Die Stadt und ihre 8800-Franken-Wohnungen

Die Stadt Zürich vermietet nicht nur günstigen Wohnraum, sondern auch Luxusobjekte. Nun sind gleich zwei im selben Haus frei.

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Ein solches Inserat für freie Stadtwohnungen ist selten zu finden. Kürzlich waren im «Tagblatt» nicht nur eine 3-Zimmer-Wohnung in Wipkingen für 1024 Franken und 5 Zimmer in Höngg für 1715 Franken ausgeschrieben. Sondern auch zwei 6-Zimmer-Wohnungen im Kreis 1 – für je 8766 Franken.

Die Luxusobjekte befinden sich an der Flössergasse, unweit der Börse. Sie sind rund 260 Quadratmeter gross, mit Cheminée, Zugang zur Dachzinne, Veranda und einer grosszügigen Mansarde. Sie sind Ende der Nullerjahre entstanden, als die Stadt das ehemalige Amtshaus für 6,2 Millionen Franken in eine Luxusliegenschaft mit drei Wohnungen umbaute.

Seit Monaten frei

Nun sind gleich zwei davon frei. «Beide Wohnungen wurden fast zeitgleich gekündigt», sagt Arno Roggo, Direktor der Stadtzürcher Liegenschaftenverwaltung, auf Anfrage. Das sei Zufall. «Einer der Mieter hat ein Eigenheim erworben, und der andere ist mit seiner Lebenspartnerin zusammengezogen.» Nun sucht die Stadt seit Anfang Juli beziehungsweise August Nachmieter. Seit 2008 gab es diese Situation nicht: Die Wohnungen waren laut Roggo ununterbrochen vermietet.

Das Geschäft mit Luxusobjekten floriert nicht mehr so wie vor einigen Jahren. Wer sich hohe Preise leisten kann, zieht eher einen Wohnungskauf als eine Miete in Betracht. Bei den anhaltenden tiefen Hypothekarzinsen sieht diese Rechnung in der Regel günstiger aus. Das spiegelt sich auch auf der Immobilienplattform Homegate.ch wieder. Unter den aktuell freien Stadtwohnungen im Kreis 1 kostet jede vierte mehr als 6000 Franken pro Monat. Insgesamt sind 36 Studios und Wohnungen zu mieten.

«Es sind Ausnahmefälle»

Teure Stadtwohnungen vermietet Zürich sehr wenige. Von 9000 Wohnungen im Besitz der Stadt sind es deren fünf, die über 5000 Franken monatlich kosten. Ausser den beiden freien an der Flössergasse sind alle vermietet. Auf die Frage, welche Strategie die Stadt Zürich mit der Präsenz im Umfeld der Luxusimmobilien verfolgt, sagt Roggo: «Das Ziel der Stadt ist und bleibt die Wohnraumversorgung auf der Basis der Kostenmiete für eine breite Bevölkerungsschicht.»

Die fünf exklusiven Wohnungen seien «Ausnahmefälle, in denen es sich um eine denkmalpflegerisch wertvolle Bausubstanz im Verbund mit grösseren Wohnflächen handelt. Deshalb könne die Miete das Luxussegment erreichen. «Solche Einzelfälle werden aber auch künftig die Ausnahme bilden», sagt Roggo.

Kein direkter Gewinn

Mieterträge von Zehntausenden Franken aus nur fünf Wohnungen, das scheint ein einträgliches Geschäft zugunsten der Stadt zu sein. Roggo winkt ab: «Der Mietertrag aus den Wohnliegenschaften fliesst nicht in die Stadtkasse, sondern verbleibt bei den einzelnen Objekten.» Mit den Einnahmen würden nicht nur der laufende Unterhalt und die Verzinsung des Anlagewertes, sondern auch künftige Erneuerungen gedeckt.

Der Wert der Luxusliegenschaften im Besitz der Stadt wird so also erhalten oder gar gesteigert, ohne Mehrkosten für die Steuerzahler. Es stellt sich aber die Frage, ob es die Aufgabe der öffentlichen Hand ist, in einem Bereich tätig zu sein, der ein hohes finanzielles Risiko birgt. Zumal das Geschäft mit teuren Mietwohnungen rückläufig ist. Zur Strategie mit den Luxusliegenschaften sagt Roggo: «Die Stadt verfolgt kein Anlageziel in diesem Segment.» Bei den wenigen Objekten handele es sich um Altbestand, der sich als denkmalpflegerisch wertvoll erwiesen habe.

Baurecht bevorzugt

Dieses Vorgehen bindet Millionen Franken in Objekten, die nur wenige Mieter nutzen. Könnte mit dem Erlös aus dem Verkauf nicht deutlich mehr günstiger Wohnraum geschaffen werden, der dem Zweck der Kostenmiete für die breite Bevölkerung entspricht? Roggo räumt ein: «Sollte sich eine Mietliegenschaft in diesem teuren Segment über eine gewisse Zeit als nicht mehr kostendeckend erweisen, stellt sich tatsächlich die Frage der Veräusserung.»

Allerdings gibt es einen grossen Haken: Ein Verkaufsgewinn lasse sich aus haushaltrechtlichen Gründen nicht direkt in eine Neuanschaffung investieren. «Er fliesst den allgemeinen Mitteln zu», sagt Roggo. Zudem gibt er zu bedenken, dass der Gemeinderat anstelle eines Verkaufs wohl die Abgabe im Baurecht favorisieren würde. «Dies geht mit einem kleineren Gewinn einher, weil das Land während der Baurechtsdauer im Eigentum der Stadt bleibt.»

Erstellt: 22.09.2015, 11:52 Uhr

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