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«Die Toten hinterlassen Material im Volumen von fünf Prime Towers»

Christine Süssmann vom Zürcher Friedhof-Forum erklärt, wie der Nachlass Trauernden helfen kann.

«Meine Schwester war Anwältin, schillernd, klug, vernetzt. Wenn ich dieses Pyjama sehe, spüre ich etwas von dem, was man von aussen nicht sah. Es rührt mich. Sehr.» Christine Süssmann und was sie nach dem Tod ihrer Schwester aufbewahrte.
«Meine Schwester war Anwältin, schillernd, klug, vernetzt. Wenn ich dieses Pyjama sehe, spüre ich etwas von dem, was man von aussen nicht sah. Es rührt mich. Sehr.» Christine Süssmann und was sie nach dem Tod ihrer Schwester aufbewahrte.
Cornelia Staffelbach
«Mein Vater war bei der Swissair, und diese Dinger sassen auf seinen Schultern. Ich nehme sie nun jeweils mit, wenn ich auf Reisen gehe»: Nora Fehr, deren Vater 1996 verstarb.
«Mein Vater war bei der Swissair, und diese Dinger sassen auf seinen Schultern. Ich nehme sie nun jeweils mit, wenn ich auf Reisen gehe»: Nora Fehr, deren Vater 1996 verstarb.
Cornelia Staffelbach
«Marius fand diese drolligen Finken super. Er schlurfte darin herum und zelebrierte seinen Auftritt mit Witz und Selbstironie. Er brachte uns oft zum Lachen.» Madeleine Baltisberger über die Finken ihres Sohnes Marius, der mit 19 starb.
«Marius fand diese drolligen Finken super. Er schlurfte darin herum und zelebrierte seinen Auftritt mit Witz und Selbstironie. Er brachte uns oft zum Lachen.» Madeleine Baltisberger über die Finken ihres Sohnes Marius, der mit 19 starb.
Cornelia Staffelbach
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Sie stellen momentan im Friedhof-Forum Sihlfeld 27 Gegenstände aus, die Tote hinterlassen haben. Wie kam es zu dieser Ausstellung?

Den ersten Impuls erhielten wir von einem Text der Journalistin Vivianne Berg. Sie schrieb über das Erlebnis, die Wohnung ihrer Mutter nach deren Tod zu räumen. Ich fand das Thema interessant, weil es einen handfesten und sachlichen Zugang zu unserer Sterblichkeit ermöglicht. So entschieden wir, es in einem Zusammenspiel von Poesie und Praxis aufzugreifen. Dies, indem wir Geschichten von Erinnerungsgegenständen mit Fakten verbanden.

Können Sie ein Beispiel für solch ein Faktum machen?

Aufräumen nach dem Tod eines Menschen hat auch mit einer Materialschlacht zu tun. Ein Entrümpler schätzte, dass von einer Person durchschnittlich 15–20 Kubikmeter Material weggeworfen werden muss. In der Schweiz sterben jährlich 67'000 Menschen. Rechnen wir das hoch, hinterlassen die Toten jedes Jahr Material im Volumen von fünf Prime Towers.

Was sollen die Besucher beim Rundgang erleben?

Ich denke, er ermöglicht eine Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit und damit, was am Schluss auf uns zukommt. Bei mir hat die Ausstellung auch ausgelöst, dass ich heute weniger Material besitze als zuvor.

Die Ausstellung stösst auf reges Interesse. Wieso berührt die Thematik die Leute?

Ich merke, dass sie viele Menschen betrifft – von den Ü-55, die ihre Eltern verabschieden müssen, bis zu jungen Leuten, die erleben, wie das Grosi ins Altersheim umzieht. Für etliche ist «Räumen nach dem Tod» eine Erfahrung, die dramatisch abläuft. Die Welt eines Menschen wird aufgelöst, oft unter Zeitdruck, in einer Zeit der Trauer. Und gerade das Wegräumen von Gegenständen kann grosse Trauerwellen auslösen.

Weshalb?

Man ist ja mittendrin, und jeder Handgriff führt näher zu dem Moment, wo man ganz ohne diesen Menschen sein wird. Das tut weh, es hat aber auch etwas Gesundes. Trauernde müssen praktisch und mental eine neue Ordnung herstellen. Sie entscheiden nicht nur, diesen Hut zu behalten oder jene Briefe wegzuschmeissen, es stellt sich auch die Frage, welche Werte man von Verstorbenen übernehmen will und welche man hinter sich lässt.

Auch Sie selbst haben einen Gegenstand für die Ausstellung beigesteuert.

Ja, ein Pyjama meiner Schwester. Sie war eine eloquente und schillernde Rechtsanwältin. In diesem Nachtkleid spüre ich etwas von dem, was man von aussen nicht sah.

Hatten Sie keine Mühe, das Pyjama der Öffentlichkeit preiszugeben?

Sie starb vor bald 19 Jahren, das ist eine Weile her. Und warum sollte ich etwas nicht teilen, das mich berührt. Geschichten machen spürbar, worum es geht. Sie haben auch eine Offenheit. Unsere kleinen Geschichten tragen vielleicht dazu bei, dass auch andere Leute sich überlegen können, wie sie selbst einmal Erinnerungsstücke auswählen wollen.

Was soll als Erinnerung behalten werden?

Bei den Objekten, die uns Privatpersonen ausgeliehen haben, fällt mir auf, dass die Bedeutungen dieser Gegenstände kaum etwas mit wirtschaftlichen oder Nutzwerten zu tun haben. Eher geht es um Verbundenheit, um etwas, das die verstorbene Person besonders auszeichnete, vielleicht auch um Eigenschaften von Vorfahren, mit denen sich jemand gerne identifiziert.

Welche Strategie können Angehörige beim Räumen verfolgen?

Gibt es Strategien, die für alle passen? Manche Profis empfehlen, bei den sperrigen Sachen anzufangen, um bald ein Erfolgserlebnis zu haben. Mir wurde klar, wie komplex diese ganze Triage ist. Bei unzähligen Gegenständen muss entschieden werden: Das behalte ich, das verschenke oder verkauf ich, das geht ins Brockenhaus oder wird direkt entsorgt. Eine Räumungsstrategie könnte darin bestehen, erst einmal alles diesen unterschiedlichen Kategorien zuzuordnen. Inspirierend finde ich, was eine unserer Leihgeberinnen machte: Dinge, für die sie keine neuen Orte fand, legte sie in eine kleine Glasvitrine.

«Die letzte Ordnung. Tote hinterlassen Dinge» im Friedhof-Forum Sihlfeld dauert noch bis zum 28. November. Morgen und jeweilen am ersten Dienstag des Monats findet eine Führung durch die Ausstellung statt.

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