«Die Stadt zerstört ein Naturparadies»

Der ehemalige FDP-Kantonsrat Rolf Walther wehrt sich gegen ein in Altstetten geplantes Areal für Hobbygärtner, die dem neuen Eishockeystadion weichen müssen. Das Dunkelhölzli gehöre geschützt.

«Ersatzgärten auf der trockeneren Ostseite genügen»: Rolf Walther hat eigene Pläne für das neue Dunkelhölzli. Foto: Raisa Durandi

«Ersatzgärten auf der trockeneren Ostseite genügen»: Rolf Walther hat eigene Pläne für das neue Dunkelhölzli. Foto: Raisa Durandi

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In Altstetten möchte die Stadt auf einer Fläche von 40'000 Quadratmetern ein neues Gartenareal errichten. Die Fläche im Dunkelhölzli-Gebiet soll sechs offene Gartenfelder von 3,8 Hektaren umfassen. Dazu kommt eine Bachneugestaltung, ein neues Gemeinschaftsgebäude sowie offene, parkartige Wiesenflächen. Diese Umgestaltung und Sanierung des Gebiets lässt sich der Stadtrat 12,8 Millionen Franken kosten.

Ab 2019/20 sollen dort diverse Nutzungsformen (Gemeinschaftsgärten, klassische Familiengärten, Gemüsefelder) möglich sein. In erster Linie ist es allerdings eine Ersatzfläche für die 120 Schrebergärtner, die im Areal Vulkan ihre Gärten aufgeben müssen, weil dort das neue Eishockeystadion der ZSC Lions gebaut wird. Das Projekt bietet die Gelegenheit, diesen Flächenschwund teilweise zu kompensieren.

«Überflüssige Massnahmen»

Gegen dieses neue Gartenareal formiert sich Widerstand. An vorderster Front kämpft der ehemalige FDP-Kantonsrat Rolf Walther für die Erhaltung der Landschaft. Der Stadtrat habe den Auftrag erhalten, Ersatz für die wegen des neuen ZSC-Stadions wegfallenden Familiengärten zu schaffen. «Dafür ist ursprünglich ein kleines Teilgebiet im Dunkelhölzli vorgesehen gewesen», sagt Walther, «nun will der Stadtrat aber gleich das gesamte Areal neu gestalten mit Gemeinschaftsgebäude, Hochwasserschutz und einer deshalb notwendigen Geländeaustrocknung.»

Infografik: Das neue Dunkelhölzli Grafik vergrössern

Seiner Meinung nach sind solche Massnahmen überflüssig. Mehrfach hat sich Walther in den letzten 40 Jahren für diese nicht gestaltete Grünzone eingesetzt und darauf hingewiesen, wie wichtig dieser Raum ist. «Die Stadt ist mit diesem neuen Projekt drauf und dran, eines ihrer letzten Naturparadiese zu zerstören.» Walther verweist auf die Baggersondierungen, die die Abteilung Archäologie des Amts für Städtebau seit Ende 2015 durchgeführt hat. Dabei seien römische Funde zum Vorschein gekommen und Objekte aus der Zeit der Schlachten um Zürich im Jahr 1799. Aber auch der überraschende Nachweis eines verlandeten Sees, der nach dem Rückzug der Gletscher der letzten Eiszeit entstand. «Ein Areal mit einer solchen Bedeutung gehört nicht neu gestaltet, sondern geschützt», sagt er.

Walthers Alternative

Walther macht auch einen Vorschlag, wie man das Gebiet zum grössten Teil unberührt lassen und den Gärtnern dennoch eine Ersatzfläche anbieten könnte. «Man könnte die Ersatzgärten auf der trockeneren Ostseite des Areals realisieren. Der Platz dort würde genügen, und der Rest der Landschaft könnte bestehen bleiben.» Damit würde nicht zuletzt Geld gespart. «Bei den 12,8 Millionen Franken bleibt es nicht. Ein Gebiet dieser Grösse zieht beträchtliche Unterhaltskosten nach sich», sagt Walther.

Für die Naturschutzorganisation Pro ­Natura verbessert das städtische Projekt mit der Bachöffnung zwar die ökologische Situation. «Landschaftlich geht es allerdings nicht darauf ein, das aktuell gewisse Weitblicke möglich sind, was angesichts der stark gestalteten Umgebung von vielen geschätzt wird. Diesbezüglich halten wir das Projekt, falls es realisiert wird, für verbesserungswürdig», sagt Andreas Hasler, Geschäftsleiter Pro Natura Zürich.

Erholungsräume unter Druck

Die Stadt sieht dies anders. Laut Lukas Handschin von Grün Stadt Zürich wird im Dunkelhölzli keinesfalls ein Naturparadies zerstört. «Tatsache ist, dass die Naherholungsräume der Stadt wegen des städtischen Wachstums unter Druck geraten.» Darum sollen in Altstetten die Gartenflächen in die Landschaft eingebunden werden und der Bevölkerung als Grünzone zugänglich sein. Dies gelinge nur, wenn die Gärten auch von grosszügigen und öffentlichen Fusswegen umgeben seien. Der Hochwasserschutz wiederum müsse für die angrenzende Wohnsiedlung gelöst werden. Anstatt die unterirdischen Kanäle auszubauen, soll das Wasser sicht- und erlebbar durchs Areal geführt werden. Offen ist laut Handschin noch die Aufteilung zwischen Klein- und Gemeinschaftsgärten. «Um diese Frage zu klären, werden wir die künftigen Nutzer miteinbeziehen.»

Ein grosser Kritikpunkt sind für Rolf Walther die grossflächigen Bodeneingriffe. «Diese sind völlig unnötig und kosten nur Geld. Das Gebiet braucht keine aufwendige Renaturierung. Solche natürlichen Freiräume sollten nicht ohne Zwang verändert werden.» Ein grosses Fragezeichen setzt er beim zu erwartenden Verkehrsaufkommen. In der Nähe des Areals befinden sich bereits heute, zusätzlich zum Erholungsraum, ein Restaurant, ein Gemeinschaftszentrum sowie ein Friedhof, die alle über kein grosses Parkplatzangebot verfügen. «Da droht ein Verkehrschaos.»

Der Stadtrat will für die Pflichtparkplätze zwei Anlagen bauen. «In einem ersten Schritt sind 60 bis 70 Prozent solcher Pflichtparkplätze geplant, das sind 14 bis 16 Parkplätze», sagt Lukas Handschin. Mit der Inbetriebnahme weiterer Flächen werde die Parkplatzzahl entsprechend erhöht. Dazu komme für jedes Gartenfeld ein Kurzzeitparkplatz für den Warenumschlag. Handschin: «Dazu wird es voraussichtlich über 50 Veloabstellplätze geben, verteilt auf die Gartenfelder.» Zudem garantieren zwei nahe gelegenen Bushaltestellen eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr.

Nie realisierte Projekte

Wie geht es weiter? Derzeit behandelt die gemeinderätliche Kommission das Projekt. «Ich hoffe, sie kommt zum Schluss, diese einmalige Naherholungslandschaft möglichst so zu lassen, wie sie sich jetzt präsentiert», sagt Walther. Er erinnert daran, dass im Dunkelhölzli schon eine ganze Reihe städtischer Projekten am Widerstand der Bevölkerung gescheitert sind: Tennis- und Fussballplätze sowie ein Verkehrsgarten waren in vergangenen Jahrzehnten dort geplant, wurden alle aber nie realisiert.

Erstellt: 22.02.2017, 23:12 Uhr

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