«Die SP dominiert im Stadtrat und ist kaum selbstkritisch»

Roger Bartholdi will der SP-Dominanz Gegensteuer geben. Und natürlich sparen.

Der Stadtratskandidat (SVP) toleriert keine besetzten Häuser und erklärt beim Koch-Areal, was er dagegen tun will. Video: Lea Blum

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Der Stadt Zürich geht es prächtig. Weshalb braucht es dennoch mehr Bürgerliche im Stadtrat?
Wenn man bei Rekordsteuereinnahmen hohe Defizite plant und 5,5 Milliarden Schulden hat, geht es finanziell nicht prächtig. Zudem soll in der Stadt die Konkordanz gelten. Heute ist Rot-Grün übervertreten. Wir sind die zweitstärkste Partei und die grösste bürgerliche Fraktion im Gemeinderat und haben zwei Personen nominiert, die weit über die Parteigrenzen hinaus wählbar sind.

Was macht Rot-Grün falsch?
Vor allem die SP dominiert im Stadtrat und ist kaum selbstkritisch. Prozesse werden kaum hinterfragt, der Fokus liegt auf der Bewirtschaftung der eigenen Klientel.

Wollen Sie auch ausmisten? Und wo?
Bei rekordhohen Steuereinnahmen muss mindestens für 2019 ein ausgeglichenes Budget möglich sein. Der Mischverkehr Fussverkehr/Velos muss beendet oder zumindest reduziert werden. Tempo 30 auf Hauptstrassen führt den Verkehr nur wieder in die Quartiere zurück. Und dies sind nur einige Beispiele.

Sparen ist bei der SVP immer ein grosses Thema. Wo konkret würden Sie sparen?
Die SVP versucht jeweils die überproportional steigenden Ausgaben etwas zu mässigen, dies wäre bereits ein Erfolg. Meine Motion für sieben statt neun Departemente, die demnächst als Volksinitiative vor das Volk kommt, würde sehr viel bringen. Bei vielen Geschäften sind heute zwei, drei oder gar mehr Departemente involviert, das führt zu unnötigem Mehraufwand und macht die Abläufe sehr träge und teuer.

«Es braucht viel, bis ich mich nerve. Wenn ich mich ärgere, dann öfters über Personen, die rücksichtslos Velo fahren.»

Sie betonen, als Velofahrer in der Stadt unterwegs zu sein. Wie steht es aus Ihrer Sicht um die viel kritisierte Veloinfrastruktur?
Die hat sich unter Rot-Grün zum Teil verschlechtert. Die Umsetzung meines Vorstosses aus dem Jahr 2003 ist immer noch pendent. Er fordert, dass es auf Trottoirs keine neuen Velowege mehr geben darf. Die SP-Fraktion unterstützt mein Anliegen. Sie hat neulich einen gleichen Vorstoss eingereicht – und niemand stellte einen Ablehnungsantrag. Offensichtlich sind sämtliche Gemeinderäte anderer Meinung als der Stadtrat und fordern endlich eine Kehrtwende.

Nerven Sie sich nie über Autofahrer?
Es braucht viel, bis ich mich nerve. Wenn ich mich ärgere, dann öfters über Personen, die rücksichtslos Velo fahren. Mitschuld daran trägt die chaotische Veloverkehrspolitik der letzten 10, 20 Jahre. Wenn ich in Bern oder Luzern bin, sind die Velofahrenden viel disziplinierter, das sollte auch in Zürich möglich sein.

Wie soll die Stadt mit dem ­Bevölkerungswachstum und der hohen Verkehrsdichte umgehen?
Ohne Steuerung der Zuwanderung werden immer mehr Personen nach Zürich kommen. Das heisst: Wir benötigen mehr Wohnraum, Arbeitsplätze, Schulhäuser, leistungsfähigere Mobilität. Anstatt die Mobilität einzuschränken, muss sie gefördert werden. Wirtschaft und Gewerbe müssen entlastet werden, damit sie neue Arbeitsplätze schaffen können. Auch das Bauen von Wohnungen und Alterswohnungen muss vereinfacht werden, es braucht mehr kleinere und günstigere Wohnungen.

Was ist das grösste Missverständnis in Bezug auf Ihre Partei, die SVP?
Dass bei uns einzelne Personen das ­Sagen haben. Fakt ist: Die SVP wird von der Basis geführt, Parteiprogramm und Parolen werden an den Delegiertenversammlungen entschieden. Und wir diskutieren dies kontradiktorisch.

Und in Bezug auf Ihre Person?
Ich sei politisch zu wenig aufgefallen. Dabei wurde ich mit über 90 Prozent der Stimmen zum Gemeinderatspräsidenten gewählt. Und was die Anzahl der eingereichten Vorstösse betrifft, stehe ich fast an der Spitze des Parlaments.

Neben einem Sinn für die Realität braucht ein Stadtrat Visionen. Was wollen Sie in Zürich bewirken?
Ich möchte Zürich wieder vorwärts­bringen. Als Ratspräsident habe ich zum Beispiel den Budgetablauf auf den Kopf gestellt und dafür viel Lob erhalten. Die Stadtregierung muss wieder für alle da sein, die ideologisch geführte Politik gehört beendet.

In Bezug auf die Departemente sagen Sie, als Neuer müsste man nehmen, was übrig bleibt. Was, wenn Sie freie Wahl hätten?
Als Bankangestellter und Arbeitnehmervertreter beziehungsweise Gewerkschafter würde ich mich im Finanzdepartment sehr wohl fühlen, als Sportler im Schul- und Sportdepartement, als Mitglied der Regionalen Verkehrskonferenz bei den Industriellen Betrieben, als Fachbereichsleiter Arbeitssicherheit und Gesund­heitsschutz (Care) sowie ehemaliger ­Präsident der Spezialkommission GUD beim Gesundheit- und Umweltdepartment (GUD).


Ein recht netter Rechter Zum Porträt über Roger Bartholdi


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2018, 10:52 Uhr

Steckbrief

Roger Bartholdi (SVP)

Geboren 23. Februar 1969 in Zürich

Ausbildung Lehre in Zürich-Altstetten, ­Aus- und Weiter­bildung (u. a. Informatik mit Diplomabschluss), Ausbildungslehrgang zum System Controller in UBS/SBG, stetige Aus- und Weiterbildung.

Berufliche Stationen Seit 1989 bei der UBS, 16 Jahre im Präsidium der Arbeitnehmervertretung, Stiftungsrat der Pensionskasse, Leitung Fachbereich Care (Gesundheitsschutz und Arbeitssicherheit).

Politische Stationen Seit 2002 Gemeinderat, davon 8 Jahre GPK, Präsident 2016/17; Kantonsrat 2013/14.

Familie Seit dem 6. 6. 2006 verheiratet mit Susanne.

Haustier Zwei Landseer-Rüden: Duran von Wolfsstern und Quirin an der Luther.

Auto Jeden Tag mit dem Velo unterwegs, Auto für den Transport der Hunde oder in den Ferien.

Vereinsmitgliedschaften U. a. SBPV, ZBPV, TCS, ACS, KV, Gesellschaft Schweiz-Israel, Verein Sogar-Theater, MV Zürich.

Mandate U. a. Regionale Verkehrskonferenz, Schweizerischer Bankpersonalverband (Vizepräsident), Zürcher Bankpersonalverband (Präsident), Gewerkschaftsbund (Delegierter und Revisor).


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