Die Stadt sagt der Öko-Ödnis den Kampf an

In Zürich soll es nicht nur auf den Strassen brummen. Deshalb wandelt die Stadt Freiflächen in biodiverse Ökosysteme um. Im Seefeld beschreitet sie dazu neue Wege.

Biodiversität statt Einheitsrasen: Im Seefeld pflanzt ein GSZ-Mitarbeiter Wildstauden ein.

Biodiversität statt Einheitsrasen: Im Seefeld pflanzt ein GSZ-Mitarbeiter Wildstauden ein. Bild: Urs Jaudas / TA

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Es war nichts als Gras, das bisher auf einem Erdfleck eingeklemmt zwischen Dufour- und Bellerivestrasse im Zürcher Seefeld vor sich hin spross. Nun sind Mitarbeiter von Grün Stadt Zürich (GSZ) daran, aus der unscheinbaren Freifläche ein Paradies für Insekten zu machen.

Auf dem ehemaligen Rasenstück – aufgrund der Nähe zu einer Garage sinnigerweise Porschewiese genannt – werden über 40 verschiedene Pflanzenarten gesetzt. «Wir mischen auf diesem nährstoffreichen Boden einheimische Wildstauden mit Zierstauden, wie man sie aus Gartenzentren kennt», sagt GSZ-Sprecher Lukas Handschin.

Erstes Experiment mit Bewässerung

Weil diese Stauden im Sommer schneller Durst haben, verlegt GSZ an diesem Ort ausnahmsweise ein Bewässerungssystem. Die Sprinkler werden gemäss Handschin bei Bedarf manuell mit einer Zeitschaltuhr in Betrieb gesetzt. «Es vereinfacht die Pflege der Rabatte. Während die Bewässerung läuft, können andere gärtnerische Arbeiten erledigt werden.»

Helfer unter der Erde: Ein Sprinkler der neuen Bewässerungsanlage (Bild: Urs Jaudas/TA)

Windröschen, Thymian, Ehrenpreis, Echinacea, Fingerhut, Glockenblumen, Anemonen – von Frühling bis Herbst soll die Blütenpracht «das Eingangstor ins Seefeld auch für das menschliche Auge ansprechend machen», wie es der GSZ-Sprecher formuliert. Die Bodendecker und Stauden mit unterschiedlicher Wuchshöhe werden in Gruppen angelegt, ein chaussierter Fussweg ermöglicht die Querung der Freifläche, dazu stellt Grün Stadt Zürich einen Holzblock als Sitzbank und Findlinge in verschiedenen Grössen auf den Platz.

Die Kosten für die Umgestaltung des Platzes belaufen sich auf total 25'000 Franken. Davon entfallen gut 10'000 Franken auf die Anschaffung der Pflanzen, die Bewässerungsanlage kostet 4000 Franken, der Rest verteilt sich laut Handschin auf Arbeits- und Maschinenstunden sowie einige Kubikmeter Kies. Auch künftig werde man sich je nach Standortbedingungen jeweils überlegen müssen, ob bei häufigeren Wetterextremen eine fest installierte Bewässerungsanlage Sinn mache, sagt Handschin.

20'000 Quadratmeter umgewandelt

Die Porschewiese ist nicht die einzige Freifläche auf öffentlichem Grund, die von einer reinen Rasenfläche mit Schmuckbeet in ein insektenfreundliches Ökosystem umgewandelt wird. Im Rahmen des Projekts «Mehr als Grün», das aufgrund einer parlamentarischen Weisung des Zürcher Gemeinderats 2016 lanciert wurde, sind bereits 20’000 Quadratmeter Stadtfläche ökologisch aufgewertet worden – und dies sowohl auf öffentlichem wie privatem Grund.

Artenvielfalt auf kleiner Fläche: So wie hier im Seefeld sollen überall in der Stadt neue Ökosysteme entstehen (Bild: Urs Jaudas/TA)

Das Projekt hat zum Ziel, trotz reger Bautätigkeit und Verdichtung den Anteil ökologisch wertvoller Flächen im Siedlungsgebiet auf dem derzeitigen Niveau von rund zehn Prozent zu halten. Dabei sucht die Stadt auch die Zusammenarbeit mit Privaten: Wer den eigenen Grund und Boden ökologisch aufwertet, erhält von der Stadt einen einmaligen Beitrag von 10 Franken pro Quadratmeter – bis maximal 5000 Franken pro Objekt. Auf Wunsch begleiten Fachpersonen beratend die Umgestaltungen der Freiflächen.

Umschulung für städtische Mitarbeiter

Was für private Grundeigentümerinnen und Grundeigentümer auf Freiwilligkeit basiert, ist auf öffentlichem Grund Pflicht. Auch die Freiflächen städtischer Liegenschaften werden konsequent umgestaltet. In der Verwaltungsverordnung der Stadt Zürich ist seit dem 1. Mai 2017 festgeschrieben, dass städtische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die grössere Grün- und Freiflächen verwalten, eine Ausbildung über Ziele und Massnahmen zur naturnahen Pflege und Bewirtschaftung von Grünflächen absolvieren müssen.

Die Ausarbeitung biodiverser Pflanzkonzepte für Freiflächen stärke auch das Fachwissen der GSZ-Mitarbeitenden, sagt Handschin. «Die Pflege einer Rabatte mit so zahlreichen Arten erfordert eine hohe Kompetenz. Das ist eine schöne Arbeit für unsere Gärtnerinnen und Gärtner.» Im kommenden Frühling wird sich im Seefeld zeigen, ob dieses neu erworbene Wissen Früchte respektive Blüten trägt.

Erstellt: 04.11.2019, 12:02 Uhr

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