Die Stadt Zürich wird die Emus nicht mehr los

Die Bewältigung des ERZ-Skandals zieht sich hin. Zumindest was die seltsamsten Auswüchse angeht: das Emugehege und das Oldtimermuseum.

Wohin mit den Emus? Noch befinden sie sich an ihrem alten Standort. Foto: Raisa Durandi

Wohin mit den Emus? Noch befinden sie sich an ihrem alten Standort. Foto: Raisa Durandi

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Alle Vögel sind noch da, so lautet der Stand der Aufräumarbeiten im Zürcher ERZ-Skandal. Und das ist wörtlich gemeint. Vier Monate nach der umfassenden Enthüllung der Missstände ist noch immer kein Abnehmer für jene fünf Emus gefunden, die wie eine bizarre Pointe für den Wildwuchs im städtischen Entsorgungswesen stehen. Die australischen Laufvögel weiden weiterhin auf dem Areal eines stillgelegten Klärwerks, wo sie der inzwischen abgesetzte ERZ-Direktor Urs Pauli ansiedeln liess, nachdem er sie vom Zoo Zürich übernommen hatte.

Laut Pio Sulzer vom städtischen Tiefbau- und Entsorgungsdepartement gab es zwar diverse Interessenten für die Vögel, aber bislang hätten sich alle wieder zurückgezogen. Grund sind die Anforderungen, die an künftige Halter gestellt werden. Das beginnt damit, dass es eine Bewilligung fürs Halten von Wildtieren braucht. Die Vögel seien gross und stark, sagt Sulzer, und könnten gefährlich werden, wenn sie sich bedroht fühlten.

Hinzu kommt, dass man die ganze Fünfergruppe übernehmen sollte oder mindestens ein Paar. Voraussetzung ist deshalb ein grosses Gehege inklusive Schattenplätzen und Winterquartier. Dann kostet allein schon das Futter pro Vogel 100 Franken im Monat. Und schliesslich muss sich ein Halter laut Sulzer auf ein «sehr langes Engagement» einstellen, weil Emus in Gefangenschaft bis zu 40 Jahre alt werden – und die jüngsten ERZ-Tiere erst etwa 5-jährig sind.

Kein Platz im Zoo

Aussichtslos ist auch der Versuch, die Vögel dorthin zurückzubringen, wo sie hergekommen sind: Der Zoo Zürich hält in seiner Australien-Anlage gegenwärtig drei Emus. Für mehr ist kein Platz. Der Zoo versucht aber dem Vernehmen nach bei der Vermittlung zu helfen.

Sollte sich auf Dauer keine Lösung finden, könnte der Zoo auch Hand bieten für jene letzte Option, zu der es dort immer dann kommt, wenn sich für überschüssigen Nachwuchs keine Abnehmer finden lassen: Die Tiere werden getötet und kommen teilweise auf den Speiseplan der Raubtiere. Dieses Schicksal drohte den ERZ-Emus wohl schon damals, als Pauli die überschüssigen Tiere vom Zoo übernahm.

Noch werden die Emus gefüttert, bald könnten sie selber zu Futter werden. Foto: Raisa Durandi

Auch in der Gastronomie könnten die Emus im Prinzip Verwendung finden. Ihr fett­armes Fleisch schmeckt nach einer Mischung aus Rind und Truthahn, ähnlich wie jenes von Straussen. Und Strausse ­lassen sich laut dem darauf spezialisierten Biobauern Herbert Jung aus dem Luzerner Seeland auch im fortgeschrittenen Alter noch verwerten, zu Würsten und Trockenfleisch.

Neue Führung setzt Prioritäten anders

Weniger schwierig als die Emus sollten jene alten Fahrzeuge an den Mann zu bringen sein, die unter Pauli ohne Bewilligung in einem nicht öffentlichen Oldtimermuseum angehäuft wurden. Dieses diente als Beschäftigungsprogramm für Mitarbeiter, die anders nicht mehr einsetzbar waren und womöglich bei der IV gelandet wären. Doch auch dieser Fuhrpark befindet sich nach wie vor auf dem Areal des stillgelegten Klärwerks. Weder dazu noch zu den betroffenen Angestellten gibt es Neuigkeiten.

Dem Vernehmen nach liegt das daran, dass das ERZ unter dem neuen Chef Daniel Aebli bei der Skandalbewältigung die Prioritäten anderswo setzt: namentlich bei den betriebseigenen Werkstätten, dem Weiterbildungszentrum und den Personalrestaurants, die defizitär und deshalb politisch von grösserer Bedeutung sind als Oldtimer und Emus. Beim Tiefbau- und Entsorgungsdepartement ist dazu nur zu erfahren, dass die Arbeiten «weiter fortgeschritten» seien. Kommuniziert werde aber erst, wenn man sie abgeschlossen und dem Stadtrat vorgelegt habe.

Erstellt: 12.08.2019, 10:21 Uhr

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