Die Standpauke der Chefin

FDP-Regierungsrätin Carmen Walker Späh hat in die Zukunft des ZVV geschaut. Ihre kritische Betrachtung schont weder den Kantonsrat noch den Bund.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zuerst die erfreuliche Nachricht für die ZVV-Kunden: Die Abo- und Ticketpreise steigen 2018 nicht und werden auch danach nicht im gleichen Mass erhöht wie in den letzten Jahren. Wie Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) gestern in der Rolle der Präsidentin des Verkehrsrats vor den Medien gesagt hat, ist die Schmerzgrenze erreicht. «Die Preise im ÖV sind im Vergleich zum Autoverkehr deutlich überproportional gestiegen», stellte sie fest. Die Folge: Die Kunden sind mit dem Preis-LeistungsVerhältnis nicht mehr zufrieden und steigen aufs Auto um. Oder sie kaufen Abonnemente statt Mehrfahrtenkarten. Was aus ÖV-Sicht unproblematisch erscheint, mindert aber die Einnahmen des ZVV. Von den Abos erhält der Bund mehr Anteile.

Es wird enger in der S-Bahn

Jetzt die schlechte Meldung: Es wird noch enger in den S-Bahnen. Bis 2023 rechnet der ZVV mit einem Zuwachs der Nachfrage von 20 Prozent. Gleichzeitig sind keine grösseren Ausbauschritte im Stile der Durchmesserlinie geplant. Zwar rollt ab Ende Jahr das Tram Hardbrücke und wird Ende 2019 die 1. Etappe der Limmattalbahn in Betrieb gehen. Gleichzeitig kommen im Raum Winterthur, am rechten Zürichseeufer, im Weinland und im Tösstal Verbesserungen und ab Ende 2022 die 2. Etappe der Limmattalbahn hinzu. Doch die Grossvorhaben, die einschenken, sind noch unsicher und werden nicht in den nächsten 15 Jahren gebaut. Gemeint sind der Brüttener Tunnel sowie das 4. Gleis im Bahnhof Zürich-Stadelhofen. Angesichts dieses Zeitfensters räumte Walker Späh ein, dass ihr «etwas mulmig» sei. «Die Zukunft ist ungewiss, im Kanton Zürich baut sich ein Leidensdruck auf», meinte sie.

Der Grund für die Verunsicherung kann in Bern lokalisiert werden: Mit der neuen Finanzierung der Bahnausbauten (Fabi) hat Zürich die Hoheit über die Erweiterungen verloren. Das Bundesparlament sitzt am Schalthebel. Erst 2019 entscheidet es übers Geld für «Step 2030/35» und damit, welche Bahnprojekte realisiert werden. In der 7-Milliarden-Variante ist der Brüttener Tunnel dabei, nicht aber der Bahnhof Stadelhofen. Die 12-Milliarden-Variante beinhaltet beide Projekte, die aus Sicht des ZVV nur zusammen die volle Entlastung bringen. Walker Späh resümierte leicht resigniert: «Fabi war ein grosser Schritt zur Zentralisierung.»

Unverblümte Kritik äusserte sie bezüglich des Ticketing. Mit der Obi-Vorlage (Organisation der Bahninfrastruktur) strebt der Bund die Systemführerschaft bei den Tarifen an. Kommt das Anliegen durch, könnte Bern die Tarife in den Kantonen mit ihren Verkehrsbetrieben verbindlich setzen, so die Volkswirtschaftsdirektorin. «Wir wollen den Preis aber selbst bestimmen.» Da alle Kantone gegen die Vorlage sind, hofft Walker Späh, dass sie versenkt wird.

Bei Obi gehts um den Ticketpreis, nicht um die Technik. Diese wiederum wird immer digitaler. So startet der ZVV Anfang 2018 eine Testphase mit einer neuen App, wie ZVV-Direktor Franz Kagerbauer ankündigte. Das System klingt nach Flughafen und Ferien: Check-in und Check-out. Man aktiviert die App beim Zusteigen und deaktiviert sie beim Verlassen des Zuges. Verrechnet wird danach der günstigste Preis. Kagerbauer machte auch klar, dass dies erst der Anfang der digitalen Revolution sei.

ZVV-Defizit sinkt leicht

Finanziell steht der ZVV gut da. Der Kostendeckungsgrad erreicht rekordhohe 65 Prozent, das Defizit für die zwei kommenden Jahren sinkt um 3 Millionen auf gesamthaft 709 Millionen Franken, wovon der Kanton und die Gemeinden je rund die Hälfte zahlen. «Für 1 Prozent des Budgets erhalten wir einen hoch­stehenden ÖV», rechnete Walker Späh freudig vor.

Weniger Freude hat die FDP-Regierungsrätin am bürgerlich dominierten Kantonsrat. Dieser hatte dem ZVV im Dezember «mit einem Federstrich», wie sie sich empörte, 30 Millionen gestrichen und wird es, wie er angekündigt hat, 2018 und 2019 wieder tun. «Diese 90 Millionen werden fehlen», klagte sie und nannte als Folge Abstriche beim Rollmaterial und bei den Trolleybus­linien. Walker Späh fügte an: «Wir können nicht dauernd auf dem Buckel des ÖV sparen. Es gibt Grenzen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2017, 00:15 Uhr

Artikel zum Thema

Der ÖV verliert an Rückhalt

Zürcher Bahn- und Buspassagiere ärgern sich über steigende Preise. Die Zufriedenheit sinkt. Für Regierungsrätin Carmen Walker Späh eine «gefährliche Entwicklung». Mehr...

Ruf nach fremden Spezialisten

Giftpfeile aus Zürich: FDP-Regierungsrätin Carmen Walker Späh kritisiert die Umsetzung der Einwanderungsinitiative und die wirtschaftsfeindliche Praxis bei Aufenthaltsbewilligungen. Mehr...

Wie Walker Späh den Fluglärm verteilen will

Die neue Zürcher Volkswirtschaftsdirektorin hat heute gezeigt, dass sie sehr genaue Vorstellungen hat, was das wohl heikelste Dossier auf ihrem Pult angeht. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Kommentare

Sponsored

Baumkronen und Melkcomputer

Der Bauernalltag ist nicht nur ein Knochenjob, sondern auch eine Wissenschaft. Für eine Städterin gibt es viel zu lernen. (Teil 4/4)

Die Welt in Bildern

Kühe soweit das Auge reicht: An der traditionellen Viehschau in Schwellbrunn. (25. September 2017)
(Bild: EPA/GIAN EHRENZELLER) Mehr...