Die Sonne der Reichen

Was Zürcher Schattenfeinde von New York lernen können.

Zürcher müssen  nicht so stark um ihr Sonnenlicht fürchten wie New Yorker: Bauarbeiter im Schatten des Swissmill-Silos. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

Zürcher müssen nicht so stark um ihr Sonnenlicht fürchten wie New Yorker: Bauarbeiter im Schatten des Swissmill-Silos. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit Geld kann man alles kaufen – selbst Sonnenlicht. Südlich des New Yorker Central Park werden in den nächsten Jahren rund zehn extrem hohe Türme gebaut, der längste von ihnen erreicht 541 Meter. Die schmalen Wolkenkratzer überragen ihre Umgebung um fast das Doppelte. Ihre Schatten werden tief in den Park vordringen, viel tiefer als alle bisherigen Verdunkelungen.

Das stört viele New Yorker, besonders da die neuen Türme das Sonnenlicht «privatisierten». Sie richten sich allein an Superreiche. Pro Etage entsteht jeweils eine Wohnung, die bis zu 100 Millionen Dollar kostet. So kaufen Superreiche den Parkbesuchern die Sonne weg.

Mit Luft lässt sich viel Geld verdienen.

Eine Eigenart im Baugesetz macht solche Riesentürme möglich. Investoren können die «Luftrechte» von tief bebauten Nachbarsgrundstücken zusammenkaufen. Mit Luft lässt sich viel Geld verdienen, zumindest in New York.

Auch Zürich hat neu ein schmales Hochhaus, das sich einem öffentlichen Ort – dem Flussbad Unterer Letten – vor die Sonne stellt. Nur misst der Swissmill-Tower mindestens dreimal weniger. Und er beherbergt keine Reichen. Das Hochhaus ist ein Silo, aufgefüllt mit Korn. Fensterloser Beton blockiert die Strahlen der Abendsonne.

Verschwendung oder Bekenntnis?

Man kann dies als Verschwendung verurteilen. Oder als deutliches Bekenntnis zum Industriestandort loben: Dieser ist den Zürchern so viel wert, dass sie ihm zwei wertvolle urbane Güter opfern – Sonnenlicht und Fernsicht.

Allerdings müssen Zürcher nicht so stark um ihr Sonnenlicht fürchten wie New Yorker. Selbst wer in einer düsteren Parterrewohnung haust, erreicht rasch einen Ort, wo ihn die Sonne blendet – ungehindert durch Reiche oder Korn.

Die New Yorker Aktivisten betonen ausserdem, dass sie nur «Exzesse» ablehnten. Gegen die anderen hohen Häuser, die den Central Park umrunden und dessen Rand beschatten, hätten sie gar nichts: «Ohne sie wäre der Central Park nicht mehr als eine gewöhnliche Wiese.»

Das Gleiche gilt für den Unteren Letten: Ohne die Industrie am anderen Limmatufer wäre er nicht mehr als eine gewöhnliche Badi.

Erstellt: 22.07.2015, 22:37 Uhr

Artikel zum Thema

Ein Turm als Verspottung der überteuerten Hochhäuser

Analyse Der Swissmill-Silo empört die Anwohner. Man kann den Turm aber auch ganz anders sehen. Mehr...

Der Schatten ist angerichtet

Die erste Bauetappe des Swissmill Tower am Sihlquai ist abgeschlossen. Der Turm hat seine Höhe von 118 Metern erreicht – und stösst nun weitherum auf Kritik. Mehr...

Ein Loch im Swissmill-Turm

Ein geplanter Weg am Limmatufer entlang hätte den 118 Meter hohen Neubau instabil gemacht. Deshalb führt er nun durchs Gebäude hindurch. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...