Die Szene fühlt sich von Hiltl provoziert

DJs und Künstler boykottieren die Eröffnung des neuen Restaurants an der Langstrasse. Weil der Name zu schmerzlich an das erinnert, was da früher stand.

Perle statt Perla: Rolf Hiltl spricht von einem «Augenzwinkern», mit dem die Namensgebung des Betriebs zu verstehen sei. Bild: Reto Oeschger

Perle statt Perla: Rolf Hiltl spricht von einem «Augenzwinkern», mit dem die Namensgebung des Betriebs zu verstehen sei. Bild: Reto Oeschger

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Es war ein harter Bruch, als klar wurde, dass an die Stelle des Kunstraums Perla Mode an der Langstrasse ein Neubau kommen soll. Lange war das Perla Mode Treffpunkt für junge Künstler, den sie als Freiraum nutzen konnten, wie sie immer wieder gerne betonten. Im Neubau aber sollte eine Filiale des vegetarischen Restaurants Hiltl samt dazugehörigem Club einziehen. Das war der Bruch. Ob zu Recht oder zu Unrecht: Der Neubau und das Restaurant wurden zum Symbol der Veränderung des Kreises 4, des Wandels vom Arbeiterquartier zur Gegend für junge Wohlhabende. Das alles liegt schon rund drei Jahre zurück.

Aus Perla wird Perle: Der neue Schriftzug. Bild Reto Oeschger

Jetzt, kurz vor der Hiltl-Eröffnung an diesem Wochenende, flammt die Diskussion erneut auf. Ein Grund dafür ist der Name des Clubs: Perle heisst das Lokal, das jeweils von Donnerstag bis Samstag geöffnet hat und dessen musikalischer Schwerpunkt bei «Disco, Funk und Electronica aus den 80ern» liegen wird, wie es in der Pressemitteilung heisst. Es sei eine «Reminiszenz an die schillernde Disco-Funk-Zeit». Das Konzept des Clubs ist analog zu jenem des Hauptrestaurants von Hiltl, das jeweils am Wochenende zum Club umfunktioniert wird. Heisst: tagsüber in beiden Stockwerken Restaurant, am Abend oben und unten Club.

«Rolf Hiltl schmückt sich mit etwas, womit er nichts zu tun hat.»Esther Eppstein, früher Betreiberin Perla Mode

Für Esther Eppstein, die ehemalige Betreiberin des Kunstraums Perla Mode, ist die Namensgebung ein Affront: «Rolf Hiltl schmückt sich mit etwas, womit er nichts zu tun hat.» Sie habe gedacht, sie und Gastrounternehmer Hiltl wären sich über einen harten Bruch mit der Vergangenheit einig gewesen. Zudem habe Eppstein Hiltl darauf aufmerksam gemacht, dass der Bezug zum Perla Mode im Quartier schlecht ankomme. Kurz gesagt: Ein Symbol für die Gentrifizierung verhält sich besser still. Rolf Hiltl entgegnet: «Der Name Perle hat nicht nur mit dem Perla Mode zu tun.» Eine Perle sei etwas Schillerndes und Weibliches, sein Club ziehe viele Frauen an. Wenn schon, sei der Name eine «Reminiszenz» an eine vergangene Zeit.

DJs steigen wieder aus

Als eine solche sieht er auch die Graffiti, die im neuen Club die Wände zieren. Sie sind der zweite Grund für den Zorn der Szene und machen die Geschichte noch einmal komplizierter. Denn die Bilder stammen von Veli & Amos, zwei Zürcher Künstlern, die lange bei Eppstein ihr Atelier betrieben. Eines der Bilder, damals auf die Storen des alten Hauses gesprayt, schmückt nun samt Store den neuen Partykeller. Auch diese Aktion kommt bei den ehemaligen Machern des Perla Mode schlecht an. Die Sprayer seien mit ihrem Engagement für ihn zu weit gegangen, heisst es weitum. «Hiltl spaltet die Szene», sagt Eppstein, die im neuen 25 Hours Hotel an der Europaallee in der Nähe ein Kunstprojekt betreibt.

Das Corpus Delicti im Keller: Ein Artefakt des alten Gebäudes. Bild: Reto Oeschger

Als sei dies alles nicht schon verworren genug, begehren nun auch noch DJs des Clubs Perle auf. Einer von ihnen, DJ K-Rim, hat sein Engagement am Eröffnungswochenende abgesagt. Ihm sei das Perla Mode am Herzen gelegen, und zudem sei er mit Namensgebung und Konzept des neuen Clubs nicht einverstanden. Ausserdem sei er mit einem anderen Club in der Gegend verbunden. Ähnliches sagt der Zürcher Rapper Skor, der auch als DJ für die Eröffnung angefragt wurde, doch gar nicht erst zugesagt hatte.

Hiltl bietet viel Geld

Nun steht zusätzlich der Vorwurf im Raum, Hiltl wolle die Szene kaufen. Dies bestätigen nicht nur zahlreiche DJs, sondern auch die Macher des Festivals Perlaton, einer Plattform für junge, lokale Musiker, das damals ebenfalls im Perla Mode gegründet wurde. Dutzende Musiker aus den Reihen des Perlaton seien von Hiltl umworben worden mit Gagen, die das Branchenübliche bei weitem überstiegen, sagt Lea Loeb vom Perlaton. Aber: Keine Band habe das Angebot angenommen. Hiltl: Integration der Geschichte

«Ich sehe nichts Böses darin, im Quartier ein vegetarisches Restaurant zu eröffnen.»Rolf Hiltl, Gastronom

Rolf Hiltl, der zur Voreröffnung des Restaurants am Mittwoch als Erstes Randständige eingeladen hat, sagt: «Ich sehe nichts Böses darin, im Quartier ein vegetarisches Restaurant zu eröffnen.» Sowohl die Namensgebung als auch die Sprayereien seien «mit einem Augenzwinkern» zu verstehen. Aber auch «als Integration eines Stücks Zeitgeschichte». Zudem verweist er auf einen Film, der die Langstrasse vor 45 Jahren zeigt. Damals habe es die gleichen Diskussionen gegeben. Auch zu der Zeit war das Quartier im Wandel. Klar ist so viel: Unkompliziert sind diese Diskussionen auch heute nicht.

Erstellt: 22.09.2017, 14:25 Uhr

Vegi rund um die Uhr

Restaurant mit 110 Sitzplätzen

Übers Wochenende wird das neue Hiltl-Restaurant an der Langstrasse nur kurz geschlossen, um die Räume zu putzen. Ansonsten kann sich die Kundschaft während fast 23 Stunden vegetarisch und vegan verpflegen: Die etwa 100 Spezialitäten, die Rolf Hiltl mit seiner Kette auch an anderen Standorten anbietet, stehen dann zur Verfügung. Das neue Hiltl bietet 110 Sitzplätze, auf der Brauerstrasse sind zudem 100 Aussenplätze geplant. Im neuen Lokal ist neben den langen Wochenendeöffnungszeiten auch anderes neu. Das Brunchbuffet ist – quasi als Huldigung des Chräis Chäib – bis um 15.30 Uhr geöffnet. Die Bar bietet eigens für die Langstrasse kreierte Cocktails an. Am Velo-Drive-Through können Zweiradfahrer morgens Kaffee, Gipfeli, Salate und Sandwichs kaufen, ohne von ihrem Vehikel zu steigen. Und am Fenster mit Herz können Hungrige morgens zwischen 9.30 und 10.30 Uhr Gratis-Takeaway-Säcke mit Esswaren, die nicht mehr verkaufbar sind, abholen. (zet)

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