstrasse war bis 1914 ein Wohnboulevard, hier um die Wende zum 20. Jahrhundert.
Früher war alles besser? Die Bahnhofstrasse war bis 1914 ein Wohnboulevard, hier um die Wende zum 20. Jahrhundert.
Photoglob/Keystone

Es ist eine verschlafene Strasse, gesäumt von Landsitzen von Textilindustriellen und von Häusern mit kleinen Vorgärten, die sich anbieten, dort die Wäsche der Familie aufzuhängen. Vor den Gartentoren stehen Marktfrauen und warten hinter ihren Ständen mit Früchten und Gemüse auf Kundschaft. Die Adresse: Bahnhofstrasse in 8001 Zürich.

Bis zum Ersten Weltkrieg war diese ein Wohnboulevard, an dem etwa 850 Personen lebten. Zu einem solchen Idyll wird es zwar nicht mehr kommen. Die Chancen stehen aber so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr, dass wieder einmal Menschen an der Bahnhofstrasse leben werden und dass die Strasse nach Ladenschluss nicht gerade belebt, aber immerhin wiederbelebt wirkt.

Zu klein für Grossraumbüro

Der Grund: Grossbanken, Versicherungen und Hochschulen verlegen Arbeitsplätze an den Stadtrand und sind dabei, Dutzende von Standorten in der Zürcher Kernstadt aufzugeben; Zehntausende von Quadratmetern Bürofläche an allerbester Lage stehen bereits leer. Viele sind klein und verschachtelt und entsprechen in Zeiten, wo selbst der Bankdirektor im Grossraumbüro sitzt, immer weniger den heutigen Bedürfnissen. Und die Büros sind teuer: Für einen einzigen Quadratmeter zahlen die Mieter häufig zwischen 600 und 700 Franken pro Jahr oder für 100 Quadratmeter 5000 bis 5800 Franken pro Monat.

Globus, der Quartierladen

Den Unternehmen ist das heute oft zu viel – Privaten aber nicht. Die Mieten und auch manche Löhne sind in den vergangenen Jahren so stark gestiegen, dass nicht wenige bereit wären, 5000 Franken für eine 100-Quadratmeter-Wohnung an bester Lage zu zahlen. Dort sind die Warenhäuser ihre Quartierläden, der Lindenhof ist ihr grüner Balkon, und abends ist es im «Central Business District» von Zürich so ruhig wie auf dem Land. Nur die Kuhglocken fehlen.

Die Bau- und Zonenordnung jedenfalls hinderte Hausbesitzer nicht daran, in der City Büros zu Wohnungen umzuwandeln. Sie dürfen Wohnungen schaffen, müssen aber nicht, denn die Bahnhofstrasse liegt in einer Kernzone mit einem Wohnanteil von 0 Prozent; die Behörden haben viel zu spät reagiert, als in den 70er-Jahren zunehmend Wohnungen zu Büros umgewandelt wurden, erst im Zentrum, dann breitete sich diese Entwicklung konzentrisch in die Quartiere aus.

Erst 1978 führte die Stadt den Wohnanteilplan ein, um damit Wohnungen an guten Lagen zu erhalten. Aber da hatten Banken, Versicherungen und Anwaltskanzleien die Bahnhofstrasse und ihre Seitengassen bereits besetzt, das Zentrum war am Veröden. Vor diese Tatsache gestellt, setzte die Stadt den Wohnanteil in der Kernzone City resigniert bei 0 Prozent fest.

Wohnungen stehen nicht leer

Nun böte sich die Gelegenheit, diesen Fehler wenigstens teilweise zu korrigieren. Viele Liegenschaftenbesitzer glauben jedoch nach wie vor, dass sich mit Büros mehr Geld verdienen lässt als mit Wohnungen. Dabei ist das Risiko, dass ihre Räume einmal leer stehen, bei Wohnungen über zehnmal kleiner als bei Büros.

Aber vielleicht zwingt sie nun der Markt zum Umzudenken. Und die Bewohnerinnen und Bewohner, die vom Zentrum immer weiter in die Quartiere hinausgedrängt worden waren, bekämen die Chance, die nächtliche City zu reanimieren.

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