Stadion-Türme: Von «überzeugend» bis «unmotiviert hingeworfen»

Braucht es auf dem Hardturmareal in Zürich zwei 137-Meter-Hochhäuser? Wir haben bei den Fachleuten nachgefragt.

Braucht es hier ein 137 Meter hohes Stadttor? Der Hardturm, stadteinwärts fotografiert, rechts die Pfingstweidstrasse. Foto: Samuel Schalch

Braucht es hier ein 137 Meter hohes Stadttor? Der Hardturm, stadteinwärts fotografiert, rechts die Pfingstweidstrasse. Foto: Samuel Schalch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ancillo Canepa, Präsident des FCZ, spricht seit kurzem nicht nur über Fussball, er äussert sich auch zum Städtebau. Wer heute von Westen nach Zürich hineinfahre, sagte er in einem NZZ-Interview, habe das Gefühl, in einer «rumänischen Provinzstadt» anzukommen. Die beiden geplanten Hardturm-Hochhäuser dagegen würden ein «echtes Stadttor» bilden.

Der FCZ-Chef ist nicht der Einzige, der so redet. Die Befürworter der zwei 137 Meter hohen Türme verteidigen diese immer wieder mit dem Bild des Stadttors. Das soll heissen: Es braucht die zwei Hochhäuser, genau an diesem Ort. Denn was könnte schlecht sein an einem Stadttor?

Der Gegenwind aus Höngg

Die zwei Hochhäuser sind ein Grund dafür, warum das Stadionprojekt Ensemble Prob­leme bekommen hat. Anwohner aus Höngg wollen die Türme vor Gericht niedermachen: Zu hoch seien diese, zu nahe am Höngger Hang, das Stadtbild würden sie verschandeln.

In ihrer Kritik verweisen sie gern auf den Wettbewerbsbericht zum Ensemble. Die Jury schrieb 2016: «Man wünschte sich die beiden Hochhäuser schlanker mit einer weniger gewichtigen Erscheinung. Dies betrifft vor allem die Fernsicht.» Schon früher hiess es in einem Dokument der Stadt, dass sich das Hardturmareal nur bedingt für Hochhäuser eigne.

Bilder: So soll das neue Stadion aussehen

Daraus leiten die Gegner ab: Die Rendite habe die Höhe bestimmt. Ob die Türme auf den Hardturm passten, zähle nicht.

Lieber hoch als eine Wand

Stadttor oder Stadtverschandelung? Weder noch, findet Lisa Ehrensperger. Die Zürcher Architektin gehörte zur Jury, die das Projekt Ensemble zum Sieger kürte. Die zwei Hochhäuser hätten die neun Mitglieder überzeugt: von der Setzung her, der Gliederung, dem Herauswachsen aus dem Sockel, der Fassadengestaltung. «Tatsächlich hätten wir sie uns etwas schlanker gewünscht, aber sie sind so gut vertretbar», sagt Ehrensperger.

Als entscheidend habe die Jury die Proportionen beurteilt, nicht die absolute Höhe. Hochhäuser sollten nicht plump und massig wirken. Dies sei der Fall gewesen bei den Projekten, welche die Fläche auf drei statt zwei Türme verteilten. «Diese drei Türme waren zwar niedriger, bildeten aber viel eher eine Wand gegenüber Höngg.»

Die neuen Hochhäuser würden nicht allein stehen, wie dies die Gegner behaupteten, sagt Ehrensperger. Vielmehr bildeten sie mit den anderen Hochhäusern entlang der Pfingstweidstrasse eine Reihe. Als Stadttor habe die Jury die Hochhäuser aber nie betrachtet. Weiter westlich, in Alt­stetten, gebe es ja bereits mehrere Türme.

«Wir hätten uns die Hochhäuser etwas schlanker gewünscht, aber sie sind auch so gut vertretbar.»Lisa Ehrensperger, Zürcher Architektin und Mitglied der Wettbewerbsjury

Die ganze Aufregung hält Lisa Ehrensperger für wenig rational. Ein Leitbild regelt, wo und wie in Zürich Hochhäuser gebaut werden dürfen. Es gilt seit dem Jahr 2001, ist demokratisch abgestützt. «Wer die Hochhäuser ablehnt, müsste diese Richtlinien bekämpfen», sagt die Architektin. Den Einwand der Gegner, dass die Türme dem Höngger Hang zu nahe kämen, bezeichnet sie als «objektiv falsch». Der Abstand bleibe genug gross.

Katrin Gügler, Direktorin des Amtes für Städtebau, findet es wichtig, die zwei Hochhäuser im Zusammenhang mit dem Stadion und der Wohnüberbauung zu betrachten. Die Wohnsiedlung verbinde das Areal mit dem umliegenden Quartier, die Hochhäuser würden «eher grossräumig gelesen». Dazwischen bilde das Stadion einen neuen Anziehungspunkt.

Sind Hochhäuser urban?

Kritiker aus der Fachwelt haben sich eher selten in den Wahlkampf eingemischt. Das liegt auch daran, dass die Architekturszene klein ist und niemand Kollegen angreifen will. Unter garantierter Anonymität hört man aber durchaus Negatives: Unmotiviert hingeworfen seien die Hochhäuser, es gelinge ihnen nicht, zusammen einen städtischen Raum zu schaffen.

Beim Turmstreit schwingt immer auch die Frage mit, ob man Hochhäuser grundsätzlich ablehnt. Viele Gegner tun dies. Sie verurteilen die Bauform als teuer und unökologisch, finden, dass das «Stapeln von Menschen» zu sozial isoliertem Wohnen führe. Dabei verweisen sie gern auf den renommierten dänischen Städteplaner Jan Gehl. Dieser nennt Hochhäuser «die Antwort des faulen Architekten auf die Frage nach Dichte».

Den Stadtsoziologen und ETH-Professor Christian Schmid (selber kein Grundsatz-Hochhausgegner) stört es, dass die zwei Hardturm-Türme gern als «ur­ban» bezeichnet werden. Dabei führten sie jene Art von Städtebau fort, der in Zürich-West schon vorherrsche: «viel urbane Symbolik, grosse Wahrzeichen, unbelebte Aussenräume». Schmid hält dies für nicht sehr städtisch. Im Gegenteil. «Urbanität bedeutet, dass im öffentlichen Raum etwas läuft, dass sich Leute auf der Strasse begegnen.»

Erdgeschosse würden öffentlich genutzt

Im früheren Industriequartier geschehe das nicht. Das merke, wer vom alten Kreis 5 in den neuen Teil spaziere. «Plötzlich sieht man kaum mehr Menschen.» Die zwei Hochhäuser würden diese Entwicklung verstärken. Sie seien zu wenig auf die Strasse hin geöffnet, so werde sich das Leben ins Innere verlagern. Auch das Stadion, sagt Schmid, bleibe abgesehen von den Spielterminen eine geschlossene Anlage.

Die Befürworter hingegen versprechen einen durchmischten neuen Stadtteil. Auf den meisten Darstellungen des Projekts tummeln sich zahlreiche Menschen. Katrin Gügler, oberste Zürcher Städtebauerin, betont, dass die Erdgeschosse der Hochhäuser öffentlich genutzt würden. Das strah­le auf den um­liegenden Platz und Strassenraum ab.

Auch an einem Architektur-Podium von letzter Woche sei das Projekt gut angekommen, sagt Organisator Andreas Sonderegger. Er ist Partner bei den Zürcher Pool Architekten, die das Ensemble mitentworfen haben. Gelobt worden seien die zurückhaltende Architektur sowie die verwandte Gestaltung der Bauten. Die Höhe habe kaum Einwände ausgelöst.

Ein Fall für die Richter

Die Frage, ob die Hardturm-Hochhäuser Zürich-West verschönern oder Höngg verschandeln, wird Zürich auch nach einem Ja zum Projekt beschäftigen. Als Maximalhöhe in der Hochhauszone gelten 80 Meter. Das Ensemble braucht also eine Bewilligung für zusätzliche 57 Meter. Um diese zu bekommen, muss das Projekt gestalterisch und städtebaulich besonders überzeugen. Ob es das tut, entscheiden am Ende die Gerichte.

Erstellt: 14.11.2018, 09:14 Uhr

Artikel zum Thema

Als Zürich ein echtes Fussballstadion hatte

Kolumne Der alte Hardturm war eigentlich stillos, aber irgendwie doch stilvoll. Mehr...

Der bisher beste Vorschlag

Leitartikel Zürich braucht eine richtige Fussballarena. Das Hardturm-Projekt passt zum Geist der Stadt: Es steht für Durchmischung und Erneuerung. Mehr...

Jetzt sammelt die SP für eine vierte Hardturm-Abstimmung

Auf der Strasse punktet die SP besonders mit einem Schlagwort. Nun hat sie bereits die Hälfte der notwendigen Unterschriften für ihre Stadion-Initiative beisammen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Eine Fan-Tribüne wie eine Skisprung-Schanze

Das geplante Fussballstadion ist sehr steil: Sehen Sie hier den Vergleich mit den anderen Schweizer Arenen. Mehr...

Von «überzeugend» bis «hingeworfen»

Braucht es auf dem Hardturmareal zwei 137-Meter-Hochhäuser? Wir haben bei den Fachleuten nachgefragt. Mehr...

Wenn die SP den Stadtrat bekämpft

Analyse Beim Stadion könnte es zu einem seltenen Stadtzürcher Polit-Ereignis kommen: einer SP-Niederlage. Mehr...