Die schönste Eingangshalle einer Polizeiwache

Ein Bijou in der Stadt erstrahlt wortwörtlich in neuem Glanz: Die Fresken von Giacometti in der Eingangshalle der Stadtpolizei sind fertig restauriert.

Die Giacometti-Halle leuchtet nach der Restauration in allen Farben.

Die Giacometti-Halle leuchtet nach der Restauration in allen Farben. Bild: pd/Stefan Alternburger

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Es ist ein aussergewöhnliches Werk an einem aussergewöhnlichen Ort: Giacometti in der Polizeiwache. Der Schweizer Künstler Augusto Giacometti (1877–1947) malte die Fresken in der Eingangshalle des Amtshauses, in dem die Stadtpolizei und die Sicherheitsdirektion ihre Sitze haben, zwischen 1923 und 1925.

In den letzten drei Jahren hat die Stadt das Kunstwerk restaurieren lassen. Dies geschah parallel zu Arbeiten in der Halle, um die polizeilichen Sicherheitsanforderungen auf den neusten Stand zu bringen. Heute Abend hat die Stadt das Ende der Restauration mit einer Vernissage gefeiert. Nun ist das gesamte Giacometti-Halle wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.

Künstlern in der Not geholfen

Die Fresken in den 14 Gewölbekuppeln sind eines der grössten Kunstwerke, das die Stadt je in Auftrag gegeben hat. Den Anstoss dazu gab die prekäre Wirtschaftslage einheimischer Künstlerinnen und Künstler Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Stadtväter wollten mit der Arbeitsbeschaffung die finanzielle Situation der Kunstschaffenden lindern. Sie luden sechs Künstler zu einem Wettbewerb ein, um die Kreuzgewölbe im düsteren und abweisenden Keller des ehemaligen Waisenhauses zu verschönern.

Restauriert wurden Decken- und Wandmalerein. Bild: pd/Stefan Alternburger

Der damals in Zürich wohnhafte Giacometti gewann den Wettbewerb. Auflage war, dass er als künstlerischer Leiter fungierte und für die Ausführungen des monumentalen Werkes arbeitslose Maler beizieht. Von 1923 an verzierte er mit drei Gehilfen die Gewölbekuppeln. Giacometti hatte mit einem Quadratmeter pro Person und Tag gerechnet, doch er und seine Truppe benötigten zwei Jahre, rund ein Drittel länger als vorgesehen. Unter Zeitdruck wich er immer öfter von der Fresko- auf die Seccomalerei aus, was später zu Problemen führte, weil die Farbschichten weniger gut haften blieben.

Die Bemalung der Eingangshalle der Stadtpolizei war der erste Grossauftrag, den Giacometti erhalten hatte. Er verwandelte den bedrückend finsteren Gewölbekeller in ein begehbares Kunstwerk. Die Stadtzürcher waren begeistert, wegen der leuchtenden, floralen Sujets gaben sie ihm den liebevollen Namen «Blüemlihalle». Mit ihr wurde er berühmt, sie ebnete ihm den Weg zu weiteren Grossaufträgen.

Glasmalereien in Zürcher Kirchen

Antonio Augusto Giacometti kommt aus der Malerdynastie der Giacomettis aus dem Bergeller Dorf Stampa. Nach der Ausbildung zum Zeichenlehrer an der Kunstgewerbeschule Zürich lebte er in Paris und Florenz, 1915 liess er sich dann definitiv in Zürich nieder. Er entwickelte ein eigenes Farbensystem, um Klänge und Stimmungen strukturell festzuhalten. Er war auch ein Meister der Glasmalerei, von ihm stammen zum Beispiel 1933 die Chorfenster im Grossmünster und 1945 ein Kirchenfenster im Fraumünster.

Für die Stadt stellt die Giacometti-Halle eine beispielhafte Synthese von Kunst und Bau dar, wie Sandra Zacher, stellvertretende Direktorin des Amts für Hochbauten, sagt. «Dank einer eigenen Fachstelle können wir in stadteigenen Gebäuden wichtige Kulturgüter wie die bedeutenden Fresken von Augusto Giacometti erhalten und für kommende Generationen erlebbar machen.» Und Polizeikommandant Daniel Blumer sagte: «Aus meiner Sicht handelt es sich um die schönste Eingangshalle eines Polizeigebäudes.»

Der Objektkredit für die Instandsetzung und Restaurierung umfasst 1,85 Millionen Franken. Beansprucht werden gemäss einer Medienmitteilung voraussichtlich nur 1,63 Millionen Franken. Bei den Arbeiten habe die Stadt das Halogenlicht durch eine Beleuchtung mit energieschonender LED-Technik ersetzen lassen. Diese ermögliche ein gleichmässig gestreutes Licht, wodurch der Farbraum optimal zur Geltung komme. Die Eingangshalle erhalte nun eine grosse Leuchtkraft.

Die Halle kann täglich von 9 bis 11 und 14 bis 16 Uhr kostenlos besichtigt werden. Für Gruppen ab zehn Personen ist eine Voranmeldung erforderlich (stp-giacomettihalle@zuerich.ch).

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2019, 17:14 Uhr

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