Die Schönheit der Kulisse

Der Zürcher Bahnhofplatz ist kein Ort für architektonische Experimente. Dafür gibts die Europaallee. 

Drohnenaufnahmen nach dem Grossbrand am Zürcher HB zeigen den Schaden am Gebäude: Bei den drei Häusern aus den 1890er-Jahren haben die Flammen knapp die Fassaden verschont. (Video: SDA)

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Grossbrände sind ein heimlicher Traum der Modernisten. Vor verkohlten Ruinen überkommt sie keine Wehmut. In Gegenteil. Sie sehen die Brache, wittern den Neuanfang.

Zum Beispiel am Zürcher Bahnhofplatz, wo vor einer Woche drei 120-jährige Häuser abbrannten. Nun steht die Zukunft einer prominenten Parzelle mitten in Zürich weit offen.

Diese Jahrhundert-Gelegenheit wollen Stadterneuerer nutzen. Etwas Mutiges müsse man aufrichten, sagen sie, ein Wagnis planen, am besten zusammen mit dem Grundstück des Globus-Provisoriums, das gleich gegenüber liegt. Dort will die Stadt einen kleinen Park anlegen, was viele zu mickrig finden für diese Lage. Im Gegensatz zum Provisorium gehören die abgebrannten Häuser allerdings nicht der Stadt, sondern einem Unternehmen. Die Öffentlichkeit kann nur begrenzt mitreden.

Der Ruf nach dem Wurf ertönt regelmässig in Zürich. Dabei hat die Stadt in den letzten Jahren so gross geworfen wie seit 100 Jahren nicht mehr. Neu-Oerlikon, Zürich-West, Europaallee, Neu-Affoltern. Auf Wiesen und ehemaligen Fabrikarealen sind ganze neue Stadtteile entstanden, gestaltet von renommierten Architekten. Nur im Stadtzentrum hat sich wenig getan. Die Kaserne? Bleibt, wie sie ist. Das neue Kunsthaus? Fällt niemandem auf. Dank dem Brand könnte jetzt beim Bahnhof Grosses geschehen.

Bewahrt man aber nur die Aussenmauern, verwandeln sich diese zu Kulissen

Bei den drei Häusern aus den 1890er-Jahren haben die Flammen knapp die Fassaden verschont. Der Rest ist weg, für immer. Bewahrt man aber nur die Aussenmauern, verwandeln sich diese zu Kulissen, tarnen einen modernen Bürobau, den man hinter sie stellen wird. Wie eine Europaallee in Historismus-Hülle. Kleinlich und unehrlich finden das Erneuerer und gewisse Denkmalschützer. Dann lieber ganz kaputt machen.

Schon die ursprünglichen Häuser standen unter Kulissenverdacht. Elemente aus verschiedenen Architekturepochen zieren ihre Fassaden: barocke Säulen, Ornamente, Renaissance-Fenstergiebel. Auch am Ende des 19. Jahrhunderts fanden das manche kitschig und rückständig, die Rettung der Fassaden würde den Disneyland-Effekt nur verdoppeln. Auch darum gehörten die Häuser abgerissen, finden die Erneuerer. Stattdessen soll etwas entstehen, das den Geist der Gegenwart zum Ausdruck bringt.

Das Problem ist nur: Die Begeisterung der Zürcherinnen und Zürcher über den architektonischen Geist des 21. Jahrhunderts ist bisher verhalten geblieben. Selten hört man jemanden von der Schönheit der Europaallee schwärmen oder von der tollen Stimmung ums Toni-Areal. Öfter fallen die klassischen Vorbehalte gegenüber moderner Architektur: Steril, monoton, tot seien die jungen Stadtteile.

«Die Gegenwart kann sich bereits an anderen Orten in Zürich
baulich austoben.»

Gründerzeitviertel hingegen gelten als angesagt. Viele Städter sehen eine Stuckatur-verzierte Altbauwohnung als begehrteste aller Wohnformen. Man kann diese Vorliebe als Nostalgie belächeln, als Rückständigkeit oder Realitätsverweigerung. Vielleicht aber schaffen die Gründerzeitquartiere mit ihrer strengen Anordnung und den verspielten Fassaden schlicht eine angenehmere Stadt als viele der neuen Siedlungen.

Wie stark die Sehnsucht nach historischen Häusern ziehen kann, sieht man gerade in Frankfurt am Main. Dessen Zentrum zerbombten die Alliierten im Zweiten Weltkrieg fast vollständig. Jetzt, über 70 Jahre später, lassen die Behörden einen Teil der Altstadt nachbauen, fast genau so, wie sie vor dem Krieg ausgesehen hat.

Der Zürcher Hauptbahnhof und sein Vorplatz bildeten das Empfangszimmer des Gründerzeit-Zürich. Mit der grossen Bahnhofshalle und den herrschaftlichen Fassaden rundherum markierte die junge Grossstadt ihr Selbstbewusstsein, hier konnte sie sich messen mit anderen europäischen Metropolen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Ein Neubau in diesem Gefüge würde die Erinnerung an jene Zeit verwässern, als Zürich zur grössten Stadt der Schweiz aufstieg.

Video: Der Brand aus der Vogelperspektive

Drohnenaufnahmen der Stadtpolizei Zürich zeigen das Ausmass des Grossbrandes. (Video: Tamedia mit Material der Stadtpolizei Zürich)

Die drei abgebrannten Häuser gehören zu einem Blockrand, der in seiner Gesamtheit als städtebauliches Element funktioniert. In einer solch geschlossenen Struktur einen «grossen Wurf» zu errichten, lässt sich kaum bewerkstelligen. Ein solcher Neubau würde den historischen Rest überflüssig dastehen lassen oder selber deplatziert wirken.

Grob wäre es, an einem derart vorgeprägten Ort ein architektonisches Zeichen zu setzen. Es widerspräche wohl auch dem ästhetischen Bewusstsein vieler Bewohnerinnen und Bewohner. Ausserdem hat das 21. Jahrhundert auch in Zürich genügend Orte, um sich architektonisch auszutoben.

Und das Problem mit den Kulissen-Fassaden? Gibt es gar nicht. In Städten ist wenig so, wie es scheint, weder bei Menschen noch bei Häusern. Mit einem gewissen Disneyland-Charakter haben sich historische Orte wie Bern, Basel oder Zürich längst abgefunden. Sonst müsste man im Niederdorf alle Toiletten herausreissen.

Erstellt: 31.08.2018, 19:31 Uhr

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