Die schönste Fensterfront der Stadt

Dieses bemerkenswerte Zürcher Gebäude wird zurzeit aufwändig saniert – nicht für zahlungskräftige Bewohner, sondern für Trams.

Eine Doppelverglasung einbauen ist hier nicht ohne: Das Tramdepot am Seebahngraben. Bild: Nicola Pitaro

Eine Doppelverglasung einbauen ist hier nicht ohne: Das Tramdepot am Seebahngraben. Bild: Nicola Pitaro

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Trams sind zweifelsohne eine gute Sache. Nicht auszudenken, wie Zürich heute ohne sie den öffentlichen Verkehr bewerkstelligen würde. Hätte die Stadt zu Beginn des letzten Jahrhunderts auf Trams verzichtet, unterirdisch würde heute wohl ein weit verzweigtes U-Bahn-Netz verlaufen. Vielleicht würde es ebenso gut funktionieren wie die VBZ. Aber Zürich fehlte einer seiner schönsten Bauten: das Tramdepot Kalkbreite, der gläserne Bau entlang des Seebahngrabens im Kreis 4.

Das Gewerbegebäude hat der Zürcher Architekt Hermann Herter entworfen, zwischen 1939 und 1949 wurde es erstellt. Die Stahlkonstruktion ist 250 Meter lang und besticht durch ihre eindrücklichen Glasfronten mit Rasterfenstern zu beiden Seiten. Herter liess 1098 Fensterflügel einbauen. Das ergibt eine Fensterfläche von 2835 Quadratmetern. Sechs einstöckige Oberlichter und ein zweistöckiges durchbrechen die Dachstruktur. Im Inneren werden Trams in erster Linie gewaschen und besandet, was so viel bedeutet, als dass ihr Sandtank gefüllt wird. Seltener werden da Reparaturen vorgenommen.

Baumeister Herter prägte die Stadt

Das Tramdepot ist eines von Herters Spätwerken. Er amtete 25 Jahre lang als Stadtbaumeister und hat während dieser Zeit unzählige eigene prägende Bauten verwirklicht. Etwa das Bahnhofgebäude Wiedikon (1926), die Turnhalle Sihlhölzli (1930/31), das EWZ-Unterwerk Selnau (1930–1934), das Schulhaus Waidhalde (1932/33), das Amtshaus V am Werdmühleplatz (1934–1936), das Tramhäuschen am Bellevue (1938), das Seebad Wollishofen (1939) oder das Hallenbad City (1939–1941) – allesamt im Inventar für schützenswerte Bauten. Er habe sich «mit ehernem Griffel in die baugeschichtliche Entwicklung unserer Stadt eingeschrieben», würdigte ihn Alt-Stadtrat Joachim Hefti bei der Verabschiedung 1942.

Herter war ein Vertreter der Schweizer Moderne. Symmetrie und die optimale Raumwirkung waren ihm bei seinen Bauten ein grosses Anliegen. In alle habe er Geist und Seele gelegt und unermüdlich gekämpft, um das Ideal seiner Ziele zu verwirklichen, heisst es in Heftis Würdigung. Das Tramdepot Kalkbreite scheint die Vollendung seiner Ideale. Alle Ideen, die er beim Bau des Tramdepots Oerlikon einige Jahre zuvor ein erstes Mal umgesetzt hatte, perfektionierte er in Wiedikon. Der Bau hat eine klare Struktur, die Oberlichter geben ihm eine gewisse Verspieltheit. Die Proportionen sind optimal. Trotz seiner immensen Länge wirkt der Bau luftig leicht.

Probleme mit dem Brandschutz

Das Gebäude aber entsprach nicht mehr den heutigen Anforderungen an Energetik, Brandschutz und Erdbebensicherheit. Deshalb wird der Bau nach den Plänen des Architekturbüros Ernst und Humbel noch bis im nächsten Frühjahr für rund 30 Millionen Franken umfassend instand gesetzt.

Sascha Fässler, Projektleiter vom Amt für Hochbauten, führt ins Innere der Halle. Auch sie ist beeindruckend: Obwohl sie riesig ist, wirkt die Halle leicht und – trotz der dunklen Stahlträger – hell. In ihrer Mächtigkeit strahlt sie etwas Sakrales aus. «Ich kenne kaum einen vergleichbaren Raum in Zürich», sagt Fässler. Im Inneren werden dann auch die Renovationsarbeiten sichtbar: die zweite innere Glasschicht an der Glasfront zur Isolation. Wer genau hinschaut, der sieht, dass sich die Konstruktion Richtung Zweierstrasse ändert. Der Teil wurde erst nach Herter ergänzt.

Bitte stehen lassen

Saniert wurden auch die beiden Dienstgebäude. In jenem an der Elisabethenstrasse 15 wurde der Natursteinboden – derselbe wie im Bundeshaus – mit einem letzten Block aus dem Bruch in der Romandie geflickt. Die Fassade des Dienstgebäudes an der Elisabethenstrasse 43 haben die Architekten in den Originalfarben wiederhergestellt. Einzig wer das Dach betritt, merkt den Fortschritt der Zeit. Auf der ganzen Fläche ist eine Fotovoltaikanlage angebracht. Sie soll 65 Prozent des zukünftigen Strombedarfs des Depots decken.

«Es ist Herters solider Planung zu verdanken, dass der Bau 80 Jahre ohne Renovation ausgekommen ist», sagt Sascha Fässler. Nun soll er für die nächsten 30 Jahre halten. Hoffentlich noch länger. Wenn es dann keine Trams mehr gibt? Bitte stehen lassen, wieder sanieren. An Ideen, die Halle zu bespielen, wird es nicht fehlen.

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Erstellt: 02.10.2018, 10:42 Uhr

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