Die schwarzen Kästchen an Zürcher Bahnhöfen verschwinden wieder

Nach Kritik verzichtet die Swisscom darauf, Zürcher Bahnhöfe mit hohen Tönen zu beschallen. Stattdessen kommt Bluetooth zum Einsatz.

Senden einen eigentlich unhörbar hohen Ton aus: Schwarze Kästchen auf einer Plakatwerbung im HB Zürich. Foto: Urs Jaudas

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An den Zürcher Bahnhöfen ist es wieder ein bisschen ruhiger geworden. Die Swisscom hat ihr Vorhaben abgebrochen, mit Hochfrequenztönen Handys von Passanten anzusteuern. Die dafür benötigten Geräte werden bald abgeräumt.

Ende Mai tauchten auf Werbeplakaten im Zürcher Hauptbahnhof schwarze Kästchen auf. Bald wurde klar: Sie enthalten Sender, die hohe Töne aussenden – so hoch, dass die allermeisten Erwachsenen sie nicht hören. Die Handys der Vorbeigehenden nahmen die Töne über ihr Mikrofon hingegen wahr. Wer bestimmte Apps auf dem Smartphone geöffnet hatte, konnte aufgrund des Kontaktsignals weitere Informationen zu den entsprechenden Werbeplakaten erhalten. Hinter Beem, so der Projektname, steht die Swisscom.

Viel Kritik für den ersten Versuch

Der Versuch kam nicht überall gut an. Einige Kommentatoren sprachen von «Smartphone-Stalking». Andere sahen Beem als Technologie, um den öffentlichen Raum zu überwachen. Die Swisscom versuche an möglichst viele Daten der Nutzer zu gelangen. Wiederum andere bezeichneten die Töne als Zumutung, da viele Kinder und Hunde sowie einige Erwachsene diese hören können. Ein Leser berichtete dem TA, dass die Signale seinen Tinnitus verstärkten, weshalb er sich nur noch mit einem Gehörschutz durch den Hauptbahnhof bewege.

Die Swisscom bestritt diese Vorwürfe. Sie halte sich an alle Vorgaben in Sachen Datenschutz. Messungen widerlegten die Tinnitus-Bedenken. Die Töne würden den Grenzwert von 60 Dezibel bei weitem nicht erreichen. Sie seien nicht lauter als ein Gespräch. Trotzdem beschloss der staatsnahe Betrieb, das Konzept zu überdenken. Der vorgesehene Start von Beem Anfang Juni wurde verschoben.

Unter anderem warte die Swisscom die Resultate eine Studie des Bundesamts für Umwelt (Bafu) ab. Das Bundesamt bestätigt das. Man kläre zurzeit, ob bei der neuen Werbetechnik lästige oder schädliche Störungen auftreten können. Die Ergebnisse lägen gegen Ende dieses Jahres vor.

Neu muss man sich aktiv anmelden

Heute hat die Swisscom die neue Beem-Version vorgestellt. Die Grundidee ist gleich geblieben: Ein Sender in der realen Welt nimmt Kontakt auf mit Smartphones. Doch statt mittels Hochfrequenztönen soll dies über Bluetooth-Signale geschehen. «Momentan prüft das Bundesamt für Umwelt mögliche Beeinträchtigungen durch Hochfrequenztöne. Diese Resultate warten wir erst einmal ab», sagt Beem-Marketingleiter Christian Rufener. Die Ergebnisse sollen dieses Jahr vorliegen.

«Es ist nicht unser Geschäftsmodell, Daten zu sammeln und zu verkaufen.»Christian Rufener, Beem-Marketingleiter

Weil Bluetooth-Sender kleiner sind und weniger Platz für Batterien brauchen, sind die schwarzen Kästchen auf den Werbetafeln nicht mehr nötig. Die Bluetooth-Sender wird man auf den Plakatwänden nicht mehr sehen. Am Hauptbahnhof gibt es bereits viele von ihnen. Die SBB allein haben 840 Sender aufgestellt, um ihre App «Mein Bahnhof» zu lenken.

Um Beem-Signale auf einem Handy zu empfangen, braucht man wie bis anhin die Beem-Applikation oder andere Apps, in welche diese Funktion eingebaut ist. Ab Oktober wird dies bei den Apps von «20 Minuten» (das wie der TA zu Tamedia gehört) und Bluewin der Fall sein. 2020 kommt der «Blick» hinzu.

Wer Beem nutzen will, muss diese Funktion wie bisher von sich aus aktivieren. Sonst bleibt das Handy taub für die Signale. Nach der Einschaltung mache Beem durch einen «dezenten Hinweis» auf sich aufmerksam, sagt Christian Rufener. Anwender würden für die Swisscom anonym bleiben – ausser sie meldeten sich an, um etwa bei einem Wettbewerb mitzumachen. Auf Wunsch lösche Swisscom auch diese Angaben. «Es ist nicht unser Geschäftsmodell, Daten zu sammeln und zu verkaufen. Wir erstellen weder Bewegungsprofile noch hören wir Gespräche mit», sagt Rufener. Beem könne man auch jederzeit wieder abschalten.

Auch im Kino ohne hohe Töne

Die Beem-Technik lasse sich überall einsetzen, um per Handy mit Objekten zu interagieren, sagt Rufener. Als Anbieter infrage kämen Museen, Messen, Veranstaltungen oder Läden. Auch bei Kino- und Fernsehwerbungen soll Beem zur Anwendung kommen. Dies wird ebenfalls nicht – wie ursprünglich vorgesehen – über Hochfrequenzsignale geschehen, sondern mittels Audio Content Recognition. Dabei erkennt die Beem-App die entsprechende TV-Sendung oder Werbung anhand eines Tonmusters. Es handle sich wie bei Bluetooth um eine weltweit erprobte Technologie, sagt Rufener.

«Jede Umfrage zu Werbung zeigt, dass die Menschen weniger, nicht mehr Werbung wollen.»Christian Hänggi, IG Plakat Raum Gesellschaft

Christian Hänggi von der werbeskeptischen IG Plakat Raum Gesellschaft hat die Schall-Kästchen von Anfang an kritisiert. Er hält die Beem-Technologie trotz der Anpassungen für unerwünscht. «Die Reaktionen der Öffentlichkeit waren fast ausnahmslos kritisch bis feindlich. Und jede Umfrage zu Werbung zeigt, dass die Menschen weniger, nicht mehr Werbung wollen», sagt Hänggi. Er hoffe nun, dass sich die Werbetreibenden stärker an den Bedürfnissen der Bürgerinnen und Konsumenten orientieren.

Aufgrund einer Anfrage der Nationalrätin Samira Marti (SP) hat sich auch der Bundesrat zu Beem geäussert. In seiner Antwort betont er, dass alle Dateninhaber ihre unterschiedlichen Datensammlungen getrennt voneinander halten müssen. Zudem bewertete er die Hochfrequenztechnik als heikel: «Die Schwellen der Wahrnehmbarkeit und der erheblichen Störung liegen bei diesen Tönen eng beieinander.»

Erstellt: 19.08.2019, 11:11 Uhr

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