Die Stadt als Kulisse

Die Städte veröden nicht – trotz Onlineshopping. Es braucht sie als Orte der Selbstdarstellung.

Die perfekte Selfie-Kulisse: Ein Quartierladen im Zürcher Niederdorf. Foto: Urs Jaudas

Die perfekte Selfie-Kulisse: Ein Quartierladen im Zürcher Niederdorf. Foto: Urs Jaudas

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Die Digitalisierung enthält eine radikale Verheissung: die Befreiung vom Ort. Wenn sich das Leben in virtuelle Wirklichkeiten verschiebt, ist es egal, wo wir uns aufhalten.

Wer wirklich online lebt, braucht weder Treffpunkte, Läden noch Kinos. Das alles liefern künstliche Welten in höherer Qualität. Das «Real Life» muss nur die Grundversorgung bereit­­­stellen – Nahrung, Spitäler, Internetverbindung. Die Folge davon: Städte und Dörfer veröden.

So jedenfalls grauste es den 90er-Jahren vor der digitalen Zukunft. Doch seither ist so ziemlich das Gegenteil geschehen. Die Stadt als gelebter Raum hat an Bedeutung gewonnen. Die Menschen strömen in die Metropolen zurück. Selten war Zürich so begehrt wie heute, zentrales Wohnen schafft soziales Ansehen; man speist, konsumiert Kultur und geht aus, als gäbe es kein Internet; wenn an der Bahnhofstrasse die Weihnachtsbeleuchtung angeknipst wird, besammeln sich fast so viele Leute wie an der Street Parade; in den angesagten Quartieren eröffnen ständig neue Läden, welche die Kernigkeit lokal verankerter Handwerkskunst zelebrieren. Verödung sieht anders aus.

Stadthimmel voller Drohnen

Dennoch lag die Warnung von den entkörperten Städten nicht ganz daneben. Der Detailhandel klagt, dass die Digitalisierung sein Fundament wegspüle. In der Zürcher City schliesst ein Traditionsgeschäft nach dem anderen. Als einen Grund nennen sie alle das Internet.

In den USA sind dieses Jahr traditionsreiche Detailhandelsketten bankrott gegangen, Kleiderfirmen schliessen ihre Flagship-Stores an Prestigelagen wie der New Yorker Fifth Avenue. Zwischen 2010 und 2016 hat Amazon seine nordamerikanischen Umsätze auf 80 Milliarden Dollar im Jahr verfünffacht. Dieses Geld fehlt anderswo, die Gewinne verschieben sich von kleinen Läden zu Grosskonzernen.Die Lage ist vertrackt. Auch die Politik weiss nicht recht weiter. Die Zürcher Stadtentwicklung hat gerade fünf Szenarien ausgearbeitet, was die Digitalisierung mit Zürich anrichten könnte. In der Version «Back to the Roots» kehrt die Stadt zurück zur Selbstversorgung, besinnt sich auf das verwurzelte, einfache Leben. Im zweiten Extremszenario «Brutal Digital» verwandelt sich die Stadt zu einer Logistikmaschine, die sich allein danach richtet, die Wünsche der Onlinekonsumenten zu bedienen. Laut den Experten wird keine der zwei Extremversionen eintreten, vielmehr eine Mischform daraus.

Subventionierte Nostalgie

Wie Zürich am Ende der Digitalisierung aussehen wird, bleibt dunkel. Niemand weiss, was Ingenieure noch alles entwickeln und wie die Konsumenten damit umgehen. Manche Urbanisten warnen vor ständig verstopften Strassen, weil die Zulieferung der online bestellten Waren zu viele Fahrten nötig macht. Andere sagen die Rückkehr mobiler Läden voraus, die automatisierte Form der Migros-Verkaufswagen. Wieder andere sehen den Stadthimmel voller Drohnen.

Eine andere Prognose lautet, dass Städte noch stärker als Hintergrund für digitale Inszenierungen dienen werden. Urbanität schaffe authentische Orte, welche die virtuelle Selbstdarstellung veredeln. Schon heute passt sich die Wirtschaft diesem Bedürfnis an. In New York schaffen Unternehmen «branded environments», offene Räume, wo man Kaffee trinken kann, arbeiten, Kunst ansehen – und ein Selfie davon teilen. Irgendwo stehen auch ein paar Produkte. Gekauft wird aber vor allem im Internet.Zu einem ähnlichen Resultat führt eine andere Entwicklung. Wegen der Beliebtheit der Städte können viele Läden, die zu dieser Beliebtheit beitragen, ihre Mieten nicht mehr bezahlen. Daher haben Eigentümer angefangen, ihre Erdgeschossnutzungen unter Marktwert zu vermieten. Sonst drohte die Umgebung an Wert einzubüssen. Solche Läden spielen ein vergangenes Stadtleben nach, das so nicht mehr funktioniert. Subventionierte Nostalgie.

Dadurch gleichen sich die Erdgeschosse der Städte Kulissen an. Sie simulieren wirtschaftlichen Austausch, der anderswo stattfindet. Das passt zum verbreiteten Verhalten, sich über das Verschwinden eines Schuhladens an der Langstrasse aufzuregen – und ein paar Stunden später online diesen tollen Pullover zu bestellen.

Erstellt: 05.12.2017, 20:00 Uhr

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