Die Schweiz, eine Gleichstellungswüste

Die Schweiz bewegt sich punkto Gleichstellung auf dem Level von Südafrika. Skandinavier raten ihren Töchtern von Schweizer Freunden ab. Die Autorin bezweifelt eine baldige Besserung.

In Sachen gemeinsame Kinderbetreuung besteht in der Schweiz noch viel Nachholbedarf. Foto: Alessandro Crinari (Ti-Press, Keystone)

In Sachen gemeinsame Kinderbetreuung besteht in der Schweiz noch viel Nachholbedarf. Foto: Alessandro Crinari (Ti-Press, Keystone)

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Idealerweise ist es ja so, dass man als Korrespondentin über Themen berichtet, die einen zwar interessieren, aber nicht direkt betreffen. Wie ein Sprecher aus dem Off, der heiter, distanziert und gut informiert kommentiert, was die Menschen in diesem fernen Land so machen. Angreifbar macht man sich eigentlich nur, wenn eine Zahl falsch recherchiert ist.

Mitten im Kulturkonflikt

In diesem Fall ist es etwas anders. Ich stehe nicht am Spielfeldrand, sondern mittendrin, und das Thema interessiert mich nicht nur, es macht mich ratlos. An einigen Abenden im Freundeskreis oder mit Kollegen habe ich einfach abgewinkt; lass uns jetzt nicht darüber reden, es war doch gerade eigentlich ganz nett. Wenn ich dann doch angefangen habe, zu diskutieren, kam es häufiger mal zu dem, was der amerikanische Soziologe Jonathan Turner als «cultural conflict» beschrieben hat.

Die Sache ist die: Ich verstehe nicht, wie eines der am weitesten entwickeltsten Länder der Welt in Sachen Gleichberechtigung immer noch auf Schwellenland-Niveau verharren kann. Ein zu hartes Urteil, finden Sie? Ich beginne mal mit der subjektiven Wahrheit: Dass eine Frau Vollzeit arbeitet, ist in der Schweiz derart ungewöhnlich, dass ich fast bei jedem Gespräch gefragt wurde, ob ich 100 Prozent arbeiten würde. Die Antwort hat mir anerkennende, aber auch irritierte Blicke eingebracht. Ich habe mal meinen Kollegen von der FAZ gefragt, wie häufig er auf sein Arbeitspensum angesprochen wurde. Die Antwort (noch nie) überrascht Sie jetzt vermutlich ebenso wenig wie mich.

Weiter im Text. Ja, als ich die Stelle in Zürich angetreten habe, war ich 27 Jahre alt, das ist eher jung. Ich habe seither allerdings auch einige männliche Kollegen in Korrespondentenjobs erlebt, die nicht älter waren als ich. Sie sind allerdings nie auf das ungläubige Erstaunen gestossen, das mir anfangs bei fast jedem Termin begegnete. «Darf ich fragen, wie Sie in diesem Alter in diese Position gekommen sind?» – Auf diese Frage antwortete ich etwa dreimal die Woche, erklärte brav, wo ich studiert habe, wie lange ich bei der «Süddeutschen Zeitung» ausgebildet worden bin, dass ich einen Schweizer Pass habe und mich für dieses Land interessiere. Manchmal reichte das. Gar nicht so selten blieb ich mit dem Gefühl zurück, dass mein Gegenüber trotzdem irgendwie fand, das gehe nicht, eine so junge Frau in einer einigermassen wichtigen Position. Meinen Kolleginnen in Paris, Hamburg oder Stockholm ging es da anders.

Vaterzeit? Wirtschaftsfeind!

Wenn ich aus der Schweiz erzählt habe, gab es zudem immer wieder diese Geschichten, die im Ausland schlicht unglaublich klingen. Etwa, als der Nationalrat 2017 eine Elternzeit für Väter als radikale, wirtschaftsfeindliche Massnahme abgelehnt hat. Es ging dabei um zwei Wochen. Bei der Geburt steht Schweizer Männern weiter genau ein Tag Urlaub zu. Die Anrufe aus München, ob ich da nicht Tage und Monate durcheinandergebracht hätte, haben mir das Gefühl gegeben, in einem Kulturkonflikt zu vermitteln. Nur dass ich dieses Mal wenig Verständnis für die Schweizer Seite aufbringen konnte. Ähnlich ging es mir, als ich zum Fall Von Jolanda Spiess-Hegglin und Markus Hürlimann recherchiert habe – und mich durch Tausende frauenfeindliche Schlagzeilen kämpfen musste.

Charlotte Theile lebte vier Jahre in Zürich. Foto: Urs Jaudas

Dass eine Frau, die den Verdacht äussert, mit K.-o.-Tropfen betäubt und vergewaltigt worden zu sein, mit Zeilen wie «Jolanda Heggli zeigt ihr Weggli» verspottet wurde, fand in der Schweiz kaum jemand besonders anstössig. Selbst die aufgeklärtesten Journalistenkollegen störten sich vor allem an Jolanda Spiess, die sie irgendwie anstrengend fanden. Dass das Sexismus sein könnte, wurde ihnen erst mit mehreren Jahren Verspätung klar. Heute wird Jolanda Spiess in Talkshows eingeladen und als Medien-Expertin zitiert. Dass sich ihre Geschichte wiederholen könnte, ist dagegen jeder Frau bewusst. Das Risiko, nicht ernst genommen zu werden, wenn man mit einem solchen Verdacht zur Polizei geht, ist so hoch, dass man es Opfern kaum empfehlen kann.

Dass Sportmoderatorin Steffi Buchli, die relativ bald nach der Geburt eines Kindes wieder (zu 80 Prozent) arbeiten ging, von Zuschauern beschimpft wurde, war dagegen kaum mehr als eine Randnotiz.

Südafrika in der Schweiz

Die Liste liesse sich fortsetzen. Im Glass Ceiling Index, den der britische «Economist» herausgibt, kommt die Schweiz fast an letzter Stelle, was den Umgang mit weiblichen Arbeitskräften angeht. In Ungarn, Portugal, Griechenland oder Neuseeland zu arbeiten, ist für Frauen angenehmer. Auch bei anderen Vergleichsstudien, etwa dem Global Gap Index vom Weltwirtschaftsforum, konkurriert die Schweiz mit Bolivien, Barbados und Südafrika um die mittleren Ränge. Ja, das ist tatsächlich so.

Als ich vor zehn Jahren in Bern studiert habe, waren meine Studienfreundinnen aus Finnland und Schweden zuvor von ihren Müttern eindringlich ermahnt worden, keinesfalls einen Schweizer Freund aus dem Auslandssemester mitzubringen. Andernfalls wäre es mit ihrem selbstbestimmten Leben vorbei, warnten die Mütter. Die Mädchen hielten sich daran. Genau wie einige deutsche Freundinnen von mir die Schweiz rechtzeitig vor der Familienplanung wieder verliessen – den «Luxus», die Kinderbetreuung gleichberechtigt mit ihrem Mann organisieren zu können, wollten sie sich nicht nehmen lassen. (In Deutschland, wo in Sachen Gleichberechtigung ebenfalls viel zu tun ist, ­stehen Eltern seit 2007 vierzehn Monate Elternzeit zu – allerdings nur, wenn Mutter und Vater je mindestens zwei Monate zu Hause verbringen.) Auch die Frage, ob ihre Tochter in der Schweiz aufwachsen solle, beantworten sie mit «lieber nicht».

Viel Glück, trotz Zweifel

Es gibt einige Schweizer Unternehmen, die diesen Standortnachteil erkannt und eigene Massnahmen ergriffen haben. Es gibt viele grossartige junge und ältere Schweizerinnen, die sich dafür einsetzen, dass die Schweiz für Frauen mehr als nur Teilzeitstellen und gut verdienende Ehemänner bereithält. Ihnen all drücke ich die Daumen. Dass sich in den nächsten zwanzig, dreissig Jahren wirklich etwas ändert, daran habe ich trotzdem Zweifel.

Erstellt: 22.02.2019, 23:20 Uhr

Der Blick von aussen

Nach vier Jahren als Schweiz-Korrespondentin der «Süddeutschen Zeitung» zieht Charlotte Theile weiter. Sie wird künftig für die «Zeit» in Leipzig arbeiten. Im «Tages-Anzeiger» berichtet sie in einer losen Serie über ihre Zeit in der Schweiz. Neun kleinere und grössere Texte, in denen die 31-Jährige einen persönlichen Blick auf unser Land wirft – und auf dessen Bewohner. (bra)

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