«Herr Hölzle, warum soll ich Ihnen meine Fotos anvertrauen?»

Er steht für Google, verhilft Zürich zum Mega-Standort und nimmt jetzt Stellung im grossen Interview: Urs Hölzle über den Ruf der Schweiz in den USA und Tech-Trends.

«Wir müssen für die Nutzer arbeiten»: Urs Hölzle bei der Eröffnung der neuen Büros in Zürich.<br />Foto: Raisa Durandi

«Wir müssen für die Nutzer arbeiten»: Urs Hölzle bei der Eröffnung der neuen Büros in Zürich.
Foto: Raisa Durandi

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Das Zürcher Opernhaus ist Urs Hölzles Bühne. In einem Besprechungszimmer mit Fototapete wartet der Architekt von Googles Datenzentren und der Sicherheitsarchitektur des weltweit grössten Internetkonzerns. Hölzle, der als achter Mitarbeiter zum US-Unternehmen kam, setzt schon zu Beginn des Gesprächs ein Zeichen und platziert sich nicht vor die Fotokulisse, sondern vor die gegenüberliegende Wand mit dem nüchternen, neutralen Hintergrund.

Einen Tag später wird Google einen weiteren Ausbauschritt in Zürich ankündigen. In der Limmatstadt sollen bis zu 5000 Arbeitsplätze entstehen. Hölzle spricht über die Anfänge, als der Konzern nur wenige Mitarbeiter hatte und die Server aus 30 PCs bestanden, die in Regalen vor sich hin brummten. Der Liestaler ist 1999 zum Unternehmen gestossen und heute neben den Gründern des Konzerns, Larry Page und Sergey Brin, der dienstälteste Googler, wie sich die Mitarbeiter des Unternehmens selbst nennen.


Zu Besuch in den neuen Zürcher Google-Büros.

In der Anfangsphase von Google haben Sie mit ein paar wenigen PCs in Regalen gearbeitet. Sie waren der Search Engine Mechanic – der Mechaniker fürs Grobe. Kamen Sie oft ins Schwitzen?
Schon etwas. Damals konnten wir unsere Titel selbst wählen, und das war meine Wahl, weil anfangs immer etwas kaputt war. Google ist ja als Studentenprojekt aus Stanford entstanden, und dann wurde daraus eine Firma. Die Infrastruktur war für das folgende Wachstum nicht ausgelegt, und die ersten beiden Jahre haben wir damit verbracht, diese schrittweise zu ersetzen, ohne dass diese ausgefallen ist. Der Jobtitel war auch etwas ironisch gemeint, aber tatsächlich war immer wieder physisch etwas zu flicken, wenn Kabel locker waren oder Strom ausfiel, wenn wir zu viel Strom gezogen haben.

Haben Sie in den ersten Jahren geahnt, was aus der Suchmaschine werden könnte?
Larry und Sergey haben sich das schon so vorgestellt, aber ich habe das nicht geahnt. Einerseits war man zu beschäftigt damit, das nächste Problem zu lösen, und zweitens hat es drei bis vier Jahre gedauert, bis wir sicher waren, dass das Businessmodell funktioniert. Wir haben zwar mit jeder zusätzlichen Suche immer etwas verdient, aber es hat nicht gereicht, um die Fixkosten zu decken. Wir lebten von der Hand in den Mund.

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Google ist für Zürich ...





Sind Sie eines Tages morgens aufgewacht und wussten, Google kennt nun bald jeder auf der Welt?
Das war im Sommer des Jahres 2000 der Fall, als wir eine Milliarde Dokumente in unserem Index hatten. Unsere Suche war zwar vorher schon gut, aber der Index war nicht umfassend genug, um auch relevante Dokumente in der Schweiz, in Deutschland oder in Frankreich, aber auch in Südamerika oder Japan zu erfassen. Das war eine erstaunliche Entwicklung, dass wir als amerikanisches Unternehmen in diesen Ländern eine Rolle spielten, obwohl wir damals kein Deutsch oder Japanisch oder Spanisch verstanden haben.

Ist Google als Suchmaschine damals auch in der Schweiz angekommen?
Ja, das habe ich gemerkt, weil ich Rückmeldungen von alten Kollegen aus der Schweiz erhalten habe, die über Google geredet haben und mir Artikel aus Zeitungen zugesandt haben. Das war für mich auch persönlich interessant, weil beim Abdeckungsgrad vieles an der Leistung der Systemtechnik hing, also meinem Arbeitsbereich.

Aufgewachsen sind Sie in Liestal. Wie eng ist Ihre Verbindung in die Schweiz?
Meine Mutter und meine Schwester leben noch in Liestal. Natürlich habe ich viele Kollegen, mit denen ich an der ETH studiert habe und die nun beispielsweise im Silicon Valley oder an anderen Orten wirken. Jedes Mal, wenn ich in der Schweiz bin, treffe ich auch Leute aus meinem langjährigen Freundeskreis. Ich halte zudem die Verbindung an die ETH, wo ich das Rüstzeug für meinen Einstieg in Stanford erhalten habe.

Sie haben den Aufstieg des Zürcher Google-Ablegers eng begleitet. Welches Gewicht hat die ETH für Google?
Die Schweiz als Technikland entwickelt sich weiter und hat ein recht gutes Ansehen in den USA. Die ETH war 2004 ein Grund für die Ansiedlung von Google in der Schweiz. Wenn man schaut, wo sich funktionierende Wirtschaftsstandorte entwickeln, dann ist das meist in der Nähe von guten Universitäten, die Start-ups und Spin-offs hervorbringen.

Wie wichtig ist der Standort Zürich?
Er ist wichtiger geworden, weil wir heute eine viel engere Beziehung zur Hochschule haben. Dies in Gestalt eines Forschungsabkommens, das es einfacher macht, gemeinsame Projekte aufzusetzen. Am Anfang, als wir nach Zürich kamen, war es mehr die Hoffnung, dass wir mit der ETH zusammen forschen werden. Von Anfang an war uns aber klar, dass die Mehrheit der Mitarbeiter nicht unbedingt aus dem Land stammt, in dem wir uns ansiedeln. Die Schweiz als Lebensmittelpunkt übt eine grosse Anziehungskraft aus.

«Für ein Land wie die Schweiz ist Innovation seit je das Erfolgsrezept.»

Sie sprachen sich vor mehreren Jahren für eine offene Politik in der Schweiz aus, die es ermöglichen solle, Hochqualifizierte aus dem Ausland ins Land zu holen.
Für ein Land wie die Schweiz ist Innovation seit je das Erfolgsrezept, und es ist von grosser Bedeutung, dass die besten Köpfe aus dem In- und Ausland dazu beitragen; das wird auch in Zukunft wichtig sein. Wir sind mit unseren inzwischen über 2000 Mitarbeitern aus der Schweiz und 74 anderen Nationalitäten dafür der beste Beweis.

Der Standort Zürich hat sich rasant entwickelt. Mit was für Ideen wachsen Sie vor Ort?
Wenn Sie 2000 Leute beschäftigen, dann bewegen Sie sich nicht nur in einem spezialisierten Bereich. Wir bearbeiten am Standort die Felder, die Google allgemein beschäftigen. Das reicht vom Kartendienst Google Maps über den Schutz von Urheberrechten auf Youtube, dem Google-Kalender und Gmail bis zur eigenen Forschungsabteilung im Bereich Machine-Learning, der künstlichen Intelligenz. Auch der Google-Assistent wird hier mitentwickelt. Das sind alles Dienste, die unser Wachstum antreiben.

Was sind die Trends bei Google?
Ein Trend ist der digitale Assistent, der nicht nur auf direkte Fragen reagiert, sondern auch auf indirekte, so wie es das Vorbild, der «Star Trek»-Computer, vorgemacht hat. Der zweite ist das Cloud-Computing, das die Informatik komplett umstellen wird und riesiges Wachstumspotenzial mit sich bringt. Dies bedeutet auch für die Schweiz eine grosse Chance.

Wie wird Cloud-Computing, also das Arbeiten in der Wolke statt mit stationären Daten oder Programmen, die Informatik verändern?
Auf der Ebene der Anwendungen wird es möglich, Programme zu betreiben, ohne dass man Unterhaltskosten hat. Für Unternehmen bedeutet es mehr Funktionen, beispielsweise eine vereinfachte Kollaboration. Gleichzeitig erhöht es die Sicherheit, weil Server in Datencentern zentralisiert und damit besser geschützt werden. Auch für die Softwareentwickler ist die Cloud sinnvoller, da Updates beispielsweise ohne Zusatzaufwand eingespielt werden können. Energetisch ist es obendrein ein Gewinn, weil nach konservativen Schätzungen zehnmal weniger Strom verbraucht wird, wenn man ein zentrales Datencenter betreibt, statt in jedem Unternehmen einen eigenen Server zu unterhalten. Das Thema ist relevant, weil IT rund zwei Prozent des weltweiten Stromverbrauchs ausmacht. Das entspricht in etwa dem Energieverbrauch des Luftverkehrs. Wären alle in der Cloud, könnte dieser Wert stark gesenkt werden.

«Die beste Infrastruktur ist diejenige, die Sie nicht bemerken.»

Hat das Thema auch wirtschaftliche Bedeutung für Google?
Für viele Firmen ist die Informationstechnologie ein Mühlstein, der ihnen am Hals hängt. Der Markt für IT ist riesig, viel grösser als der für Werbung, die heute die Haupteinnahmequelle von Google ist. Zwar sprechen heute viele Unternehmen von der Cloud, doch tatsächlich genutzt wird sie bislang nur zu einem geringen Prozentsatz. Das Wachstumspotenzial ist daher riesig.

Ist die Schweiz auf dem Stand der technischen Entwicklung?
Hierzulande sind die Unternehmen etwas hinter den Firmen in den USA zurück. Für Softwareunternehmen wäre das eine Chance, um von der Schweiz aus zu exportieren. Wir haben hierzulande bereits einige Firmen, die Dienste für Unternehmen anbieten. Anwendungen aus Europa für Konsumenten existieren dagegen kaum. Was gut funktioniert, ist bereits die Nutzung der Cloud durch Schweizer Firmen wie Roche beispielsweise oder durch grosse Verlage wie Ringier oder Tamedia.

Warum soll ich mich mit der Cloud beschäftigen?
Als Endnutzer müssen Sie das nicht. Die beste Infrastruktur ist diejenige, welche Sie nicht bemerken, weil es nie Probleme damit gibt. Denken Sie an ein Foto, das Sie machen und das über die Cloud gespeichert wird. Verlieren Sie wenig später Ihr Telefon, ist das Foto nicht verloren. Der Vorteil ist, dass Sie nicht an ein Gerät gebunden sind.

Wir kennen uns knapp 30 Minuten. Weshalb soll ich Ihnen meine Fotos und alle meine Daten anvertrauen?
Wenn Sie mir misstrauen, werden Sie einen anderen Betreiber brauchen. Ihre Inhalte sind bei uns überall verschlüsselt und werden auch so übermittelt. Das gilt auch für unseren E-Mail-Verkehr. Das stellt sicher, dass nur Sie sehen, was Sie übermitteln. Das Zweite ist der Schutz ihres Kontos beispielsweise durch die Authentifizierung in zwei Schritten. Die meisten unserer Produkte bieten überdies die Möglichkeit des Take-outs, also die Funktion, Ihre Daten aus unseren Servern herunterzuladen und zu entfernen. Wir müssen für die Nutzer arbeiten, Sie sind nicht auf uns angewiesen. Wenn wir nicht die Besten sind in Sachen Sicherheit, wird die Cloud kein Erfolg werden.

Erstellt: 17.01.2017, 23:10 Uhr

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